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Politik

Leopoldina: Öffentliches Leben unter Bedingungen normalisieren

Montag, 13. April 2020

/picture alliance, Sebastian Willnow

Halle – Die Forschungsgemeinschaft Leopoldina als wichtiger Berater der Bundesregie­rung hat in einer neuen Stellungnahme eine Maskenpflicht für den öffentlichen Perso­nen­­verkehr vorgeschlagen. Zudem sprachen sich die Forscher heute dafür aus, die Schu­len schrittweise zunächst für jüngere Schüler wieder zu öffnen.

Der Betrieb in Kindertagesstätten sollte „nur sehr eingeschränkt wiederaufgenommen werden“. Die Datenerhebung muss nach Ansicht der Wissenschaftler deutlich verbessert werden, auch mithilfe von Corona-Apps.

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„Da die Jüngeren im Bildungssystem mehr auf persönliche Betreuung, Anleitung und Unterstützung angewiesen sind, sollten zuerst Grundschulen und die Sekundarstufe I wieder schrittweise geöffnet werden.“ Die Möglichkeiten des Fernunterrichts „können mit zunehmendem Alter besser genutzt werden“, so die Forscher.

„Deshalb ist zu empfehlen, dass eine Rückkehr zum gewohnten Unterricht in höheren Stu­fen des Bildungssystems später erfolgen sollte." Dabei seien unterschiedliche Über­gangsformen und Verknüpfungen zwischen Präsenzphasen und Unterricht auf Distanz mithilfe digitaler Medien denkbar. Prüfungen sollten aber „wenn eben möglich“ abgehal­ten werden.

Die Empfehlung, den Kita-Betrieb nur sehr eingeschränkt wiederaufzunehmen, begrün­den die Forscher damit, dass kleinere Kinder sich nicht an die Distanzregeln und Schutz­maßnahmen halten können, gleichzeitig aber die Infektion weitergeben können.

Gesell­schaftliche, kulturelle und sportliche Veranstaltungen sollten „in Abhängigkeit von der möglichen räumlichen Distanz und den Kontaktintensitäten der Beteiligten (...) nach und nach wieder ermöglicht werden“, empfahlen die Forscher weiter.

Neuinfektionen stabilisieren

Die Normalisierung des öffentlichen Lebens könne schrittweise unter folgenden Voraus­setzungen erfolgen: Die Neuinfektionen müssten sich auf niedrigem Niveau stabilisieren, notwendige klinische Reservekapazitäten müssten aufgebaut und die Versorgung der an­deren Patienten wieder regulär aufgenommen werden, die bekannten Schutzmaßnahmen müssten diszipliniert eingehalten werden.

„So können zunächst zum Beispiel der Einzelhandel und das Gastgewerbe wieder öffnen sowie der allgemeine geschäftliche und behördliche Publikumsverkehr wiederaufge­nom­men werden“, schreiben die Wissenschaftler in ihrer dritten Ad-hoc-Stellungnahme zur Corona-Pandemie.

„Darüber hinaus können dienstliche und private Reisen unter Beachtung der genannten Schutzmaßnahmen getätigt werden.“ Weiter heißt es: „Das Tragen von Mund-Nasen-Schutz sollte als zusätzliche Maßnahme in bestimmten Bereichen wie dem öffentlichen Personenverkehr Pflicht werden.“

Tracking nutzen

Die Datenerhebung zum Infektions- und Immunitätsschutz sei „substanziell zu verbess­ern, insbesondere durch repräsentative und regionale Erhebung des Infektions- und Im­munitätsstatus“. Die Daten sollten „in Echtzeit“ verarbeitet werden und so verlässlichere Kurzzeitprognosen ermöglichen.

„Dabei sollte die Nutzung von freiwillig bereitgestellten GPS-Daten in Kombination mit Contact-Tracing, wie dies beispielsweise in Südkorea der Fall ist, möglich sein“, schreiben die Forscher zum Thema Corona-Apps.

„Dies würde die Präzision heute verfügbarer Modelle steigern, um insbesondere eine kontextabhängige, örtliche Auflösung und damit eine differenzierte Vorhersage des Pandemieverlaufs zu erlauben.“ Die Bürger sollten ihre Daten „anonymisiert, sicher und geschützt“ als Fundament für bessere Prognosen zur Verfügung stellen können.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) will die Stellungnahme der Leopoldina mit in die gemeinsame Entscheidung mit den Ministerpräsidenten einfließen lassen. Die Bund-Länder-Beratungen darüber, welche Lockerungen nach den Osterferien in Deutschland möglich sind, finden am Mittwoch statt.

In den Empfehlungen heißt es unter dem Punkt „Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Stabi­lisierung nutzen“, staatliche Beteiligungen sollten nur im äußersten Notfall zur Stabilisie­rung von Unternehmen eingesetzt werden.

Mit dem Auslaufen der jetzigen gesundheitspolitischen Maßnahmen würden mittelfristig weitere expansive fiskalpolitische Impulse notwendig sein. Auf der Einnahmenseite könn­ten dies Steuererleichterungen sein, das Vorziehen der Teilentlastung beim Solidaritäts­zuschlag oder seine vollständige Abschaffung.

Auf der Ausgabenseite seien zusätzliche Mittel für öffentliche Investitionen, etwa im Ge­sundheitswesen, der digitalen Infrastruktur und im Klimaschutz wichtig. Die Krise erfor­dere in höchstem Maße ein europäisch-solidarisches Handeln.

Die Experten rufen zudem dazu auf, an der marktwirtschaftlichen Wirtschaftsordnung festzuhalten. So sei an der Schuldenbremse im Rahmen ihrer derzeit geltenden Regeln festzuhalten. Dies erlaube gerade in so besonderen Zeiten wie der Corona-Krise eine deutlich höhere Verschuldung, verlange aber bei der Rückkehr zur Normalität wieder deren Rückführung.

Allgemein heißt es in diesem Zusammenhang, die in der Krise getroffenen wirtschafts­po­litischen Maßnahmen müssten so bald wie möglich zugunsten eines nachhaltigen Wirt­schaftens im Rahmen einer freiheitlichen Marktordnung rückgeführt oder angepasst wer­den.

Ähnliche Empfehlungen aus NRW

Eine Expertengruppe in Nordrhein-Westfalen (NRW) hatte ebenfalls Voraussetzungen für den möglichen Abbau der Einschränkungen in der Coronakrise aufgelistet. In dem Papier des interdisziplinären Teams heißt es, über Lockerungen könne erst nach­gedacht werden, wenn klar sei, dass das Gesundheitssystem „absehbar nicht überfordert ist“ und Voraus­setzungen für ein besseres „Monitoring“ der Krise geschaffen seien.

Dann aber könne die Rückkehr zur Normalität „schrittweise forciert werden“, heißt es in der 15-seitigen Ausarbeitung, die im Auftrag der NRW-Landesregierung erstellt wurde.

In Deutschland sind bis heute Mittag nach Informationen der Johns-Hopkins-University rund 127.800 Infektionen mit SARS-CoV-2 registriert worden. Mehr als 3.000 Menschen starben bundesweit daran. Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts haben etwa 64.300 Menschen die Infektion überstanden, etwa die Hälfte der bisher erfassten Infizierten. © dpa/afp/aerzteblatt.de

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Avatar #88255
doc.nemo
am Dienstag, 14. April 2020, 08:53

Öffentliches Leben unter Bedingungen normalisieren

Nachdem sich gezeigt hat, dass die medizinische Versorgung in Deutschland auch bei den höchsten Infektionsraten nicht zusammengebrochen ist, werden wir die kontrollierte Durchseuchung der Bevölkerung zulassen müssen. Die biologischen Eigenschaften des Virus machen ein vollständiges Containment unmöglich und eine Impfung ist nicht in Sicht. Unter der Annahme, dass die „natürliche“ Sterblichkeit durch das Virus (ohne Exzess-Sterblichkeit durch unzureichende medizinische Versorgung) konstant bleibt, verlängern diese eingreifenden Maßnahmen zwar den Verlauf der Epidemie, senken die Gesamtzahl der Sterbefälle aber nicht - sie verteilen sich lediglich über einen größeren Zeitraum, was halt „schönere“ Statistiken gibt. Das aber um den Preis einer weitgehenden Zerstörung von Staat und Wirtschaft. Ohne Wirtschaft aber lassen sich weder Krankenhäuser noch Pflegeheime betreiben, denn sie brauchen nicht nur Personal, sondern auch Material und Infrastruktur.
Avatar #759489
MITDENKER
am Dienstag, 14. April 2020, 08:17

Zustimmung

Dem wohlabgewogenen und fundierten Beitrag von Claus Günther ist zuzustimmen. Es wird Zeit, die Beschränkungen zu lockern.
Avatar #729795
KDLN68
am Dienstag, 14. April 2020, 08:00

Es ist schwer einzugestehen, dass Einschätzungen und daraus gezogene Konsequenzen nicht angemessen waren

Würde eine zu schnelle Rückkehr nicht offenbaren, dass die bisherigen Einschätzungen und die daraus abgeleiteten Maßnahmen so nicht zugetroffen haben? Das eine Einordnung der Ereignisse in das "übliche" Geschehen nicht oder unangemessen passiert ist?
Avatar #659995
Claus Günther
am Montag, 13. April 2020, 22:44

Schrittweise Rückkehr jetzt!

Ostern ist vorbei, die Kontaktsperren wurden weitestgehend eingehalten. Jetzt sollte Schluss sein damit, Angst und Panik zu schüren. Ja, es ist hart: Eine Öffentlichkeit, die bereits von Exponentialrechnung überfordert wird, die keine Vorstellung von der demografischen Normalsituation in Deutschland hat und die in dynamischen Situationen nicht mehr die Statements von vor 10 Tagen erinnert, eine solche Öffentlichkeit kann keine kritische sein.
Fangen wir von hinten mit den Statements an, die besagten, es gehe nicht um die „Kosmetik“ positiver Testergebnisse, sondern darum, schwere Krankheitsverläufe zu begrenzen, die die Kapazität des Gesundheitssystems überfordern. Die Deutsche Interdisziplinäre Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin e.V. (DIVI) stellt Zahlen zu den intensivmedizinischen COVID-19-Behandlungen und den verfügbaren Kapazitäten zur Verfügung, die eine absolut kontrollierbare Situation abbilden. Am 30.03.2020 wurde über 1.500 COVID-19-Patienten auf Intensivstationen berichtet, von denen 1.100 beatmungspflichtig waren, 10 Tage später, am 08.04.2020 waren es mit 3.420 tatsächlich mehr als doppelt so viele. Die Patientenzahlen folgten mit Verspätung der Dynamik der positiven Testergebnisse. Jedoch war die durchschnittliche Verweilzeit in der Intensivmedizin gering, bei 1.566 Patienten war die Behandlung bereits abgeschlossen, bei 486 (31%) allerdings endete sie tödlich. Am heutigen 13.04.2020 vermeldet der Lagebericht des RKI unter Berufung auf DIVI 2.447 Patienten in intensivmedizinischer Behandlung, davon 1.841 mit Beatmung, 3.253 Behandlungen waren abgeschlossen 952 Patienten (29%) verstorben. Das RKI berichtet, dass der Altersmedian der Todesfälle bei 82 Jahren liegt, 86% der COVID-19-Todesfälle waren 70 Jahre und älter. Die Zuwächse an Patienten mit positiven Testergebnissen deuten im gesamten April auf eine abgeschwächte Dynamik. Das DIVI meldet mehr als 8.000 freie Intensivbetten. Die Zeit ist entschieden reif für Lockerungen, für eine Normalisierung des gesellschaftlichen Lebens in großen Schritten.
In den Medien wird vor allem mit Berichten über Todesfälle - mittlerweile fast 3.000 - Angst geschürt. Die Öffentlichkeit ignoriert die Tatsache, dass das Leben endlich ist, dass täglich in Deutschland 2.000 bis 3.000 Menschen sterben, dass 5 von 100 Achtzigjährigen das laufende Jahr nicht überleben werden. Hunderttausende betagte Deutsche – dement und/oder inkontinent – fristen in Pflegeeinrichtungen ein nur noch extrem eingeschränktes Leben. In einem Umfeld, in dem der Tod alltäglich ist, verstirbt die große Mehrheit der positiv auf COVID-10 Getesteten.
Egal ob Kettenbrief-Aktionen oder Bevölkerungswachstum, exponentielle Anstiege halten nur eine begrenzte Anzahl von Verdoppelungszeiten durch. Danach tritt eine Sättigung ein, die Kurven flachen ab oder reißen ab, Verdoppelungen finden gar nicht mehr statt. Bei COVID-19 sind die entscheidenden Faktoren sicher bekannt, die zu einem exponentiellen Anstieg schwerer Verläufe führen: höheres Lebensalter und schwere Vorerkrankungen. Hinfällige und Betagte, Patienten mit Erkrankungen der Lunge oder der Atemwege, Immungeschwächte, das sind die Menschen, die geschützt werden müssen, damit die Wachstumskurve der COVID-19-Intensivpatienten abreißt.
Im Umkehrschluss heißt das: Entlasst die jungen Menschen aus der Geiselhaft, gebt Spielplätze, Kindergärten und Schulen frei!
Ja, wir brauchen weiterhin Vorsicht, die Einhaltung von Hygiene und möglichst auch sozialer Distanz, vor allem im Umgang mit den Risikokollektiven. Dies darf jedoch die gesellschaftlichen Kreisläufe nicht unterbinden, Wirtschaft, Kultur, Erziehung und Bildung nicht länger strangulieren.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Montag, 13. April 2020, 18:46

INKOMPETENTE LEOPOLDINA?

Die altehrwürdig-verstaubte LEOPOLDINA wollte bereits 2016 mit ihrem 8-Thesen-Papier "Nationale Empfehlungen - Zum Verhältnis von Medizin und Ökonomie im deutschen Gesundheitssystem" 600 von damals knapp 1.500 Kliniken ersatzlos schließen!
http://leopoldina.org/de/publikationen/detailansicht/publication/zum-verhaeltnis-von-medizin-und-oekonomie-im-deutschen-gesundheitssystem-2016/

Wie wären wohl die SARS-CoV-2 Virusinfektionen und die COVID-19-Erkrankungen bzw. deren Morbiditäts-bezogene Mortalität verlaufen, wenn wir heutzutage 600 Akutkliniken weniger gehabt hätten?

Geht es nicht vielleicht auch mit etwas weniger Besserwisserei, wissenschaftlichen Elfenbeintürmen und theoretisierenden Erörterungen bzw. mit etwas mehr Selbstkritik?

Mf + kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund
LNS

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