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Politik

Gestresste Familien: Große Sorge vor häuslicher Gewalt

Mittwoch, 1. April 2020

/ruigsantos, stock.adobe.com

Berlin – Schulen, Kitas und Spielplätze sind zu, Eltern und Kinder bleiben zu Hause, die Nerven liegen vielfach blank. In der Coronakrise wächst die Sorge vor häuslicher Ge­walt und Missbrauch.

Die Opferschutzorganisation Weißer Ring warnt. „Wir müssen leider mit dem Schlimms­ten rechnen“, sagte Jörg Ziercke, Bundesvorsitzender der Opferschutzorganisation Weißer Ring. „Die Coronakrise zwingt die Menschen, in der Familie zu bleiben, hinzu kommen Stressfaktoren wie finanzielle Sorgen und Zukunftsunsicherheit.“

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Die Opferhelfer kennen das Problem von Festtagen wie Weihnachten, sagte Ziercke. „Wenn die Menschen tagelang zu Hause sind, gehen die Fallzahlen in die Höhe. Die Kon­taktsperre wegen Corona dauert aber sehr viel länger als Weihnachten, die Stressfak­toren sind auch größer.“

Die Politik hat das Problem auf dem Schirm. Der Missbrauchsbeauftragte der Bundesre­gierung, Johannes-Wilhelm Rörig, sagte dem RBB-Inforadio: „Jeder, der sich im Kinder­schutz engagiert und für das Kindeswohl kämpft, der ist im Moment in größter Sorge.“ Die Lage von Kindern, die sexueller Gewalt durch Väter, Brüder oder Mütter ausgesetzt seien, verschärfe sich „enorm“.

Bundesfrauenministerin Franziska Giffey (SPD) hat mit den Gleichstellungs- und Frauen­ministern der Länder Maßnahmen vereinbart – etwa, das Hilfetelefone gegen Gewalt an Frauen (08000 116 016) und für Schwangere (0800 40 40 020) am Laufen zu halten.

Beratung für Schwangere, die über einen Abbruch nachdenken, soll es auch online oder am Telefon geben. Falls Frauenhäuser überfüllt sind, sollen die Behörden vor Ort nun prüfen, ob etwa leerstehende Hotels und Ferienwohnungen angemietet werden können.

Beim Elterntelefon der „Nummer gegen Kummer“ unter der Rufnummer (0800 111 0550) gibt es aktuell einen Anstieg von 21 Prozent gegenüber den Vormonaten, wie das Fami­lien­ministerium erklärte. Bei der Chat-Beratung für Kinder und Jugendliche liegt der An­stieg bei 26 Prozent.

Alles tun, um Kinder zu schützen

„Bund, Länder und Kommunen müssen jetzt alles tun, damit Kinder und Jugendliche auch während der Coronakrise vor Missbrauch und Gewalt geschützt sind“, sagte Giffey. Des­halb sei eine funktionsfähige Kinder- und Jugendhilfe in der derzeitigen Lage von ganz erheblicher Bedeutung.

Giffe betonte, die Beratungsangebote würden derzeit ausgebaut. „Viele Jugendliche sind im Netz unterwegs, deswegen eignen sich Onlineangebote zur Beratung in Krisensitua­tionen besonders gut. Hier konnten wir eine Reihe von Projekten ausbauen.“

Geplant ist der Ausbau der JugendNotmail (jugendnotmail.de), bei der Kinder und Jugend­liche von 10 bis 19 Jahren per E-Mail, im Gruppenchat oder in offenen Foren Unterstüt­zung, Rat und Austausch finden. Die Beratungsangebote der „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche (Rufnummer: 116 111) sowie für Eltern (Rufnummer 0800 111 0550) und von jmd4you (Beratung von jungen Menschen mit Migrationshinter­grund) werden erweitert.

Experten warnen, dass die Ausgangsbeschränkungen gerade auch für Kinder gefährlich werden können. Wo es Gewalt gebe, werde sie noch einmal schlimmer, erklärte die Leite­rin des Lehrstuhls Klinische Psychologie und Psychotherapie an der Universität des Saar­landes, Tanja Michael. Weil Kitas und Schulen dicht seien und Kontakte nur eingeschränkt erlaubt, seien Familien unter sich.

„Die Täter haben jetzt viel mehr Zugriff auf die Kinder und die Kinder haben weniger Mög­lichkeiten, nach außen Signale zu senden, dass etwas nicht stimmt“, sagte die Pro­fessorin. Hinzu komme, dass die Täter in der derzeitigen Situation vermutlich „noch schlech­ter gelaunt sind als normalerweise“. Aus Wuhan in China, wo das Coronavirus zu­erst grassierte, gebe es Untersuchungen: Dortige Frauenorganisationen hätten in der Quarantänezeit dreimal so viele Opfer von häuslicher Gewalt registriert.

Auch die Berliner Gewaltschutzambulanz, wo Opfer ihre Verletzungen vertraulich und kostenlos dokumentieren lassen können, befürchtet einen Anstieg von Kindesmisshand­lun­gen. „Die soziale Kontrolle ist derzeit nicht da – der Bereich, in dem sonst häusliche Gewalt gegen Kinder auffällt, also in Schulen, Kitas oder bei Tagesmüttern, ist ja gerade weggefallen“, sagte die Vizechefin der Ambulanz, Saskia Etzold. Verletzungen würden weniger bemerkt.

Aus anderen Ländern gibt es schon Belege dafür, dass vor allem für Frauen und Kinder das Risiko in den eigenen vier Wänden steige, wenn soziale Ko­ntrolle wegfällt und Familien – oft auf engem Raum – auf sich gestellt seien.

Beispiele dafür nannte die Generalsekretärin des Europarats, Marija Pejčinović Burić. Be­richte aus Frankreich zeigten etwa, dass viele Frauen wegen der Beschränkungen keine Notrufstellen anrufen könnten, sagte sie. Bei den Hilfe-Telefonnummern gingen gut vier­mal weniger Anrufe ein als normalerweise. Dafür hätten Sofortnachrichten im Internet an Hilfsorganisationen in ganz Europa zugenommen. Das könne bedeuten, dass Täter ihre Opfer davon abhalten, telefonisch Hilfe zu suchen.

In Dänemark habe man beobachtet, dass die Zahl der Frauen gestiegen sei, die Zuflucht in einem Frauenhaus suchten, berichtete Pejčinović Burić weiter. Neben dem Gewaltrisiko könne die Krise Frauen auch wirtschaftlich treffen und ihre finanzielle Unabhängigkeit bedrohen. Der Europarat wacht über die Menschenrechte in 47 Mitgliedstaaten – neben den EU-Ländern etwa auch die Schweiz, Russland, Türkei, Ukraine oder Aserbaidschan. © dpa/EB/aerzteblatt.de

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Wolfgang Rödle
am Donnerstag, 9. April 2020, 14:48

Hört mit der einseitigen Darstellung auf!

Bitte! Hört endlich auf mit "Väter und Männer sind die Bösen!" Dieser Lüge glaubt keiner mehr!

Frauen teilen genauso aus wie Männer, nur dass psychische Gewalt (NOCH) nicht strafbar ist. Ich kenne viele Männer, die wegen sowas Hilfe suchen. Aber in unserer Gesellschaft muss man ja als Mann stark sein und die bösen und oft SEHR verletzenden Worte der Frau ertragen.

Hört auf dieses Thema einseitig darzustellen!

Häusliche Gewalt ist NICHTS geschlechtlich Spezifisches. Eine Frau schlägt auch körperlich zu. Ein Mann teilt auch verbal aus. Die Hilfe braucht die Familie oder die Beziehung, aber nicht nur die Frau. Bitte, bitte fangt an dieses Thema objektiv und geschlechtlich-neutral zu betrachten.

"Die Zahlen sagen aber..." Klar sagen die Zahlen, dass Frauen häufiger die Opfer sind. Sucht euch als Mann Hilfe und ihr bekommt gesagt: "Dafür gibt es kein Gesetz. Sie tut nichts Illegales." oder "Da müssen Sie als Mann darüberstehen." Bei einer Frau wird sofort ein Eintrag gemacht und die Zahlen gehen weiter in die Höhe für die Frauen.

Das Thema muss objektiv und neutral betrachtet werden!

Und noch etwas:
Wenn jemand austeilt, dann nicht weil die Person böse ist, sondern weil etwas in ihrem Leben nicht stimmt. Da muss der Partner gar nicht "Schuld haben". Die Hilfestellen sollten die Probleme identifizieren und nicht durch Zuhören dem "Opfer" eine unausgesprochene Zustimmung geben. Hilfe kann hier sehr einfach sein, aber auch sehr komplex. Viele Familien brauchen Hilfe. Durch eine einseitige Betrachtung und Darstellung wird niemandem, auch der Frau schlussendlich nicht geholfen.
LNS

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