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COVID-19-Kranken­häuser sollen prioritär mit Arzneimitteln beliefert werden

Donnerstag, 16. April 2020

/studiopure, stock.adobe.com

Berlin – Zentral durch die Bundesregierung beschaffte Arzneimittel sollen künftig über ein spezielles Verteilkonzept zuerst an diejenigen Krankenhäuser ausgeliefert werden, die viele schwer erkrankte COVID-19-Patienten behandeln. Das erfuhr das Deutsche Ärzteblatt (DÄ) heute aus Fachkreisen, die der Regierung nahestehen.

Auf diese Weise soll sichergestellt werden, dass insbesondere diese Krankenhäuser neue Arzneimittel erhalten, die im Off-Label-Use zur Behandlung von COVID-19 eingesetzt werden sollen, hieß es.

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Zur Behandlung von schwer kranken COVID-19-Patienten werden zudem viele Anästhe­tika und Beruhigungsmittel benötigt. Ob das Verteilkonzept auch für diese Arzneimittel gelten soll, dazu gab es keine einheitlichen Aussagen.

Auf Probleme bei der Versorgung hatte erst kürzlich die Gesundheits­kommissarin der Eu­ropäischen Kommission, Stella Kyriakides, in einem Brief an die europäischen Arznei­mittel­verbände hingewiesen. Die bat die pharmazeutischen Unternehmen in dem Schrei­ben darum, die Produktion von Medikamenten zur Behandlung von schwer kranken CO­VID-19-Patienten zu erhöhen. Dabei handle es sich um „eine Angelegenheit von extremer Dringlichkeit“.

Engpässe bei Anästhetika

Ende März sei bei Gesprächen mit europäischen Arzneimittelverbänden von einem „aku­ten Risiko“ von Engpässen bei „entscheidenden Arzneimitteln“ zur stationären Behand­lung von COVID-19-Patienten berichtet worden, heißt es weiter in dem Brief. Verschie­de­ne Mitgliedstaaten hätten der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) in der Folge da­rüber berichtet, dass sie entsprechende Arzneimittel nur noch für eine Woche auf Lager hätten.

Dem Brief angehängt war eine Liste mit Arzneimitteln, die in Europa fehlen. Den Medikamenten beigeordnet waren die Länder, in denen Engpässe existieren oder erwartet werden. Vielfach fehlen demnach Anästhetika und Beruhigungsmittel zur Intensivbehandlung von COVID-19-Patienten wie Fentanyl, Propofol, Midazolam, Lorazepam und Ketamin. Für diese Arzneimittel werden der Liste zufolge auch Engpässe in Deutschland erwartet.

Diese Arzneimittel fehlen der Liste zufolge auch in Deutschland. Es sei von „äußerster Wichtigkeit“, der Erhöhung der Produktion der in der Liste genannten Medikamente „so­for­tige Priorität“ einzuräumen und die jeweiligen Länder zu versorgen, schreibt Kyriaki­des. Die Kommission werde ihrerseits keine Anstrengungen scheuen, um den freien Wa­renverkehr innerhalb Europas zu gewährleisten.

Keine Hinweise auf kurzfristige Einschränkungen

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) sieht derzeit in Deutsch­­land keine Risiken für Versorgungsengpässe, die über das übliche Maß an Liefer­en­gpässen hinausgehen. „Aktuell liegen dem BfArM keine belastbaren Hinweise vor, die auf eine kurzfristige Ein­schränkung der Arzneimittelversorgung aufgrund von Produk­ti­ons­ausfällen in Regionen, die von der Ausbreitung des Coronavirus besonders betroffen sind, schließen lassen“, er­klärt das BfArM dem Deutschen Ärzteblatt ().

Gleichwohl stehe das BfArM – insbesondere zu versorgungsrelevanten Arzneimitteln und auch mit Blick auf möglicherweise steigende Bedarfe durch gegebenenfalls zunehmende intensivmedizinische Behandlungen in den kommenden Monaten – im engen Austausch mit dem BMG und weiteren Akteuren, mit dem Ziel, diesen möglichen Mehrbedarf abde­cken zu können und den grenzübergreifenden Verkehr mit Wirkstoffen und Arzneimitteln weiterhin sicherzustellen.

„Unsere Unternehmen tun alles ihnen Mögliche“

„Im Moment tun unsere Unternehmen alles ihnen Mögliche, um die großen Herausforde­run­gen der Krise zu managen“, sagte der Geschäftsführer des Verbandes Pro Generika, Bork Bretthauer. „Sie fahren Extraschichten, haben weitere Produktionslinien zugunsten derzeit besonders benötigter Wirkstoffe freigemacht und versuchen, die Blockaden in den Bereichen Transport und Logistik zu lösen.“

Vieles könne man jedoch im Moment nicht vorhersagen. „In Indien gibt es einen Lock­down, der gerade noch einmal um drei Wochen verlängert wurde Da ist es schwierig, Roh­stoffe für Arzneimittel aus dem Land nach Europa zu bekommen“, erklärte Bretthauer. Vor einigen Wochen sei die Produktion von Rohstoffen in China zumindest wieder ange­laufen. Auch dort bleibe die Lage jedoch unübersichtlich.

„Dass die Arbeiter in die Fabriken kommen oder die LKW zu den Schiffen, ist nicht in je­dem Fall gesichert“, so Bretthauer. Für einige Zeit könnten die Pharmaunternehmen Lie­ferverzögerungen jedoch gut abfangen, weil sie genügend Rohstoffe in ihren Lagern be­vorratet hätten.

Steigender Bedarf durch mehr Verordnungen

Zu Lieferengpässen könne es zudem auch durch ein verändertes Verordnungsverhalten von Ärzten kommen. „Viele Chroniker erhielten offenbar zu Beginn der Coronakrise Ver­ordnungen für mehrere Wochen. Das führte zu einem höheren Bedarf“, sagt Bretthauer. „Inzwischen melden uns aber unsere Unternehmen – und die Apotheker sowie der Groß­handel bestätigen das – dass sich die Lage ein bisschen entspannt und sich die Nach­frage etwas normalisiert hat.“

Am 20. März hat das BfArM eine allgemeine Anordnung erlassen, um eine bedarfs­gerech­te Belieferung von Arzneimitteln sicherzustellen. „Gemäß den dem BfArM vorliegenden Informationen findet aktuell verstärkt eine übermäßige Bevorratung bei einzelnen Markt­teilnehmern mit Arzneimitteln statt, die in direkter Folge zu einer Ungleichverteilung führt“, heißt es darin.

„Um dieser Ungleichverteilung entgegenzuwirken, werden die pharmazeutischen Unter­nehmer und der Pharmazeutische Großhandel aufgefordert, Arzneimittel nicht über den normalen Bedarf hinaus zu beliefern.“ Die Belieferung mit Arzneimitteln an öffentliche Apotheken soll dabei zum Beispiel auf der Basis der Abgabemengen des Vorjahres erfol­gen.

Zu Lieferengpässen kommt es zudem dadurch, dass nicht verschreibungspflichtige Arz­neimittel in größerem Umfang als normalerweise erstanden werden. Vor diesem Hinter­grund hatte Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) vor einigen Wochen Hersteller, Großhandel und Apotheken aufgefordert, Paracetamol nur im akuten Behandlungsfall und der dafür benötigten Menge abzugeben und auch nur, wenn es keine geeigneten therapeutischen Alternativen gibt. Zuvor hatten Apotheken Engpässe bei Paracetamol gemeldet.

Das BfArM führt eine Liste mit Arzneimitteln, bei denen es aktuell Lieferengpässe gibt. Auch verschiedene Paracetamol-Präparate sind derzeit in dieser Liste geführt. „Es gibt keinen Coronavirus bedingten Lieferengpass bei Paracetamol-ratiopharm“, erklärt das Pharmaunternehmen Teva Deutschland dem , das Paracetamol unter dem Markenna­men Ratiopharm verkauft. Allerdings könne es aufgrund einer aktuell erhöhten Nachfrage bei der Auslieferung von Tabletten und Zäpfchen zu Verzögerungen kommen.

Um eine flächendeckende Versorgung mit Paracetamol von Ratiopharm sicherzustellen, greife Teva derzeit steuernd in die Warenversorgung ein und biete das Präparat nur noch über den pharmazeutischen Großhandel an.

Ebenfalls in der Liste des BfArM enthalten ist derzeit ein von Sandoz unter dem Marken­namen 1A Pharma vertriebenes Präparat mit dem Antibiotikum Amoxicillin-Trihydrat. „Der Wirkstoff Amoxicillin-Trihydrat wird in unserem zum Netzwerk gehörenden spani­schen Sandoz-Werk gefertigt, die Bulkherstellung und Verpackung erfolgt im Sandoz-Werk im österreichischen Kundl“, erklärte Sandoz dem .

Die amoxicillinhaltigen Präparate würden zum Großteil über den pharmazeutischen Groß­handel vertrieben, ein kleiner Teil von unter fünf Prozent gehe direkt an die Kran­ken­häuser. „Derzeit erwarten wir keine Unterbrechung der Lieferkette für den Großteil unseres Portfolios“, schreibt Sandoz – unter anderem wegen bestehender Sicherheits­be­stände. Die Situation sei jedoch sehr dynamisch und es gebe Aspekte, die außerhalb der Kontrolle eines Herstellers lägen.

„So haben auch bei Amoxi 1000 1A Pharma erhöhte und nicht erwartete Abverkäufe zu einem temporären Lieferengpass geführt“, schreibt das Unternehmen. „Wir rechnen damit, im Mai 2020 wieder lieferfähig zu sein.“

Größere Diversität in der Rohstoffproduktion

Im Rahmen der Coronakrise wurden Forderungen erneuert, die Produktion von Arznei­mitt­­eln und Medizinprodukten aus Asien wieder nach Europa zu verlagern. „Wir begrü­ßen, dass die Diskussion um eine Produktion in Europa auf die politische Tagesordnung gerückt ist, möchten jedoch anmerken, dass zur weltweiten Sicherstellung der Versor­gung mit Medikamenten auch ein entsprechendes globales Produktionsnetz­werk not­wendig ist“, betont Sandoz.

„Eine absolute Konzentration der Produktion auf einzelne Länder – unabhängig von der geographischen Lage – ist nicht zu empfehlen.“ Für eine Rückholung der Produktion nach Europa sei eine wirtschaftliche Produktion die Grundvoraussetzung.“

„Die Herstellung wieder nach Europa zu holen, ist leichter gesagt als getan“, sagte auch Bretthauer von Pro Generika. Es sei nicht realistisch, dass sich Europa mit Arzneimitteln selbst versorgen könne. Vielmehr sei es wichtig, dass es für bestimmte Wirkstoffe mehr Hersteller in verschiedenen Regionen der Welt gebe. Bretthauer: „Viele Wirkstoffe werden weltweit nur noch von sehr wenigen Herstellern hergestellt. Das führt zu einem Klum­pen­risiko, welches Engpässe begünstigt.“

Mehr Wirkstoffproduktion in Europa

„Wir befürworten, in Ausschreibungen festzulegen, dass ein Unternehmen den Zuschlag für einen Rabattvertrag erhält, wenn es eine Wirkstoffquelle aus Europa nachweisen kann“, sagte Bretthauer. „Heute hätte ein solches Unternehmen keine Chance, einen Rabattvertrag zu erhalten, weil die Produktion in Europa teurer ist als die in China.“ © fos/aerzteblatt.de

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