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Kindercerealien enthalten zu viel Zucker

Donnerstag, 2. April 2020

/dpa

Berlin – 99 Prozent der speziell an Kinder gerichteten Cerealien wie Müslis und Corn­fla­kes überschreiten beim Zuckergehalt die Empfehlung der Weltgesundheits­organisation (WHO) von 15 Gramm Zucker pro 100 Gramm. Zu diesem Ergebnis kommt eine Analye der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK), die der AOK-Bundesverband in Auftrag gegeben hat. Bei der Testung von Frühstückcerealien allgemein – also nicht nur jener für Kinder – ermittelten die Forscher in 73 Prozent zu hohe Zuckerwerte.

Die GfK wertete für die Studie das Kaufverhalten von 30.000 Haushalten in Deutschland aus und bestimmte den Zuckergehalt von über 1.400 Produkten. Angesichts der Ergeb­nisse gaben die Marktforscher der Studie den Titel „Süß, süßer, Frühstück“.

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Die GfK und der AOK-Bundesverband haben die Studienergebnisse mit den Zuckerantei­len aller getesteten Produkte im Internet veröffentlicht. Den höchsten Zuckerwert fanden die Marktforscher in dem Produkt „Kellogs Smacks“ – es enthält offenbar 43 Gramm Zu­cker pro 100 Gramm des Produktes.

„Wir müssen den Zuckergehalt in Fertigprodukten, Softdrinks und Frühstückscerealien dringend reduzieren, um die jüngere Generation vor Adipositas und anderen ernährungs­bedingten Krankheiten zu schützen“, sagte Sigrid Peter, Vizepräsidentin des Berufsverban­des der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).

Politische Konsequenzen notwendig

Der AOK-Bundesverband fordert angesichts der Studienergebnisse schnelle politische Konsequenzen. „Der Zuckergehalt in Frühstückscerealien ist erschreckend hoch, speziell in Kinderprodukten. Vor diesem Hintergrund erscheinen die mit der Lebensmittel­industrie im Rahmen der Nationalen Reduktionsstrategie vereinbarten Ziele geradezu skandalös“, sagte Kai Kolpatzik, Abteilungsleiter Prävention im AOK-Bundesverband. Nötig seien „wirksamere und vor allem verpflichtende Reduktionsziele, die nicht erst in fünf Jahren umgesetzt sind“, so der Präventionsexperte.

Der BVKJ weist daraufhin, dass in Deutschland 15 von 100 Kindern übergewichtig und sechs von 100 adipös seien. „Eine energiedichte Ernährung und der regelmäßige Verzehr von energiedichten verarbeiteten Lebensmittelprodukten (hohe und häufige Zuckerzu­fuhr) erhöhen das Risiko für Übergewicht und Adipositas.

Damit steigt auch das Risiko für zahlreiche mit Übergewicht assoziierte Erkrankungen wie Diabetes mellitus Typ 2 und kardiovaskulären Erkrankungen sowie die Entstehung von Zahnkaries. Und sie verursachen geschätzt 145 Milliarden Euro Lebenszeit-Krank­heits­kosten für die jetzt in Deutschland lebenden übergewichtigen Kinder und Jugend­lichen“, sagte Peter.

Kritik an Klöckner

Sie kritisierte, die Ziele des Bundesministeriums für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) für weniger Zucker in der Nahrung seien „wenig ambitioniert“. „Sowohl die ge­plan­te Zeitspanne bis 2025 für die Reformulierung als auch die angestrebten Zielgrößen sind nicht ausreichend, um wirksame Veränderungen zu erzielen.

Unzureichend ist vor allem die Freiwilligkeit der Maßnahmen“, sagte sie. „Für die Kinder von heute kommen die Maßnahmen viel zu spät. Die Zunahme von Übergewicht und Adi­positas wird sich weiter beschleunigen, insbesondere in der Gruppe von Kindern und Jugendlichen, die aufgrund ihres sozioökonomischen Status ohnehin geringere Gesund­heits­chancen haben“, so die Pädiaterin.

Bundesernährungsministerin Julia Klöckner (CDU) hat bislang auf eine freiwillige Selbst­verpflichtung des Industrie gesetzt. Gestern gab sie mit Verweis auf eine Analyse des bundeseigenen Max-Rubner-Instituts (MRI) bekannt, dass diese wirke. Allerdings gebe es weiter Handlungsbedarf, vor allem bei Produkten speziell für Kinder.

Laut MRI-Untersuchung ging der Zuckergehalt bei speziell für Kinder beworbenen Jo­ghurt­zubereitungen seit 2016 um 7,4 Prozent zurück. Er ist aber weiter höher als in Pro­dukten, die nicht für Kinder angepriesen werden. „Da muss die Wirtschaft nachsteuern“, sagte Klöckner. Bei Quarkzubereitungen „mit Kinderoptik“ gab es demnach ein Zuckermi­nus von knapp 18 Prozent.

Bei Erfrischungsgetränken ermittelte das Institut eine Zuckerreduktion von 35 Prozent bei Produkten ausdrücklich für Kinder im Vergleich zu 2018. Bei regulären Limos und Colas fiel das Minus mit 0,2 Gramm pro 100 Milliliter aber nur „sehr gering“ aus. Bei Tiefkühl­pizzen, wo vor allem Salz im Blickpunkt steht, ist die Spannweite generell groß – in einer „Pizza Salami“ steckt deutlich mehr als in einer „Margherita“. Insgesamt sei aber „keine statistisch signifikante Verringerung des Salzgehaltes zwischen 2016 und 2019 festge­stellt worden“.

Klöckners Zwischenbilanz stieß bei Verbraucherschützern auf Kritik. „Eine Zuckerreduk­tion von „sehr viel zu viel“ auf „viel zu viel“ ist kein Erfolg, sondern eine Bankrotterklä­rung“, monierte die Verbraucherorganisation Foodwatch. Grünen-Fachpolitikerin Renate Künast sagte, freiwillige Selbstverpflichtungen der Konzerne seien nicht ausreichend im Kampf gegen viel zu süße, salzige und fettige Fertiglebensmittel.

Hintergrund ist eine vom Bundeskabinett Ende 2018 beschlossene „Reduktionsstrategie“. Sie sieht vor, dass Hersteller sich zu schrittweisen Zutaten-Änderungen bis 2025 ver­pflich­ten. Meist geht es um weniger Zucker. So soll in Frühstückscerealien für Kinder ein Minus von mindestens 20 Prozent erreicht werden, in gesüßten Kinder-Milchprodukten und in Erfrischungsgetränken von 15 Prozent. Dabei sollen Rezepturen nach und nach umgestellt werden, um beim gewohnten Geschmack für die Kunden abrupte Änderungen zu vermeiden. © hil/dpa/may/aerzteblatt.de

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