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Zu wenig Tests: Boris Johnson wegen Krisenmanagements in der Kritik

Donnerstag, 2. April 2020

Boris Johnson /picture alliance, AP Images

London – Der britische Premierminister Boris Johnson gerät wegen Mängeln bei der Be­kämpfung des Corona-Ausbruchs zunehmend unter Druck. Kritiker werfen der britischen Regierung unter anderem vor, dass viel zu wenig Corona-Tests vorgenommen werden und nach wie vor Tausende Beatmungsgeräte für die COVID-19-Lungenkranken fehlen.

Klinikärzte haben inzwischen auch Anweisungen erhalten, angesichts der knappen Res­sou­rcen künftig zu entscheiden, bei welchen Patienten sich der Einsatz eines Beatmungs­gerätes lohnt – und wer nicht beatmet werden kann. Der Chef der Ethik-Kommission der Ärzteorganisation British Medical Association (BMA), John Chisholm, sagte: „Niemand will solche Entscheidungen machen, aber wenn die Ressourcen erdrückend sind, müssen diese Entscheidungen getroffen werden.“

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Britische Medien – auch konservative – bemängelten auf ihren Titelseiten heute einheit­lich Strategiemängel der Regierung. Die Zeitung The Independent titelte etwa „Fragen, aber keine Antworten“, die Times schrieb über das „Chaos bei Plänen für Virus-Tests“ und die Daily Mail von einem „Test-Skandal“.

Demnach sind beispielsweise von 550.000 Angestellten des staatlichen Gesundheits­diens­tes NHS (National Health Service) gerade einmal 2000 auf den Corona-Erreger ge­testet worden. Die Statistiken zu den Tests seien eine Demütigung für die Regierungsmit­glieder, kommentierten Medien. Paul Cosford, emeritierter ärztlicher Direktor für öffent­liche Gesundheit (PHE) in England, kritisierte im Sender BBC: „Jeder, der darin involviert ist, ist frustriert.“

Johnson sagte gestern Abend in einer Videobotschaft per Twitter, dass die Zahl der Tests massiv erhöht werden müsse. Nur so könnten NHS-Mitarbeiter in Selbstisolation überprü­fen, ob sie sich wirklich mit dem Coronavirus angesteckt haben – falls nicht, könnten sie dann umgehend wieder den Patienten helfen. Auch der Premierminister hat sich mit dem Erreger angesteckt und arbeitet in Isolation.

Fast eine Million Infizierte

Mittlerweile haben sich weltweit mehr als 950.000 Menschen nach Angaben der Johns-Hopkins-Universität mit SARS-CoV-2 infiziert. Zudem wurden weltweit mehr als 48.000 Corona-Tote registriert. Weil Testkapazitäten be­schränkt sind und vielfach Infizierte mit leichten oder fehlenden Symptomen nicht getes­tet werden, dürften die wirklichen Fall­zahlen deutlich höher liegen.

Europa ist der am stärksten betroffene Kontinent. Dort wurden mittlerweile mehr als 500.000 Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus nachgewiesen. Mehr als 34.500 der Infizierten starben. Besonders ernst ist die Lage nach wie vor in Italien und Spanien.

In Italien starben bereits 13.155 der mehr als 110.500 Infizierten – so viele wie in kei­nem anderem Land der Welt. In Spanien wurden bis heute Nachmittag 10.003 Corona-Tote gezählt. Insgesamt infizierten sich mehr als 110.000 Menschen in dem EU-Land, 26.743 sind aber mittlerweile geheilt.

In Belgien überstieg die Zahl der Corona-Toten die Tausendermarke. 1.001 mit dem neu­artigen Coronavirus infizierte Menschen seien gestorben, teilten die Gesundheitsbehör­den in Brüssel mit. Damit verdoppelte sich die Zahl der Todesopfer binnen drei Tagen. Der deutliche Anstieg hängt auch damit zusammen, dass einige Todesfälle in Senioren­heimen nachträglich registriert wurden.

Damit wurden in dem 11,4-Millionen-Einwohner-Land mit seinen gut 15.000 Infizierten mehr Corona-Tote gezählt als im benachbarten Deutschland. Nach Angaben des Robert-Koch-Instituts starben hierzulande 872 Infizierte, die Johns-Hopkins-Universität in Balti­more gibt die Zahl mit 944 an.

In den USA starben bereits mehr als 5.100 der rund 217.00 Infizierten, auch in Frankreich gibt es mehr Opfer der Corona-Pandemie als im Ausgangsland. In Deutschland erhöhte sich die Zahl der mit SARS-CoV-2 infizierten Menschen auf mehr als 80.600. Es gab rund 960 Opfer.

Die meisten offiziell be­stätigten Corona-Todesfälle in Asien entfallen auf Festlandchina (3.318 Tote) und den Iran (3.160 Tote). In Lateinamerika und der Karibik stieg die Zahl der nachgewiesener­ma­ßen Infizierten bis gestern auf mehr als 20.000. Sie lag damit doppelt so hoch wie noch vor fünf Tagen.

Probleme in Schweden

In Schweden, das erst in dieser Woche ein Besuchsverbot für alle Altersheime im Land erlassen hat, berichten Medien heute über hohe Infiziertenzahlen in einem Stockholmer Altenheim.

Ein Pflegedienst sagte heute dem Fernsehsender SVT, dass es in den von ihm betreuten Heimen in der Region Stockholm mittlerweile 250 Ältere mit einer Infektion gebe, darun­ter viele mit Vorerkrankungen. Davon seien bisher 50 gestorben, sagte der Leiter des Dienstes Fami­ljeläkarna, Stefan Amér.

Familjeläkarna ist laut SVT für die ärztliche Pflege in etwas weniger als der Hälfte der Altenheime in der Region zuständig. Wie viele Menschen in den Stockholmer Altenhei­men insgesamt an COVID-19 erkrankt sind, ist bislang unklar.

„Wir bekommen Signale aus Stockholm, aber auch aus anderen Teilen des Landes, dass es mehr Fälle in Altersheimen gibt“, sagte auch der Staatsepidemiologe Anders Tegnell heute auf seiner täglichen Pressekonferenz. Man sei beunruhigt über die Entwicklungen für die ältere Generation.

Insgesamt sind in Schweden bislang 282 an COVID-19 erkrankte Menschen gestorben, 178 davon in der Region Stockholm. Landesweit gab es bis heute Nachmittag fast 5.500 bestätigte Infektionsfälle. © dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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