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Medizin

COVID-19: Auch die Kardiologen sind gefordert

Dienstag, 7. April 2020

/freshidea stock.adobe.com

Frankfurt und Köln − Zwar stehen bei COVID-19-Patienten Symptome der Atemwege und der Lunge im Vordergrund, doch das Coronavirus SARS-CoV-2 greift auch das Herz an, wie mehrere Studien aus China und aus Italien berichten. Da bislang nur wenige kardio­logische Daten von Patienten aus Deutschland vorliegen, nahmen die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie (DGK) und das Science Media Center zum Anlass, die internationale Erkenntnislage jeweils per Webinar darzustellen.

Danach sind bei der Versorgung von SARS-CoV-2-Infizierten auch „die Kardiologen gefordert“, so DGK-Präsident Andreas Zeiher. Der Direktor der Medizi­nischen Klinik III am Universitätsklinikum Frankfurt/Main betonte, dass die vorliegenden Studien die Notwendigkeit bestärken, Herzschäden als Vorerkrankung oder als Komplika­tion bei der Behandlung von COVID-19-Patienten zu berücksichtigen. „Es besteht ein statistisch signifikanter Zusammenhang zwischen einem ‚cardiac injury‘ und der Mortalität von Patienten mit COVID-19.“

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Nach einer retrospektiven Analyse aus China von 191 Patienten mit im Labor bestätigter SARS-CoV-2-Infektion starben 54 und 137 überlebten. Die Todesopfer litten häufiger an Herzinsuffizienz (52 % vs. 12 %) und akuten Herzschädigungen (59 % vs. 1 %).

Risikoprädiktoren für letalen Ausgang waren Alter, sequenzielles Organversagen, hohe D-Dimer-Spiegel bei Aufnahme sowie hohe Konzentrationen an Troponin, Interleukin-6 und Serumferritin. Zudem wiesen die Verstorbenen häufiger Komorbiditäten auf wie Hypertonie (48 % vs. 23 %), Diabetes (31 % vs. 14 %) und koronarer Herzkrankheit (24 % vs. 1 %). Bemerkenswert ist allerdings, dass auch Patienten ohne kardiovaskuläre Vorerkrankungen, aber hohen Troponin-Werten ein erhöhtes Mortalitätsrisiko hatten. Noch ist nicht klar, welche konkreten Mechanismen und Zusammenhänge hinter diesem Effekt stehen.

Auch Steffen Massberg, Direktor der medizinischen Klinik und Poliklinik I der Ludwig-Maximilians-Universität München bestätigte, dass an seiner Klinik der Anteil an kardiovaskulären Erkrankungen bei Patienten mit COVID-19, die einen schweren Verlauf haben, überrepräsentiert ist. Allerdings, so gibt der Kardiologe zu bedenken, „sind Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen typischerweise ältere Patienten − meist mit Begleiterkrankungen –, die eine schwere Infektion vielleicht auch schlechter verkraften können.“ Insofern sei es wichtig, die Daten auf Confounder zu prüfen – wie zum Beispiel das Alter. „Wir brauchen mehr Zahlen, um die einzelnen Einflussgrößen gut differenzieren zu können“, so Massberg.

Chinesische Studien sehen auch den chronischen Bluthochdruck als eigenständigen Risikofaktor für einen schwerwiegenden Verlauf der COVID-19-Erkrankung an. Für Massberg ist die bisherige Datenqualität für eine solche Aussage nicht entsprechend: „Wir haben in relativ kurzer Zeit sehr viele Daten akquiriert. Aber die Charakterisierung der Hypertoniepatienten, wie gut waren sie eingestellt, wie viele und welche Medika­mente haben sie genommen, fehlt.“ Hier warte man in den nächsten Wochen auf spezifischere Auswertungen aus Europa und den USA.

Um die Datenlage zu verbessern, wurde Anfang März auf Initiative der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) mit dem Deutschen Zentrum für Infektionsforschung (DZIF) ein europäisches Fallregister aufgelegt, in dem klinische Daten für Patienten mit SARS-CoV-2 Infektion gesammelt werden.

Das LEOSS-Register (Lean European Open Survey for SARS-CoV-2 Infected Patients) zeichnet sich dadurch aus, „dass alle gesammelten Daten zur gemeinsamen Analyse an die wissenschaftliche Gemeinschaft gehen“, so Eschenhagen. Bis 6. April hätten bereits 430 Kliniken ihre Daten eingespeist. „Danach weisen fast 50 % der COVID-19-Patienten eine kardiovaskuläre Vorerkrankung auf.“

Eine deutliche Absage erteilten die Kardiologen der neulich geäußerten Hypothese, dass ACE-Hemmer und Angiotensin-II-Rezeptorblocker (ARB) – die Basis der Therapie von Hypertonie und Herzinsuffizienz – den Verlauf der COVID-19-Erkrankung negativ beeinflussen könnten. Hauptargument für diesen Verdacht ist, dass das SARS-CoV-2-Virus die transmembrane Form des Angiotensin-konvertierenden Enzyms 2 (ACE2) als Rezeptor für den Zelleintritt nutzt.

Nach tierexperimentellen Studien wird ACE2 durch Inhibitoren des Renin-Angiotensin-Aldosteron-Systems (RAAS) hochreguliert. „Bislang gibt es keine belastbaren klinischen Daten, dass Patienten aufgrund der Einnahme von ACE-Hemmern und Sartanen einen schlechteren Verlauf bei einer SARS-CoV-2-Infektion haben könnten“, betonte Prof. Dr. med. Thomas Eschenhagen, Direktor des Instituts für Experimentelle und Klinische Pharmakologie und Toxikologie im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Auch die DGK und die Deutsche Hochdruckliga raten derzeit davon ab, diese Wirkstoffgruppen abzusetzen.

Eine möglicherweise positive Auswirkung der ACE-Hemmer und Sartane auf die COVID-19-Erkrankung will Eschenhagen nicht bestätigen: „Die Datenlage hierzu ist unsicher“. Eine Hochregulierung von ACE2 durch RAAS-Inhibitoren könnte theoretisch von Vorteil sein, weil die antioxidative und antiinflammatorische Wirkung des Enzyms dem Zytokinsturm bei schweren COVID-19-Verläufen entgegenwirken könnte.

Die Fachgesellschaften bitten daher die Ärzteschaft ihre Patienten dahingehend aufzuklären, nicht eigenmächtig ihren Therapieplan abzuändern oder Medikamente abzusetzen. Derzeit nehmen in Deutschland nehmen jeden Tag mindestens 16 Millionen Menschen ACE-Hemmer und etwa die Hälfte noch zusätzlich Sartane.

Deutsche Kliniken registrieren zurzeit weniger Patienten mit akuten Herzinfarkten und Schlaganfällen. Massberg führt das auf Verunsicherung und Angst der Betroffenen vor einer SARS-CoV-2-Infektion im Krankenhaus zurück. Doch die Räumlichkeiten der COVID-19-Patienten seien strikt von Nichtinfizierten getrennt: „Die Patienten werden streng kohortiert“, so Massberg. „Auch wenn COVID-19 derzeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses steht. Andere Erkrankungen hören nicht auf zu existieren.“

Die weitere qualitativ hohe Versorgungslage der Herzpatienten in Deutschland ist auch Zeiher ein Anliegen: „Dyspnoe und zum Teil Husten – die häufigsten Initialsymptome von COVID-19 infizierten Patienten – sind die klassischen Symptome von Patienten mit akuter Lungenembolie, dekompensierter Herzinsuffizienz, hochgradiger Mitralklappen­insuffizienz, symptomatischer Aortenklappenstenose und lebensbedrohlichen Arrhythmien.“ Daran sei differenzialdiagnostisch auch bei der Erstaufnahme zu denken. © zyl/aerzteblatt.de

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Avatar #3205
Wutzi
am Montag, 8. Juni 2020, 19:01

Panikmache ?

Was verstehen sie Unter Panikmache?
Das Gegenteil ist doch der Fall, die Menschen tun so als sei die tödliche Gefahr gebannt!
Dabei ist es schlicht unsozial keine Maske zu tragen oder das Abstandsgebot zu missachten, Jüngere mögen nur selten schwer erkranken aber Ältere und chronisch Kranke sind darauf angewiesen, dass sich möglichst alle solidarisch verhalten
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