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Lockdown in Europa könnte bereits Zehntausende COVID-19-Todesfälle verhindert haben

Mittwoch, 1. April 2020

/Stuart Miles, stock.adobe.com

London – Die in den vergangenen Wochen eingeleiteten Einschränkungen im privaten und öffentlichen Leben haben nach Berechnungen britischer Epidemiologen in den letzten Wochen zwischen 21.000 und 120.000 Todesfälle verhindert. Die Maßnahmen könnten jedoch zur Folge haben, dass sich in Europa keine Herdenimmunität entwickelt, so dass bei einer Lockerung mit einem erneuten Anstieg der Erkrankungen gerechnet werden müsse.

Epidemiologen des Imperial College London haben in den vergangenen Wochen mehrfach versucht, mehr über die SARS-CoV-2-Epidemie in Erfahrung zu bringen, als die offiziellen Zahlen zu erkennen geben. Zuerst hat das Team um Neil Ferguson durch Analyse der Reisebewegungen ermittelt, dass in China vermutlich mehr Menschen infiziert waren, als die dortige Regierung mitteilte. Später wurden verschiedene Szenarien zum Verlauf der Epidemie in Europa vorgestellt.

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Die aktuellen Berechnungen ergeben, dass die seit Anfang bis Mitte März eingeleiteten Maßnahmen zur Selbstisolierung von Verdachtsfällen, zur räumlichen Distanzierung, zum Verbot von Massenveranstaltungen, zum Schulschluss und zum weitgehenden Lockdown des öffentlichen Lebens Wirkung gezeigt haben.

Die Forscher schätzen, dieses Mal auf der Basis der Todesfälle, dass die Zahl der Infizierten vermutlich deutlich höher ist, als die bestätigten Fälle vermuten lassen. In Italien haben sich nach den Berechnungen der Forscher bis zum 28. März vermutlich 5,9 Millionen Menschen infiziert, was 9,8 % der dortigen Bevölkerung entspricht. In Spanien soll es bereits 7,0 Millionen Infizierte geben oder 15 % der Bevölkerung. Deutschland hat den Berechnungen zufolge mit 600.000 die niedrigste Zahl von Infizierten. Das wären 0,72 % der Bevölkerung.

Doch die eingeleiteten nicht-medikamentösen Maßnahmen könnten bereits eine Wirkung erzielt haben. Die Basisreproduktionszahl (Rt), also die Zahl von Menschen, die ein Infizierter ansteckt, lag zu Beginn der Epidemie in Europa bei 3,87 (3,01 bis 4,66). In Norwegen könnte sie bereits auf unter 1 gefallen sein, was ein baldiges Ende der Epidemie andeutet – solange die Maßnahmen in Kraft bleiben.

Die von Ferguson ermittelte Rt von 0,97 ist mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,14 bis 2,14 jedoch mit erheblichen Unsicherheiten verbunden. Kein Ende in Sicht ist laut den Berechnungen in Schweden, wo die Rt mangels einschneidender Maßnahmen noch bei 2,64 (1,40 bis 4,18) liege. In allen 11 europäischen Ländern (für die Berechnungen angestellt wurden) zusammen, würde die Rt bei 1,43 liegen.

Ohne die Maßnahmen wären nach den Berechnungen schon deutlich mehr Menschen gestorben. Ferguson schätzt, dass in den 11 europäischen Ländern bis Ende März 59.000 Todesfälle (21.000 bis 120.000) verhindert wurden. Die meisten davon in Italien (38.000; 13.000 bis 84,000) und Spanien (16.000; 5.400 bis 35.000). In Deutschland, das sich noch am Anfang der Epidemie befindet, hätte es ohne die Maßnahmen bisher „nur“ 550 (91 bis 1.800) mehr Todesfälle gegeben.

Über den weiteren Verlauf der Epidemie macht sich Ferguson keine Illusionen. Ein Ende der Erkrankungswelle sei vorerst nicht in Sicht. Der Anteil der Infizierten an der Bevölkerung sei in den 11 Ländern mit 4,9 % noch viel zu niedrig, um eine Herden­immunität aufzubauen, die eine Ausbreitung auch ohne Gegenmaßnahmen verhindern würde. Der Forscher geht davon aus, dass zwischen 50 bis 75 % der Bevölkerung eine Immunität erworben haben müssten, damit es zu einem natürlichen Ende der Epidemie komme. © rme/aerzteblatt.de

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