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Politik

„Obdachlosen Menschen wird in Zeiten der COVID-19-Pandemie die Lebensgrundlage entzogen“

Mittwoch, 8. April 2020

Berlin – Nach Schätzungen der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe leben rund 41.000 Menschen bundesweit auf der Straße. In Zeiten der COVID-19-Pandemie be­richten Hilfsorganisationen und Wohlfahrtsverbände von Schließungen der Hilfsangebote wie Unterkünfte, Essensausgaben, Duschen oder Kleiderkammern.

Aber auch die medizinische Versorgung obdachloser Menschen ist noch schwieriger als vor der Pandemie, weil die ehrenamtlichen Strukturen ihre Angebote aufgrund von feh­len­der Schutzausrüstung oder Personalmangel nicht aufrechterhalten können. Denn viele Obdachlose haben keinen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz und somit keinen Zugang zur Re­gelversorgung.

Der Facharzt für Innere Medizin Peter Bobbert, einer der beiden Menschenrechtsbeauf­tragten der Bundes­ärzte­kammer (BÄK), setzt sich dafür ein, dass eine der schwächsten Gruppen der Gesellschaft in Zeiten der Pandemie nicht vergessen wird.

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5-Fragen an Peter Bobbert, Oberarzt am Evangelischen Krankenhaus Hubertus in Berlin.

DÄ: Hilfsorganisationen und Verbände weisen auf die dramatische Situation obdachloser Menschen hin, die dem SARS-CO-2-Virus besonders schutzlos ausgeliefert sind. Wie ist deren Situation jetzt?
Bobbert: Obdachlose Menschen sind wegen reduzierter Hygienemöglichkeiten, aufgrund des Lebens auf der Straße und möglicher Vorerkrankungen besonders vu­lnerabel. Besonders häufig sind Hauterkrankungen, psy­chische Erkrankungen, Infektions- und Erkältungskrank­heiten, die schnell in eine Lungenentzündung münden.

Sie müssen während der Corona-Pandemie engmaschi­ger versorgt werden als Menschen mit Obdach, die in ihren eigenen vier Wänden in Quarantäne gehen könn­en. Des Weiteren kommen obdachlose Menschen, weil sie oftmals keinen gültigen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz haben, nur ganz schwer in der medizinischen Versorgung an. Das alles bildet den Nähr­bo­den letztendlich, warum Obdachlose ein erhebliches Problem in Zeiten der Corona-Pandemie haben.

DÄ: Können die ehrenamtlichen Strukturen der medizinischen Versorgung von Obdach­losen ohne Kran­ken­ver­siche­rung, wie beispielsweise in Berlin die Caritas-Ambulanz für Wohnungslose oder die Jenny-de-la-Torre-Stiftung, ihre Angebote noch aufrechterhalten?
Bobbert: In Zeiten der Pandemie sehen wir, dass viele ehrenamtliche oder freiwillige An­gebote wegfallen, weil das Personal fehlt oder nicht genügend Schutzkleidung vorhan­den ist. Die noch offenen Hilfseinrichtungen der medizinischen Versorgung haben ja das gleiche Problem wie Praxen und Krankenhäuser. Das heißt, die Gesundheitsversorgung von Wohnungslosen ist noch deutlich schlechter als vor der Pandemie-Zeit.

DÄ: Was kann man jetzt tun?
Bobbert: In Berlin beispielsweise hat der Senat einen Rettungsschirm für Obdachlose ge­spannt. Wir brauchen viel mehr finanzielle Unterstützung für Einrichtungen der medizini­schen Versorgung. Solche Einrichtungen sollten als systemrelevant eingestuft werden, damit sie leichter und schneller an Schutzkleidung kommen. Darüber hinaus muss um­struk­turiert werden: Es gibt viele Obdachlosenunterkünfte, die geschlossen sind, aber die die offen sind, bieten Mehrbettzimmer an, was zurzeit nicht praktikabel ist.

Ende März hat der Senat ein erstes Hostel für Obdachlose errichtet, die Jugendherberge in der Kluckstraße, das 200 Einzelzimmer anbietet und sehr gut angenommen wird. Von solchen Unterkünften brauchen wir jetzt sehr viel mehr, denn in Berlin gibt es geschätzte 8.000 Obdachlose mit einer erheblichen Dunkelziffer. Wer sich mit dem Virus angesteckt hat, braucht Quarantäne als Schutz für sich und für andere und das geht auf der Straße gar nicht. Da müssen wir noch viel besser werden.

DÄ: Auch Essensausgaben, Duschmöglichkeiten, Kleiderkammern stellen ihre Angebote ein beziehungsweise müssen sie einstellen. Das macht die Situation von Obdachlosen nicht einfacher.
Bobbert: Das stimmt. Zudem wird obdachlosen Menschen in Zeiten der Corona-Pandemie die Lebensgrundlage entzogen. Es gibt einige, die ihren Lebensunterhalt beispielsweise durch den Verkauf von Obdachlosenzeitungen verdienen, durch die Rückgabe von Pfand­flaschen oder Betteln – so traurig das grundsätzlich ist, das ist jetzt kaum noch möglich.

Auch der direkte Kontakt in die Job-Center oder Arbeitsagenturen ist eingeschränkt. Über diesen Kontakt haben sich viele „am Leben erhalten“. Das bricht jetzt alles weg. Niemand weiß mehr, wo die Menschen sind und wie es ihnen geht, wenn der Kontakt zu den Hilfs­angeboten wegfällt. Das wird dramatische Konsequenzen haben und ist besorgniser­regend.

DÄ: Hilfsorganisationen forderten schon vor der Pandemie ein neues Finanzierungssys­tem für die medizinische Versorgung obdachloser Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung. Unterstützen Sie diese Forderung?
Bobbert: Wichtig ist, dass die Menschen in der medizinischen Versorgung ankommen. Um das zu organisieren, braucht man Clearingstellen, die Menschen dabei unterstützen, wie­der einen Kran­ken­ver­siche­rungsschutz zu erlangen. Allein in Berlin gibt es rund 60.000 Menschen ohne Zugang zur Regelversorgung.

Solche Clearingstellen müssten langfristig bundesweit implementiert werden, denn die Problematik von Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rungsschutz in unserem Gesundheits­system ist essentiell. Die Menschenrechtsbeauftragten der Bundes­ärzte­kammer sehen hier dringenden Handlungsbedarf.

Ich möchte die Gelegenheit nutzen und die enorme Hilfsbereitschaft der Ärztinnen und Ärzte in der Versorgung von Obdachlosen und Menschen ohne Versicherungsschutz her­vorheben, die in den jeweiligen Einrichtungen an ihre Grenzen gehen. Das zeigt in so einer Ausnahmesituation wieviel Gutes man schaffen kann und wieviel Solidarität in unserer Gesellschaft möglich ist. © PB/aerzteblatt.de

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