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Politik

COVID-19: Intensivpatienten müssen zentral gesteuert werden

Freitag, 3. April 2020

/pongmoji, stock.adobe.com

Berlin/Eschweiler – Intensivmediziner haben sich für eine koordinierte Lenkung der COVID-19-Patientenströme ausgesprochen. Mithilfe einer übergeordneten Struktur müss­ten die Patienten in die passenden Krankenhäuser verteilt werden, sagte der Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI), Uwe Janssens, gestern bei einem virtuellen Press Briefing des Science Media Center Germany.

„Wir brauchen jemanden, der von oben auf die Versorgung schaut und die Koordinierung übernimmt.“ Derzeit werde eine entsprechende Struktur vom Bundesgesundheits-, Bun­desverteidigungs- und Bundesinnenministerium erarbeitet. In diesem Zusammen­hang lobte Janssens die Zusammenarbeit mit Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU). Die Kooperation funktioniere „extrem gut“.

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Der Leiter der Klinik für Anästhesiologie mit Schwerpunkt operative Intensivmedizin an der Berliner Charité, Steffen Weber-Carsten, beschrieb die Strukturen, die zur Lenkung der COVID-19-Patientenströme in Berlin etabliert wurden: „Vor drei Wochen haben wir in Berlin mithilfe des Senats ein Modell zur Behandlung von COVID-19-Patienten gegrün­det“, sagte er. „Dabei sind 18 Schwerpunktplankrankenhäuser beteiligt, die in drei Level einer intensivmedizinischen Versorgung unterteilt sind.“

Koordinierung von Patientenströmen über Zentrale Leitstelle

Im Level 1 werden die Schwerstkranken mit einer künstlichen Lunge versorgt. Ein Level-1-Zentrum ist das ARDS ECMO Zentrum der Charité, das auf die Behandlung von Patien­ten mit akutem Lungenversagen spezialisiert ist.

ARDS steht für „acute respiratory distress syndrome“ – akutes Lungenversagen – und ECMO für „extracorporeal membrane oxygenation“ – extrakorporale Membran­oxyge­nie­rung. In Deutschland gebe es etwa 15 bis 20 solcher Zentren, sagte Weber-Carsten.

Im Level 2 stehen weitere intensivmedizinische Beatmungskonzepte für COVID-19-Pa­tienten zur Verfügung. In Level-3-Krankenhäusern werden die intensivmedizinischen Ka­pazitäten für Nicht-COVID-Patienten freigehalten. „Wir haben eine zentrale Leitstelle eingerichtet, bei der alle Anrufe eingehen, bei der es um die Zuweisung von Schwerst­kranken geht“, erklärte Weber-Carsten. „Über acht Apparate werden die Patientenströme koordiniert.“

Reha-Kliniken stehen als Überlaufkliniken bereit

Reinhard Busse, Leiter des Fachgebiets Management im Gesundheitswesen an der Technischen Universität Berlin, beschrieb die Situation in Mecklenburg-Vorpommern: „Das Land wurde in vier Cluster eingeteilt. In jeder Region ist ein Krankenhaus für die Versorgung der COVID-19-Patienten verantwortlich.“

Die Anmeldung der Patienten laufe über diese Krankenhäuser, die dann mit kleineren Häusern in der Umgebung kooperierten. Als Überlaufkrankenhäuser für Nicht-COVID-Patienten stehe in jeder Region eine Reha-Klinik bereit, die für normale Patienten umgerüstet wurde.

Im ambulanten Bereich sei zudem in jedem Cluster ein großes Testzentrum eingerichtet worden, in dem Verdachtsfälle auf SARS-CoV-2 getestet werden. Zuvor habe die Vielzahl von Arztpraxen, in denen getestet wurde, eher zur Verwirrung beigetragen.

Intensivbetten: „Wir haben ausreichend Kapazitäten“

Bislang gebe es auf den deutschen Intensivstationen noch ausreichend Kapazitäten, erklärten die Experten. „Wir haben jetzt noch deutlich mehr Intensivbetten frei als es in Italien jemals gab“, sagte Janssens. In Italien habe die Zahl der Intensivbetten bei 5.500 gelegen. In Deutschland gab es zu Beginn der Krise 28.000.

„Wir haben ausreichend Kapazitäten an Intensivbetten“, betonte auch Busse. „Die Zahl der Intensivpatienten steigt weiter an, aber nicht jenseits der vorhandenen Kapazitäten.“ Weber-Carsten ergänzte: „Wir haben auch für Nicht-COVID-Patienten ausreichend Kapazitäten in unserem Konzept. Da ist die Versorgung gesichert.“

DIVI-Register: „Das ist grandios“

Um die Zahl freier Intensivbetten einsehen zu können, hat die DIVI ein Register eingerichtet. „Aktuell sind 975 Krankenhäuser im DIVI-Register gemeldet. Das ist grandios“, sagte Weber-Carsten. „Wir erwarten, dass wir bald bei 100 Prozent sind und alle 1.200 Intensivstationen melden.“

In Deutschland seien bislang 309 der knapp über 1.000 am Coronavirus verstorbenen Patienten auf der Intensivstation gestorben. „Wir haben auch viele Patienten, die im Vorfeld für sich festgelegt haben, dass sie keine Behandlung auf der Intensivstation wünschen“, erklärte Weber-Carsten. „Deshalb sterben viele COVID-Patienten nicht auf der Intensivstation.“

Schutzmasken: „Wir leben von der Hand in den Mund“

Auch beim Personal gebe es derzeit keinen Engpass auf den Intensivstationen, sagte Weber-Carsten. Janssens betonte: „Die Hilfsbereitschaft ist sehr groß. Wir erhalten viel Hilfe von Ärzten und Pflegekräften, die den Fachleuten in den Intensivstationen den Rücken freihalten. Das funktioniert unglaublich gut. Das muss allerdings jedes Krankenhaus für sich organisieren.“

Probleme gebe es hingegen bei der medizinischen Schutzausrüstung. „Im Moment ist das bei den Schutzmasken unkoordiniert“, sagte Janssens. „Wir suchen nach Schutz­masken. Wir arbeiten von der Hand in den Mund. Ich würde mir eine übergeordnete Versorgung wünschen.“

„Die nächsten Tage werden spannend“

Im Hinblick auf die aktuelle Entwicklung in der Coronakrise sagte Janssens: „Ich bin nicht entspannt, ich bin gespannt. Wir sehen, dass sich die Verdopplungszahlen gedehnt haben. Vor ein paar Wochen hat sich die Zahl der Infizierten alle zwei Tage verdoppelt, jetzt alle sieben Tage. Die nächsten Tage werden spannend werden.“ So sei es möglich, dass es noch einen Schub von älteren Patienten auf den Intensivstationen geben werde.

Janssens lobte, dass deutsche Krankenhäuser COVID-19-Patienten frühzeitig von normalen Patienten trennen, damit es keine Co-Infektionen gibt. „Das haben wir aus Italien gelernt“, sagte er. Denn in Italien sei es in den Krankenhäusern zu großen Problemen gekommen, weil die COVID-Patienten nicht frühzeitig von den anderen Patienten getrennt worden seien und somit viele Menschen im Krankenhaus infiziert hätten.

Nach der Krise: Mehr Kooperation zwischen den Häusern

Gesundheitsökonom Busse sprach sich dafür aus, die Krankenhausplanung nach der Corona-Pandemie zu reformieren. „In Deutschland gibt es sehr viele Krankenhäuser, die sich normalerweise in Konkurrenz zueinander befinden. Diese Krankenhäuser müssen sich jetzt regional finden – freiwillig oder von oben vorgegeben.“

Eines der Grundprobleme des deutschen Krankenhaussektors müsse daher nach der Coronakrise auf die Tagesordnung gesetzt werden: eine bessere Kooperation zwischen den Krankenhäusern. „Heute wursteln sehr viele Krankenhäuser nebeneinander her und machen teilweise dasselbe“, sagte Busse. „Wir müssen künftig besser planen, wer was macht und wo die Qualität gut ist. Wir müssen in der Krankenhausplanung bestimmen, welches Krankenhaus welche Leistungen anbieten kann. Daran müssen sich die Krankenhäuser dann halten.“

Weber-Carsten betonte, dass Deutschland künftig mehr medizinische Schutzausrüstung vorhalten müsse. „Wir sind nicht davor gefeit, im nächsten Winter erneut eine ähnliche Situation zu haben wie jetzt. Dann müssen wir darauf vorbereitet sein und genügend Schutzausrüstung zentralisiert zur Verfügung stellen können.“ © fos/aerzteblatt.de

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