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Ausland

Coronakrise: Trump stellt WHO an den Pranger

Mittwoch, 8. April 2020

US-Präsident Donald Trump /dpa

Washington – Mitten in der globalen Coronakrise hat US-Präsident Donald Trump der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO) mit einem Stopp von Beitragszahlungen gedroht. „Ich sage nicht, dass wir es tun werden, wir werden es untersuchen und die Beendigung der Finanzierung prüfen“, sagte Trump.

Er revidierte damit eine nur wenige Minuten zuvor getroffene Aussage, wonach US-Gel­der für die WHO auf Eis gelegt werden sollten – was nach einer bereits getroffenen Ent­scheidung klang. Trump war zurückgerudert, als eine Reporterin ihn fragte, ob eine Pan­demie der Zeitpunkt sei, um Beitragszahlungen einzufrieren.

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Trump hatte der WHO bereits gestern früh in einem Tweet vorgeworfen, es in der Coro­navirus-Pandemie „wirklich vermasselt“ zu haben. Bei der Pressekonferenz legte er nahe, dass die WHO „wahrscheinlich“ zu Beginn der Pandemie mehr gewusst habe, als sie offen­legte.

Zudem warf er der WHO vor, zu sehr auf China ausgerichtet zu sein – und das, obwohl die USA einen großen Teil des WHO-Budgets zahlten. Die WHO habe den USA zudem fal­sche Empfehlungen zu Beginn der Krise gegeben und Trump für Einreisebeschränkungen kritisiert. Die in Genf ansässige WHO ist die wichtigste Sonderorganisation der Vereinten Nationen im Gesundheitsbereich.

Angedrohte Beitragskürzungen oder -Stopps sind ein beliebtes Druckmittel von Trump. In der Vergangenheit hat er internationalen Organisationen immer wieder damit gedroht und diese Drohungen teilweise auch wahr gemacht. Beispielsweise legte er Anfang 2018 US-Hilfen für das Palästinenserhilfswerk der Vereinten Nationen UNRWA auf Eis.

Das Budget der WHO besteht nach Angaben der Organisation zu weniger als einem Vier­tel aus den verpflichtenden Beiträgen der Mitgliedsstaaten. Die USA sind in diesem Kreis aber der größte Zahler: Für die Jahre 2020 und 2021 sind jeweils fast 116 Millionen US-Dollar fällig.

Chinas Beitrag liegt für diese beiden Jahre bei jeweils rund 57 Millionen US-Dollar. Chi­nas Beiträge sind in den vergangenen Jahren aber deutlich gestiegen: 2018 und 2019 la­gen sie noch bei je 37,9 Millionen US-Dollar, während sie bei den USA fast gleich blieben. Deutschland muss derzeit 29 Millionen US-Dollar pro Jahr zahlen. Die Höhe der Mit­glieds­beiträge hängt laut WHO von der Bevölkerungsgröße und dem Wohlstand des Landes ab.

Ablenkungsmanöver

Mit Blick auf die WHO drängt sich der Eindruck auf, dass Trump mit seiner Kritik von eige­nen Fehlern in der Krise ablenken will. Der Republikaner hatte die Gefahr des Virus öffent­lich lange heruntergespielt. Noch bis Anfang März beteuerte er, das Virus sei für die USA kein Grund zur Sorge. Trump wird vorgeworfen, dass die USA von dem Ausbruch un­vor­bereitet getroffen wurden. Seine Rechtfertigung lautet immer wieder: Niemand habe mit einer solchen Pandemie rechnen können.

Vor diesem Hintergrund sorgten gestern Medienberichte für Aufsehen, denen zufolge ein ranghoher Berater des Präsidenten bereits Ende Januar vor einer Coronavirus-Pandemie gewarnt hatte, in deren Folge Hunderttausende Amerikaner ums Leben kommen könnten.

Von den Warnungen seines Beraters will Trump nichts gewusst haben, wie er sagte. Er habe erst jetzt davon erfahren. Trump versicherte aber, er habe bereits damals aus eige­nem Antrieb im Sinne dieser Warnungen gehandelt. Ende Januar hatte Trump einen Ein­reisestopp für ausländische Reisende verfügt, die in den 14 Tagen zuvor in China gewe­sen waren, wo die Pandemie ausgebrochen war.

Trump stimmte die Amerikaner heute erneut auf schwere Tage in der Coronakrise ein. „Selbst in dieser schmerzhaften Woche sehen wir Schimmer sehr, sehr starker Hoffnung“, sagte er. Die USA kämpften gegen ein „Monster“, die Strategie gehe aber auf. Trump be­hauptete zudem, schon jetzt auf die nächste Krise – sollte es dazu kommen – , vorberei­tet zu sein.

Für den auch von Trumps Beratern geäußerten vorsichtigen Optimismus sorgt die Lage in New York. Sinkende Zahlen – vor allem bei den neu aufgenommenen Patienten – ma­chen Hoffnung, sagte Gouverneur Andrew Cuomo. Die Krise erreichte in dem Bundesstaat zugleich ihren vorläufigen Höhepunkt in der Zahl der Todesopfer. An einem Tag starben dort allein 731 Menschen nach einer Infektion mit dem Erreger Sars-CoV-2.

Die Zahl der in den USA nachgewiesenen Infektionen betrug heute rund 400.000, wie aus Daten der Universität Johns Hopkins hervorging. Mehr als 12.900 Menschen sind bereits gestorben. Damit starben an einem Tag fast 2.000 Menschen an COVID-19.

WHO warnt vor rascher Lockerung

Das Regionalbüro der WHO warnt heute vor einer raschen Lockerung der Corona-Maß­nah­­men in Europa. Trotz „positiver Signale“ aus einigen Ländern sei es dafür noch zu früh, sagte der WHO-Regionaldirektor für Europa, Hans Kluge. „Dies ist nicht der Moment, um die Maßnahmen zu lockern“, mahnte Kluge. Stattdessen müssten die Anstrengungen zur Eindämmung des Virus „noch einmal verdoppelt und verdreifacht“ werden.

Kluge sagte in seiner wöchentlichen Pressekonferenz zur Corona-Krise, die Situation in Europa sei immer noch "sehr besorgniserregend". Er forderte deshalb, die Maßnahmen in drei Bereichen zu verstärken: beim Schutz für das Gesundheitspersonal, bei der Trennung von Gesunden und Verdachtsfällen und bei der Kommunikation mit der Bevölkerung.

Österreich, Norwegen und Dänemark haben bereits angekündigt, ihre Maßnahmen zur Eindämmung der Coronavirus-Pandemie schrittweise wieder zu lockern. In Österreich dürfen kleine Läden bereits ab dem kommenden Dienstag unter strikten Auflagen wieder öffnen. In Deutschland wollen Bund und Länder in der kommenden Woche über das weitere Vorgehen beraten.

Vorwürfe gegen Altersheime und Kliniken in Italien

In Italien wird Kritik an Fehlern im Umgang mit der Coronakrise in Krankenhäusern und Altersheimen lauter. In Heimen in der besonders betroffenen Lombardei scheint es zu einer unkontrollierten Ausbreitung des Virus gekommen zu sein. Allein in einer bekann­ten Geriatrie bei Mailand seien seit März 110 Menschen gestorben und Fälle verdeckt worden, berichtete unter anderem die Zeitung Corriere della Sera.

Die Staatsanwaltschaft in Mailand habe Ermittlungen zum Zustand in mehreren Heimen aufgenommen. Der Vizepräsident der Region, Fabrizio Sala, erklärte, es sei eine Kommis­si­on zur Aufklärung eingerichtet worden. Die Einrichtung äußerte sich auf Anfrage nicht zu den Vorwürfen.

Heute erklärte zudem die Staatsanwaltschaft laut Nachrichtenagentur Ansa, dass gegen Unbekannt in einer Klinik in Alzano Lombardo bei Bergamo ermittelt werde. Die Provinz ist das Epizentrum der Coronakrise in Italien. Der Bürgermeister von Bergamo, Giorgio Gori, hatte gesagt, dass dort vermutlich Corona-Kranke nicht sofort erkannt worden seien.

Der Verband der Chirurgen und Zahnärzte in der Lombardei prangerte derweil in einem Brief an die Region mehrere Fehler im Krisenmanagement an – darunter mangelnde Tests auf das Virus. Diese werden derzeit nur bei denen gemacht, die ernsthafte Sympto­me zeigen.

Auch mangele es an Schutzausrüstung für Ärzte und medizinisches Personal. Zudem gebe es keine Klarheit über die Ausbreitung des Virus in Altenheimen. In Italien sind im Zuge der Pandemie bisher mehr als 17.000 Infizierte gestorben.

Die Fünf-Sterne-Bewegung kritisierte die Entscheidung der Region, die Krankenhäuser zu entlasten, indem COVID-19-Patienten in Alterseinrichtungen geschickt worden seien. „Das bringt eine enorme moralische Verantwortungslosigkeit der Politik zum Vorschein“, erklärte die Europaabgeordnete Eleonora Evi.

Mehr als 10.000 Tote in Frankreich

Die Zahl der Coronavirus-Toten in Frankreich hat die Schwelle von 10.000 überschritten. Nach Angaben des Ge­sund­heits­mi­nis­teriums wurden 10.328 Todesfälle in Krankenhäu­sern und Altenheimen gezählt. Im Kampf gegen das Virus verschärften Paris und andere Städte ab Mittwoch die Ausgangssperre. Die Regierung erhöhte zugleich die Hürden für die Einreise von Ausländern.

Die Pandemie "schreitet weiter voran", sagte der französische Generaldirektor für Gesund­heit, Jérôme Salomon. Nach seinen Angaben wurden 7.091 Todesfälle in Krankenhäusern und 3237 weitere in Altenheimen registriert. Rund 40 Coronavirus-Verdachtsfälle wurden auch bei Soldaten auf dem Flugzeugträger „Charles de Gaulle“ im Atlantik gemeldet.

Vor den Osterfeiertagen verschärften mehrere französische Städte die Ausgangssperre, die seit dem 17. März im ganzen Land gilt. In Paris sind seit heute tagsüber alle sportli­chen Aktivitäten im öffentlichen Raum untersagt, die Kommunen im Großraum zogen ebenfalls nach.

Zugleich schränkte Frankreich die Einreise von Ausländern ein: Bürger aus anderen EU-Ländern oder aus Drittstaaten dürfen nach Angaben des Innenministeriums nur noch ein­reisen, wenn sie ihren Hauptwohnsitz oder ihre Familie in Frankreich haben, im Grenzge­biet arbeiten oder das Land aus familiären Gründen durchqueren wollen. Ausnah­men gel­ten unter anderem auch für den Warenverkehr zu Land und zur See sowie für Gesund­heitspersonal im Kampf gegen die Lungenkrankheit COVID-19.

Mehr als 10 000 Corona-Fälle in Afrika

Die Zahl der bestätigten Infektionen in Afrika ist mittlerweile auf mehr als 10.000 ange­stiegen. Mehr als 500 Menschen seien gestorben, gab die WHO heute in einer Erklärung bekannt. Nachdem das Virus SARS-CoV-2 den Kontinent im Vergleich zu anderen Weltre­gio­nen erst sehr spät durch Reisende aus Europa, den USA und Asien erreicht hat, breite es sich nun sehr schnell aus.

Hilfsorganisationen wie World Vision oder Save the Children warnen bereits vor einer drohenden Katastrophe schwersten Ausmasses, die auch die Zukunftschancen der Kinder beeinträchtige. In Afrika, wo ein Leben auf Distanz in vielen Armensiedlungen nicht mög­lich ist und auch die Hygienebedingungen nicht immer optimal sind, befürchten Experten eine hohe Dunkelziffer bei der Zahl der Infizierten.

„COVID-19 hat das Potenzial, nicht nur Tausende Tote zu verursachen, sondern auch eine ökonomische und soziale Verwüstung auszulösen“, warnte WHO-Regionadirektor Matshi­di­so Moeti mit Hinweis auf eine in vielen Ländern nur schwach ausgeprägte medizinische Infrastruktur. Der Kontinent habe aber noch die Chance, die Übertragung des Virus deut­lich zu reduzieren und zu verlangsamen.

Als offiziell unbetroffen von COVID-19 gelten in Afrika nur das Bergkönigreich Lesotho sowie die Inselgruppen der Komoren und Sao Tomé und Principe. Nach Angaben der Wirtschaftskommission für Afrika (ECA) könnten die Volkswirtschaften vieler Länder auf dem Kontinent durch die Folgen der Krise stark in Mitleidenschaft gezogen werden. © dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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