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Politik

Expertenteam legt Maßnahmen zur Lockerung in Coronakrise vor

Sonntag, 12. April 2020

In Nürnberg weist ein Schild auf den einzuhaltenden Mindestabstand hin. /picture alliance, Daniel Karmann, dpa

Düsseldorf – Eine Expertengruppe in Nordrhein-Wetfalen (NRW) hat Voraussetzungen für den möglichen Abbau der Einschränkungen in der Coronakrise aufgelistet. In dem Papier des interdisziplinären Teams heißt es, über Lockerungen könne erst nach­gedacht werden, wenn klar sei, dass das Gesundheitssystem „absehbar nicht überfordert ist“ und Voraus­setzungen für ein besseres „Monitoring“ der Krise geschaffen seien.

Dann aber könne die Rückkehr zur Normalität „schrittweise forciert werden“, heißt es in der 15-seitigen Ausarbeitung, die im Auftrag der NRW-Landesregierung erstellt wurde.

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Die konkreten Schritte und die Geschwindigkeit der Öffnung sollen sich an vier Kriterien orientieren. Zunächst müsse bestimmt werden, wo die Gefahr einer Ansteckung beson­ders hoch sei und wo weniger. Zweitens gelte die Frage: „Für wen wäre eine Ansteckung besonders gefährlich?“. Diese Gruppen müssten weiter besonders geschützt werden.

Drit­tens komme es darauf an, was „für Wirtschaft und Gesellschaft besonders wichtig“ sei. Zuletzt schließlich müsse bedacht werden, wie gut sich im jeweiligen Bereich Schutz­maß­­nahmen umsetzen ließen.

Kapazitäten ausbauen

In dem 15-Seiten-Papier unter dem Titel „Weg in eine verantwortungsvolle Normalität“ heißt es, vorrangig gelte es, die medizinischen Kapazitäten so schnell wie möglich auszu­bauen. Es sei eine bessere Steuerung der Kapazitäten insbesondere bei Intensivbetten mit oder ohne Beatmungsmöglichkeiten nötig. Diese müssten in Echtzeit erfasst werden.

Zudem sei eine bessere Erreichbarkeit der Gesundheitsämter und eine bessere Informati­onsverteilung zwischen diesen nötig. Zielmarke sei eine Steigerung der Zahl der Tests auf das Coronavirus auf bis zu 500.000 pro Tag. Dazu sei ein schneller Aufbau der Testinfra­struktur auch unter Einbeziehung weiterer Labore und die Einrichtung mobiler Teststatio­nen mit Unterstützung durch das Technische Hilfswerk, die Bundeswehr und das Rote Kreuz nötig.

Menschen mit Symptomen und bestätigten Kontaktpersonen sollten grundsätzlich immer getestet werden. Auch sollten die Infektionsketten möglichst lückenlos zurückverfolgt werden.

Bildungsangebote für Kinder und Jugendliche sollten den Vorstellungen nach „so schnell wie möglich“ ermöglicht werden. Die Betreuung in Kitas und die „(Teil-)Öffnung“ von Schu­len könne berufstätigen Eltern wieder Freiräume verschaffen. Es könnten vor allem Betreuer eingesetzt werden, die nicht zu einer Risikogruppe gehören.

Zur Risikogruppe – Ältere, Raucher und Menschen mit Vorerkrankungen – gehörten bis zu 20 Millionen Menschen in Deutschland. Kontakte sollten generell auf ein Mindestmaß reduziert werden, meinen die Fachleute. In Alten- und Pflegeheimen könne ein Besuchs­verbot und konsequentes Testen weiter notwendig sein.

Die Fachleute schlagen weiter vor, wirtschaftliche Aktivitäten müssten so schnell wie möglich wieder zugelassen werden, möglichst weiter mit Schutzmaßnahmen wie Mas­ken, Abstand und Trennwänden.

„Großveranstaltungen wie Fußballspiele der Bundesliga mit Zuschauern, aber auch Messen und Kongresse werden auf absehbare Zeit nicht stattfinden können“, ist die Mei­nung der Experten. Konzerte und Theater könnten mit Einschränkungen wie Abstands­re­geln und Personenbegrenzung stattfinden.

Das schrittweise Öffnen werde absehbar deutlich schwieriger werden als das abrupte He­runterfahren des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Lebens, heißt es in den Empfeh­lungen. In einer stufenweisen Öffnung seien Abstandsregeln, Händewaschen sowie Hus­ten- und Nies-Etikette zentral. Auch das Tragen von einfachem Mundschutz sei sinnvoll, etwa in Bus und Bahn sowie in geschlossenen Räumen.

Beim Blick in die Zukunft sehen die Fachleute ein neues Verständnis von Nähe und Höf­lich­keit: „Man gibt sich nicht die Hand zur Begrüßung, man umarmt sich nicht. Man hält einen weiteren Abstand zu seinen Mitmenschen und trägt vielleicht eine Schutzmaske“, steht in dem Papier.

In der Wirtschaft sehen sie eine Verstärkung des Trends zum Online-Handel. Die zuneh­mend ins Ausland verlagerte Produktion von medizinischen Artikeln wie Masken und Schutzkleidung sowie von Medikamenten müsse korrigiert werden. Eine wichtige Lehre aus der Coronakrise sei das Überdenken der Importabhängigkeit von vielen systemrele­vanten Produkten und Wertschöpfungsketten.

„Die sozialen und gesellschaftlichen Schäden sind extrem groß“, heißt es in dem Papier weiter. Unter anderem mit Blick auf mögliche Vereinsamung älterer Men­schen und eine Zunahme häuslicher Gewalt und Kindeswohlgefährdung. Auch die volks­wirtschaftlichen Kosten seien „enorm hoch“. Extrem stark betroffen seien Branchen wie Gastronomie, Einzelhandel, Automobilindustrie sowie Maschinen- und Anlagenbau.

Dem Expertenteam gehören unter anderem der Virologe Hendrik Streeck, der frühere Bun­desverfassungsrichter Udo di Fabio und der frühere Vorsitzende der Wirtschaftswei­sen Christoph Schmidt an.

Grundlage für Entscheidung

Das Papier soll als Grundla­ge dienen für ein Gespräch in der kommenden Woche, bei dem die Mi­nisterpräsidenten der Bundesländer mit Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) über die nächsten Schritte beraten sollen.

In einem beigefügten Schreiben an Merkel und die Regierungschefs betont Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Armin Laschet (beide CDU), es brauche „eine offene, trans­parente Debatte über den Weg aus der Krise und einen Fahrplan in eine verantwortungs­v­­olle Normalität“.

Das Experten-Papier und eine Studie über den besonders von der Coronavirus-Epidemie betroffenen Kreis Heinsberg sollten „ein Beitrag zur inhaltlichen Grundlage für unsere gemeinsamen Beratungen in der nächsten Woche sein“. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #795039
Königsstuhl
am Montag, 13. April 2020, 16:44

Raucher = schützenswerte Risikogruppe?

Wie bitte?
Ich denke und hoffe, dass dies im Artikel lediglich missverständlich formuliert ist.
Ansonsten müsste ja auch bspw. der Schutz von Männern als Risikogruppe ernsthaft in Erwägung gezogen werden.
Letzteres wäre moralisch gar noch eher vertretbar, da unverschuldet.
Ersteres (Raucherschutz) ist für mich nicht nachvollziehbar und müsste - wenn- dann als allererstes mit konsequentem Nichtraucherschutz und konsequentem Rauchverbot mindestens im öffentlich Raum durchgesetzt werden.
Hoffentlich lediglich ein Missverständnis..
LNS

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