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Medizin

SARS-CoV-2-Infektion über die Luft nicht auszuschließen

Montag, 6. April 2020

/Ingo Bartussek, stock.adobe.com

Washington/Cheongju – In den vergangenen Tagen wurde zunehmend über die Möglichkeit spekuliert, dass sich SARS-CoV-2 nicht nur per Tröpfcheninfektion verbreitet, sondern auch über Aerosole in der Luft. Während die National Academies of Science, Engineering and Medicine in den USA eine Aerosolisierung des Virus während der normalen Atmung für möglich erachten, gehen südkoreanische Forscher davon aus, dass über die Atemluft verbreitete COVID-19-Erreger wahrscheinlich nicht hoch genug dosiert sind, um Infektionen auszulösen.

Immer wieder erinnert speziell das Robert-Koch-Institut daran, wie wichtig es sei, ausreichenden Abstand zu halten, da SARS-CoV-2 durch Tröpfcheninfektion von Mensch zu Menschen übertragen wird. Die Tröpfchen mit einem Durchmesser von bis zu einem Millimeter können beim Husten oder Niesen über einen Abstand von 1 bis 2 Metern verteilt werden. Landen sie auf Oberflächen, ist von dort eine Übertragung des Virus über Schmierinfektion möglich.

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Doch wenn SARS-CoV-2 auch über den feinen Nebel verbreitet werden könnte, der beim Ausatmen entsteht, würde dies den Schutz vor einer Infektion erheblich erschweren. Das Einhalten eines Sicherheitsabstands würde womöglich nicht ausreichen, anstatt dessen spräche dies dafür, dass alle Menschen in der Öffentlichkeit eine Maske tragen sollten.

Young-Il Kim von der Chungbuk National University in Cheongju und seine Arbeitsgruppe untersuchten die Übertragung von SARS-CoV-2 über die Atemluft in Experimenten an Frettchen.

Ihre Ergebnisse interpretieren sie dahingehend, dass es für eine effiziente Ansteckung mit klinischen Symptomen in Frettchen eines „direkten anhaltenden Kontakts“ zu infizierten Tieren bedarf. Über den bloßen Aerosolstrom in der Atemluft verbreitete COVID-19-Erreger kommen demnach vermutlich nicht in so hohen Dosen vor, dass sie infektiös für Frettchen wären.

Die National Academics of Science, Engineering and Medicine schreiben dagegen in einem Brief an das Weiße Haus: „Obwohl die derzeitige SARS-CoV-2-spezifische Forschung nur begrenzte Aussagen erlaubt, stimmen die Ergebnisse der verfügbaren Studien mit einer möglichen Aerosolisierung des Virus während der normalen Atmung überein.“

Theoretisch ist eine Übertragung möglich

Studien, in denen per PCR auf virale RNA getestet worden sei, wiesen zwar nicht ausreichend viele lebensfähige Viren nach, um eine Infektion auszulösen. Aber das Vorhandensein viraler RNA in Lufttropfen und Aerosolen deute zumindest auf die theoretische Möglichkeit einer Virusübertragung auf solchen Wegen hin.

In der südkoreanischen Studie wurden Frettchen als Tiermodell zum Studium von SARS-CoV-2-Infektionen etabliert. Setzte man die Frettchen in denselben Käfig mit einem infizierten Tier, ließ sich das Virus ab 2 Tagen nach engem Kontakt in allen Versuchs­tieren im Käfig nachweisen, die Temperatur der infizierten Frettchen stieg auf etwa 39 Grad Celsius, die Kontakttiere husteten zwischen dem 2. und 6. Tag und zeigten reduzierte körperliche Aktivität.

Wurden Frettchen dagegen in einem gesonderten Käfig in der Nähe gehalten, in den nur die Umgebungsluft der infizierten Frettchen über einen Luftstrom eingeleitet wurde, dann erlitt keines der Frettchen nach diesem indirekten Kontakt über den Luftstrom eine erhöhte Körpertemperatur oder andere klinische Symptome. Allerdings konnte Virus-RNA in Proben der Nasenschleimhaut und des Kotes nach indirektem Kontakt nachgewiesen werden. Bei einem Frettchen fanden die Forscher sogar Antikörper gegen SARS-CoV-2.

Für die südkoreanischen Forscher bedeutet dies, dass die effiziente Ansteckung mit klinischen Symptomen in Frettchen eines „direkten anhaltenden Kontakts“ bedarf, dass eine Übertragung über die Luft allerdings nicht auszuschließen ist.

Bereits Mitte März hatten Forscher im New England Journal of Medicine berichtet, dass SARS-CoV-2 bis zu 3 Stunden lang in Aerosoltröpfchen schweben kann, die weniger als 5 Mikrometer groß sind, und dabei infektiös bleibt.

Die National Academics of Science, Engineering and Medicine weisen aber auch noch auf andere Studien hin. Etwa die jüngst von Forschern der University of Nebraska veröffentlichte Untersuchung, die virale RNA in Isolationszimmern von COVID-19-Patienten fand – und dies auf schwer zu erreichenden Oberflächen ebenso wie in Luftproben, die mehr als 2 Meter vom Patienten entfernt genommen wurden. Sie schlussfolgerten daraus, dass das Vorhandensein viraler RNA darauf hindeute, dass das Virus sich über Aerosole verbreiten kann, auch wenn sie keine infektiösen Viruspartikel fanden.

Der Nachweis infektiöser Viren in der Luft fehlt

Der entscheidende „missing link“ sei derzeit noch der direkte Nachweis eines vermehrungsfähigen Virus in der Raum- beziehungsweise in der Ausatemluft, erklärt Clemens Wendtner, Chefarzt der Infektiologie und Tropenmedizin sowie Leiter der dortigen Spezialeinheit für hochansteckende lebensbedrohliche Infektionen, München Klinik Schwabing, auf Nachfrage.

Dennoch sprechen die US-Wissenschaftler eine Warnung aus, dass bereits beim Ausatmen eine Gefährdung der unmittelbaren Umgebung durch SARS-CoV-2-Aerosole bestehen könnte. „Dies deckt sich mit der aktuellen Empfehlung der Leopoldina, die in ihrer jüngsten Empfehlung zur Corona-Pandemie eine flächendeckende Nutzung von Mund-Nasen-Schutz im öffentlichen Raum empfiehlt, so Wendtner.

Es sei klar, dass hier eher ein Fremdschutz und weniger ein Eigenschutz im Vordergrund stehe, aber bei konsequenter Anwendung der Maßnahme könnte dies dazu führen, dass die Reproduktionszahl unter 1 sinken könnte. © nec/aerzteblatt.de

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