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Medizin

COVID-19: EMA nennt Bedingungen für den Einsatz von Remdesivir

Montag, 6. April 2020

/Joel bubble, ben stock.adobe.com

Amsterdam und San Francisco − Die europäische Arzneimittel-Agentur (EMA) rät in einer Empfehlung, den Einsatz des Virostatikums Remdesivir bei Heilversuchen auf beatmete Patienten mit COVID-19 zu beschränken, bei denen es noch nicht zu einem Multiorgan­versagen gekommen ist. Zu den Gegenanzeigen gehört ein deutlicher Anstieg der Transaminasen sowie eine deutlich eingeschränkte Nierenfunktion. Der Hersteller teilte mit, dass 1,5 Millionen Einzeldosen zur Verfügung stehen.

Das Nukleosidanalogon Remdesivir, das – nach Aktivierung des Prodrug – die RNA-abhängige RNA-Polymerase hemmt, ist als möglicher Wirkstoff gegen SARS-CoV in der Diskussion. Das Mittel wird derzeit in mehreren randomisierten Phase-3-Studien erprobt.

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Darunter befinden sich die beiden SIMPLE-Studien, in denen die Wirksamkeit von Remdesivir bei Patienten mit schwerer COVID-19 (Studie GS-US-540-5773) und mittelschwerer COVID-19 (Studie GS-US-540-5774) mit der jeweiligen Standard-Behandlung verglichen wird. Ergebnisse der Anfang März begonnenen Studie, an der auch einige deutsche Zentren beteiligt sind, werden für Mai erwartet.

Angesichts der derzeitigen Situation mit einer steigenden Zahl von Todesfällen hat der Hersteller begonnen, das Mittel für Heilversuche zur Verfügung zu stellen. Derzeit stünden insgesamt 1,5 Millionen Dosierungen zur Verfügung, die je nach Dauer der Behandlung für 140.000 Patienten ausreichen könnten, teilte die Geschäftsleitung am Freitag mit.

Sichere klinische Belege für eine Wirksamkeit von Remdesivir gegen SARS-CoV-2 gibt es derzeit nicht. Vor diesem Hintergrund erhalten Sicherheitsbedenken ein erhöhtes Gewicht. Ein ungeklärter Punkt ist die Auswirkung auf die Leberfunktion. Es gibt offenbar Hinweise auf eine mögliche Hepatotoxizität. So ist es nach der wiederholten Gabe bei gesunden Probanden zu einem Anstieg der Leberenzyme (Transaminasen) gekommen. Die klinische Relevanz dieser Beobachtung ist nach Einschätzung der EMA jedoch offen. Einen Grund zum Abbruch der klinischen Entwicklung stellen sie nicht dar.

Die EMA rät jedoch vom Einsatz des Mittels bei Personen mit eingeschränkter Leberfunktion ab. Als Ausschlusskriterium wird in den Empfehlungen ein Anstieg der Transaminasen (ALT) auf mehr als das 5-fache des oberen Grenzwertes („upper limit of normal, ULN) genannt.

Bedenken bestehen auch gegenüber dem Einsatz von Remdesivir bei Patienten mit eingeschränkter Nierenfunktion. Sie gründen sich auf die renale Eliminierung des Wirkstoffs. Die EMA rät davon ab, das Mittel bei Patienten mit einer geschätzten glomerulären Filtrationsrate (eGFR) von weniger als 30 ml/min einzusetzen.

Als weitere Ausschlusskriterien werden ein Multiorganversagen und der Einsatz von positiv inotropen Substanzen bei einem septischen Schock genannt sowie eine Überempfind­lichkeit gegenüber dem Wirkstoff. In der PALM-Studie, die Remdesivir zur Behandlung des Ebola-Fiebers untersucht hat, war es bei einem Patienten während der 1. Dosierung zu einem Abfall des Blutdrucks gekommen, was einen tödlichen Herzstillstand zur Folge hatte.

Die EMA rät, Remdesivir im Heilversuch nur bei Patienten einzusetzen, die eine invasive mechanische Beatmung benötigen. Da die Überlebenschancen dieser Patienten 50 % oder weniger betragen, dürften hier Sicherheitsbedenken in den Hintergrund treten.

Die EMA hat in ihren Dokumenten die bisherigen Erfahrungen zusammengetragen. Klinische Ergebnisse liegen vor allem zum Einsatz gegen das Ebola-Virus vor. Das Mittel wurde in einer Phase-3-Studie untersucht, wo es sich als weniger effektiv erwiesen hat als mehrere Antikörper-Präparate. Die PALM-Studie hatte allerdings keinen Placebo-Arm, so dass aus den Ergebnissen nicht geschlossen werden kann, dass Remdesivir keine Wirkung hatte (immerhin überlebte fast die Hälfte der Patienten). Außerdem kann vom Ebola-Virus nicht auf SARS-CoV-2 geschlossen werden.

In der PALM-Studie war Remdesivir auch bei Patienten mit eingeschränkter Leberfunktion eingesetzt worden, ohne dass es zu einem Anstieg der hepatischen Komplikationen gekommen wäre. In der PREVAIL-IV-Studie, in der Remdesivir bei 38 Männern mit persistierender Virus-RNA im Samen eingesetzt wurde, musste bei einem Patienten die Dosis wegen eines Anstiegs der Transaminasen gesenkt werden.

Die präklinischen Erfahrungen mit Remdesivir sind übrigens recht vielversprechend. Das Mittel wurde bei Mäusen gegen das erste SARS-CoV und gegen das MERS-CoV eingesetzt. Das Mittel hat sich sowohl in der prophylaktischen Gabe als auch nach Ausbruch der Erkrankung als effektiv erwiesen. Bei Rhesus-Affen konnte die Viruslast von MERS-CoV ebenfalls gesenkt werden, wobei sich die prophylaktische Gabe als effektiver erwiesen hat. Bei den Rhesus-Affen wurden aber auch Hinweise auf eine Verschlechterung der Nierenfunktion beobachtet. © rme/aerzteblatt.de

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