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Politik

Medizinische Schutzausrüstung: „Es gibt derzeit viele unseriöse Angebote“

Dienstag, 7. April 2020

Dortmund – Die Coronapandemie hat weltweit zu einer stark gestiegenen Nachfrage nach medizinischer Schutzausrüstung geführt. Während die Hersteller auf maximaler Produktionskapazität arbeiten, versuchen in Deutschland sowohl die Bundesregierung als auch Krankenhäuser, Bundesländer oder Kassenärztliche Vereinigungen die dringend be­nötigte Ware zu erhalten.

Thomas Bredehorn, stellvertretender Abteilungsleiter Health Care Logistics am Fraun­ho­fer-Institut für Materialfluss und Logistik in Dortmund, erklärt, was die Situation derzeit so unübersichtlich macht, worauf bei Bestellungen geachtet werden muss und wie es in den nächsten Wochen weitergeht.

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Fünf Fragen an Thomas Bredehorn, Fraunhofer-Institut für Materialfluss und Logistik

DÄ: Wie funktionieren die Lieferketten im Bereich der medizinischen Schutzausrüstung normalerweise?
Thomas Bredehorn: Normalerweise bestellen die Kran­kenhäuser die Medizinprodukte, die sie benötigen, bei ihrem Händler. Dabei schließen sie sich meist zu Ein­kaufsgemeinschaften zusammen, um günstigere Preise aushandeln zu können. Die Händler bestellen die Ware beim Hersteller. Die Hersteller betreiben verschiedene Produktionsstandorte oder lassen im Auftrag vornehm­lich in Asien, auch in China, produzieren. Denn dort kann die Ware insbesondere wegen der niedrigeren Arbeitskosten viel günstiger produziert werden als in Eu­ropa.

Nach Europa kommt die Ware meist mit dem Schiff, weil der Schiffstransport günstiger ist als der Transport mit dem Flugzeug. Die Ware kommt dann innerhalb von zwei bis drei Wochen nach Europa. Hier besitzen die Hersteller Lagerstandorte, in denen die Produkte vorrätig gehalten werden. Wenn die Aufträge der Händler und Krankenhäuser kommen, kann der Hersteller die Ware also sofort ausliefern. Oft sind in diese Lieferkette noch Lo­gistikunternehmen einbezogen. Während die Einkaufsgemeinschaften die Preise aushan­deln, bestellen die Krankenhäuser die Ware direkt beim Hersteller.

In den Lieferverträgen sind Warenmengen und Preise einzelner Artikel festgeschrieben. Das hilft den Herstellern, ihre Absatzmenge zu planen. Die Produktion und die Lieferung orientiert sich stets am prognostizierten Verbrauch beziehungsweise an der Nachfrage­menge der Krankenhäuser. Darauf sind die Hersteller eingestellt.

DÄ: Wie hat sich die Situation durch die Coronapandemie verändert?
Bredehorn: Durch die Coronapandemie ist die Nachfrage nach medizinischer Schutzausrüstung sprunghaft angestiegen. Dadurch haben wir jetzt den Effekt, dass zum Beispiel die Krankenhäuser mehr bestellen, als sie in normalen Zeiten bestellen würden, da sie mit einem notwendigen Mehrverbrauch rechnen.

Dasselbe Phänomen erleben wir bei den sogenannten Hamsterkäufen im Supermarkt. Dadurch wird die Ware allerdings noch knapper, als sie es ohnehin schon ist. Verstärkt wird der Engpass zusätzlich durch die zwischenzeitlichen Exportverbote in China, die da­zu geführt haben, dass Ware nicht verschifft wurde, die die Hersteller eigentlich hätten bekommen müssen. Schließlich wird die Ware auch dadurch knapper, dass die Nachfrage auch im privaten Bereich extrem gestiegen ist.

DÄ: Haben die deutschen Krankenhäuser noch genügend Schutzausrüstung?
Bredehorn: Bislang habe ich noch nicht davon gehört, dass deutsche Krankenhäuser über keine Schutzausrüstung mehr verfügen, wobei sich die Situation schon sehr verschärft hat und durchaus dramatisch ist. Insbesondere große Krankenhäuser betreiben eigene Versorgungs- und Logistikzentren. Sie haben also selbst ein Lager, in dem sie die Produkte vorrätig halten.

Die Größe der Lager variiert allerdings stark. Bei Arzneimitteln gibt es die rechtliche Vorgabe, dass die Krankenhäuser Medikamente für mindestens 14 Tage vorrätig haben müssen. Bei Medizinprodukten gibt es meines Wissens solche strikten Vorgaben nicht. Meist stellen sich die Krankenhäuser jedoch darauf ein, Ware für zwei bis vier Wochen vorrätig zu haben.

Vor kurzem habe ich mit der Leitung eines großen deutschen Krankenhaus-Versorgungs­zentrums gesprochen. Nachdem für einige Zeit dort keine bestellte Ware angekommen ist, wird das Krankenhaus jetzt wieder beliefert. Die Hersteller beliefern auch jetzt in der Krise zunächst die Krankenhäuser, mit denen sie Lieferverträge abgeschlossen haben.

Zentral durch die Bundesregierung bestellte Ware ist in diesem Krankenhaus bislang noch nicht angekommen. Insofern werden sich die Krankenhäuser nicht auf die Bemüh­un­gen der Bundesregierung verlassen, sondern versuchen, parallel auf anderen Wegen an Schutzausrüstung zu kommen.

Dabei wird die Schutzausrüstung teilweise mit dem Flugzeug nach Deutschland gebracht, um die Transportzeit zu verkürzen. Diese Logistik ist natürlich sehr viel kostenintensiver. Das ist für die Krankenhäuser teurer, geht aber schneller.

DÄ: Worauf muss man beim Bestellen von medizinischer Schutzausrüstung heute achten?
Bredehorn: Es gibt derzeit unseriöse Angebote, bei denen nicht zertifizierte Ware zu Fan­ta­siepreisen angeboten wird. Dabei ist zertifizierte Ware auch jetzt in der Krisenzeit wich­tig, denn Krankenhäuser können haftbar gemacht werden, wenn es durch gefälschte Schutz­ausrüstung zu einem Schaden kommt.

Viele Krankenhäuser müssen zurzeit abwä­gen, welches Risiko größer ist: möglicherweise ohne Schutzausrüstung dazustehen oder Schutzausrüstung einzusetzen, die gegeben­enfa­lls nicht zertifiziert ist.

Unübersichtlich ist die Situation im Moment, weil auch viele nicht originäre Händler am Markt aktiv sind, von denen einige unter anderem versuchen, gefälschte Waren zu ver­kau­fen. Man sollte sich deshalb, wenn möglich, auch jetzt an den Händler seines Ver­trauens halten. Da hat man eine gewisse Sicherheit.

DÄ: Wie geht es in den nächsten Wochen und Monaten weiter?
Bredehorn: Das ist sehr schwer zu prognostizieren. Denn es hängt damit zusammen, wel­che Länder gerade stark vom Coronavirus betroffen sind und dadurch mehr Schutz­ausrüs­tung bestellen. Zurzeit ist die Nachfrage zum Beispiel in den USA stark angestiegen. Das kann auch wieder Auswirkungen auf die Situation in Deutschland haben.

Die Unternehmen haben weltweit ihre Produktionskapazität auf das Maximum hochge­fahren. Auch dadurch wird die Nachfrage jedoch nicht komplett gestillt werden können. In diesem Zusammenhang halte ich es übrigens durchaus für sinnvoll, dass jetzt auch fachfremde Unternehmen zum Beispiel Mund-Nase-Schutz-Masken produzieren, die die Bevölkerung beim Einkaufen tragen könnte.

Bei Medizinprodukten, die einen hohen hygienischen Standard benötigen, sollte die Ware aber auch weiterhin nur von zertifizierten Herstellern produziert werden. Ware im OP muss zum Beispiel hygienischen Standards entsprechen. Da braucht man Fachware.

Wenn fachfremde Unternehmen nun aber einfache Schutzausrüstung, wie beispielsweise textile Mund-Nase-Schutz-Masken, herstellen, können sich die Fachfirmen auf die spezi­elle Schutzausrüstung konzentrieren, die dort Verwendung findet, wo sie auch dringend benötigt wird – in Krankenhäusern, in Pflegeheimen und Arztpraxen. © fos/aerzteblatt.de

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