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Ärzteschaft

„Der Geburtsmodus muss aus dem DRG-System gestrichen werden“

Freitag, 10. April 2020

Frankfurt am Main – Die Geburtshilfe steckt in der Krise. Unterfinanzierte Fallpauschalen führen zu Schließungen von Geburtsstationen und Frust bei Ärzten und Hebammen. Im Gespräch mit dem Deutschen Ärzteblatt erklärt der Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG), Frank Louwen, wie dramatisch die Lage in den Kreißsälen ist und welche Wege aus der Krise führen.

Fünf Fragen an Frank Louwen, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe

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DÄ: Herr Professor Louwen, wie ist es im Jahr 2020 um die Geburtshilfe in Deutschland bestellt?

Louwen: Nicht gut. Die Geburtshilfe in Deutschland leidet unter bekannten, aber ungelösten Problemen, die sich auf die Versorgung von Frauen unter der Geburt auswirken. Das führt dazu, dass Frauen aufgrund des Personal­mangels in zunehmendem Maß in Kreißsälen abgewiesen werden. Geburtshilfliche Abteilungen schließen aus ökonomischen Gründen. Hebammen und ärztliche Geburtshelferinnen und Geburtshelfer nehmen die Arbeitsbelastung in den Kliniken als negativ war. Folge sind zunehmend freie Stellen in den geburtshilflichen Abteilungen in Deutschland.

DÄ: Welche Ursachen sind für diese Situation verantwortlich?
Louwen: Das Grundproblem ist: Die Geburtshilfe ist unterfinanziert. Das DRG-System ist also ein relevanter Faktor in der Fehlsteuerung der geburtshilflichen Versorgung in Deutschland. So wird die evidenzbasiert relevante Zentralisierung von Risikopatientinnen bei maternalen oder fetalen Erkrankungen sowie bei drohender Frühgeburt im DRG-System völlig unzureichend abgebildet. Zudem sind die Vorhaltekosten in der Geburtshilfe deutlich höher als in anderen Fachbereichen. Denn Geburtshilfe ist auch Notfallmedizin. Vorhaltekosten werden jedoch im Vergütungssystem nicht berücksichtigt.

Die Unterfinanzierung führt auch zu der gegenüber vergleichbaren europäischen Ländern signifikant erhöhten Kaiserschnittrate in Deutschland, ohne erkennbare Vorteile bezüglich der perinatalen Morbidität.

DÄ: Was müsste sich im System ändern, um die Probleme zu lösen?
Louwen: Erstens: Der Geburtsmodus muss aus dem DRG-System gestrichen werden, die Versorgung der Kreißenden und die Versorgung des neugeborenen Kindes muss im Vordergrund der DRG-Finanzierung stehen. Eine einheitliche DRG „Betreuung unter der Geburt“ bildet die Erfordernisse tatsächlich am besten ab und reduziert den ökonomischen Anreiz des Kaiserschnittes, der höhere Erlöse bei einem Bruchteil der Geburtszeit unter ähnlichen Personalbedarfen generieren lässt, andererseits aber die Morbidität von Mutter und Kind erhöht und damit auch die Folgekosten für das Gesundheitssystem nachhaltig beeinflusst.

Zweitens: Die Strukturierung der Geburtshilfe in Perinatalzentren, Perinatal Schwerpunkten und Geburtsklinken muss sich aufgrund der permanenten Vorhaltung in den Zentren in der DRG differenziert abbilden.

Und drittens: Die Geburtshilfe muss attraktiver werden. Extrem hohe Dienstbelastungen und fehlende wissenschaftliche und klinische Aufstiegschancen haben die seit Jahren notierten Auswirkungen. An den Medizinischen Fakultäten müssen Professuren für „Spezielle Geburtshilfe und Perinatologie“ mit Leitungsfunktion in den universitären Perinatalzentren eingerichtet werden, um den qualifizierten Nachwuchs in den flächendeckend erforderlichen Perinatalzentren zu gewährleisten und die perinatologische Forschung endlich auch in Deutschland zu fördern. Die Probleme sind seit Jahren bekannt. So hat die DGGG bereits 2012 betont, dass die Einrichtung solcher Professuren vordringlich ist und den bestehenden Rückstand in der Forschung reduzieren soll. Aber weder die Politik noch die Selbstverwaltung haben etwas geändert.

DÄ: Wie bewerten Sie die Qualitätsindikatoren im Bereich der Geburtshilfe?
Louwen: Mindeststandards zur Qualitätssicherung werden zwar vorgegeben, die in diesem Zusammenhang entstehenden Kosten werden aber nur unzureichend vergütet. Denn um die Standards einzuhalten, müssen in Perinatal-Zentren Facharzt, Hebamme, OP-Team, Kinderarzt, Kinderkrankenschwester und Labor stets einsatzbereit sein. Zudem müsste die für die Geburtshilfe bestimmte Vergütung auch in der Geburtshilfe ankommen. Die Erlöse dürften nicht zur Querfinanzierung anderer klinischer Bereiche missbraucht werden. Leider weigern sich die Bänke im Gemeinsamen Bundes­aus­schuss bislang, entsprechende Vorgaben zu machen. Wenn aber nicht verbindlich die Qualitätsvoraussetzungen in den Perinatal-Zentren festgeschrieben werden, kann das eingesetzte Personal folgerichtig nicht den geforderten Qualitätsnormen entsprechen. Aus medizinischer Sicht muss ein primäres Qualitätsmerkmal in jedem Fall sein, dass eine Frau die Zeit bekommt, die sie zur Geburt ihres Kindes benötigt.

Geburtshilfe: Die Fehlsteuerungen beheben

Die Geburtshilfe steckt in der Krise. Unterfinanzierte Fallpauschalen führen zu Engpässen in der Versorgung und Frust bei Ärzten und Hebammen. Schon seit Langem liegen Lösungsvorschläge auf dem Tisch. In diesem Jahr nun will die Politik reagieren. Dass die Not groß ist, zeigt sich immer dann, wenn Akteure kooperieren, die sonst nicht immer einer Ansicht sind. In der Geburtshilfe ist die Not groß.

DÄ: Viele fordern eine flächendeckende Vorhaltung von Geburtskliniken in Deutschland. Wie hoch ist aus Ihrer Sicht der Bedarf in der Geburtshilfe?
Louwen: Der Bedarf an geburtshilflichen Abteilungen in den verschiedenen Levels von Grund- bis Spitzenversorgung ließe sich mit den Methoden der Versorgungsforschung leicht ermitteln. Dazu aber fehlt meist der Wille innerhalb der Kommunen.

Während europäische Nachbarn von Skandinavien bis Portugal mit klaren Strukturen ausgezeichnete Erfahrungen machten, wird in Deutschland trotz mittlerweile flächendeckend eklatanter Personalmangelsituationen in der Geburtshilfe medienwirksam gefordert, dass in der nächsten Nachbarschaft immer die optimale geburtshilfliche Versorgung vorzuhalten sei. Es ergeben sich abstruse Situationen mit mehreren Perinatal-Zentren der höchsten Ordnung in verschiedenen Trägerschaften innerhalb der gleichen Region, teilweise in der gleichen Stadt, und den sich daraus ergebenden Personalabwerbestrategien. Andererseits gibt es Regionen, in denen keine Geburtskliniken mit Kinderkliniken in großem Radius erreichbar sind.

Hier befinden wir uns mitten in der Landes- und Kommunalpolitik, auch mitten in der Bänkestrategie des Gemeinsamen Bundes­aus­schusses. Lösungen könnten mithilfe der beschriebenen Reform des DRG-Systems im Bereich der Geburtshilfe sowie mit einer zielgenaueren Krankenhausplanung erreicht werden, wären aber an den politischen Willen und die Medienunterstützung geknüpft. © fos/aerzteblatt.de

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