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Medizin

US-Kardiologen fordern intensive Therapie des Typ-2-Diabetes bei Patienten mit koronarer Herzkrankheit

Freitag, 17. April 2020

/dpa

Kansas City − Der Anstieg der Erkrankungszahlen am Typ-2-Diabetes hat nach Einschätzung der American Heart Association (AHA) dazu beigetragen, dass nach Jahrzehnten des Rückgangs in den USA erneut mehr Menschen an einer koronaren Herzkrankheit erkranken und sterben. Die US-Kardiologen fordern in einer wissenschaftlichen Stellungnahme in Circulation (2020; DOI: 10.1161/CIR.0000000000000766), die Behandlung dieser Hochrisikogruppe zu verbessern.

Es ist seit längerem bekannt, dass Menschen mit Typ-2-Diabetes ein erhöhtes Risiko haben, an einem Herzinfarkt zu erkranken und zu sterben. Dieses Problem hat sich in den letzten Jahren verschärft, da immer mehr Erwachsene im Verlauf ihres Lebens einen Typ-2-Diabetes entwickeln. Das erhöhte Risiko führen Suzanne Arnold vom Saint Luke’s Mid America Heart Institute in Kansas City/Missouri und Mitarbeiter darauf zurück, dass der Typ-2-Diabetes ein „generalisierter prothrombotischer Zustand“ ist, verursacht durch eine veränderte Koagulation und Plättchenfunktion.

Die Behandlung mit Acetylsalicylsäure (ASS), die ein Grundpfeiler in der Sekundär­prävention bei Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit ist, reicht nach Einschätzung der AHA-Experten nicht aus, um die Patienten ausreichend zu schützen. Sie sehen aufgrund der Ergebnisse der CAPRIE-Studie in Clopidogrel eine sinnvolle Alternative (Lancet 1996; 348: 1329-39).

Bei Patienten mit zusätzlichen Risikofaktoren könnte auch eine Kombination von ASS mit Clopidogrel oder Ticagrelor sinnvoll sein. Selbst die Kombination aus ASS und dem Antikoagulans Rivaroxaban wird von den US-Kardiologen als Option betrachtet. Sie hatte in der COMPASS-Studie die Zahl der schweren kardiovaskulären Ereignisse (MACE) gesenkt, gleichzeitig aber auch das Blutungsrisiko erhöht (Lancet 2018; 391: 205-218).

Die 2. Säule ist die Behandlung der arteriellen Hypertonie, die bei Menschen mit Typ-2-Diabetes doppelt so häufig ist wie in der übrigen Bevölkerung. Die US-Kardiologen setzen die Blutdruckziele mit unter 140/90 mm Hg etwas höher als bei Nichtdiabetikern (wo aufgrund der SPRINT-Studie 120/80 mm Hg das Ziel ist). Bei zusätzlichen Risikofaktoren sollte laut Arnold und Mitarbeitern ein Wert von unter 130/80 mm Hg angestrebt werden.

Bei den Blutdrucksenkern bevorzugen die AHA-Experten ACE-Hemmer, die sich günstig auf die Nephropathie auswirken, die bei vielen Menschen mit Typ-2-Diabetes nachweis­bar ist. Die Kombination mit einem Thiazid-Diuretikum sehen die US-Kardiologen wegen einer Verschlechterung der Blutzuckerkontrolle kritisch. Gegen Kalziumantagonisten und Aldosteron-Antagonisten gibt es keine Einwände. Bei den Beta-Blockern sollten die Mittel mit vasodilatatorischen Eigenschaften bevorzugt werden, weil sie weniger in den Stoffwechsel eingreifen.

Die Behandlung hoher Cholesterinwerte ist eine weitere Säule in der Behandlung von Patienten mit stabiler koronarer Herzkrankheit. Der Eckstein ist für die AHA der Einsatz von Statinen, auch wenn diese den Blutzucker leicht ansteigen lassen. Die Vorteile durch die Verlangsamung der Atherosklerose würden überwiegen und es gibt für Arnold keinen Grund, aufgrund ungünstiger Blutzuckerwerte auf den Einsatz von Statinen zu verzichten. Die AHA sieht keinen Anlass, andere Mittel wie Ezetimib oder PCSK9-Inhibitoren zu bevorzugen. Diese sollten grundsätzlich nur eingesetzt werden, wenn die LDL-Ziele mit einem Statin allein nicht erreicht werden.

Das Mittel der Wahl zur Senkung des erhöhten Blutzuckers ist Metformin. Das Mittel führt manchmal zu einem leichten Gewichtsverlust, der bei den meist übergewichtigen Typ-2-Diabetikern immer erwünscht ist. Es gibt laut AHA auch keine Hinweise, dass Metformin ungünstige kardiovaskuläre Wirkungen hat.

Die US-Kardiologen haben natürlich mitbekommen, dass für andere Blutzuckersenker in den letzten Jahren in Studien günstige Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen gezeigt werden konnten. Dies gilt insbesondere für die SGLT2-Inhibitoren, die das Sterberisiko an Herz-Kreislauf-Erkrankungen in den Endpunktstudien signifikant gesenkt haben.

Die Studien werden den Herstellern von den Arzneimittelbehörden auferlegt, seit 2007 eine Meta-Analyse für Rosiglitazon ein erhöhtes Herzinfarktrisiko gefunden hatte. Für SGLT2-Inhibitoren wurden bisher die günstigsten Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Ereignisse gefunden. Der Gewichtsverlust und die geringe Neigung zur Hypoglykämien sind laut AHA weitere Pluspunkte.

Auch die GLP-1-Agonisten, von denen die meisten allerdings injiziert werden müssen, haben durch die Senkung des Körpergewichts einen für Typ-2-Diabetiker interessanten Begleiteffekt. Jüngste Studienergebnisse über die Auswirkungen auf Herz-Kreislauf-Erkrankungen seien jedoch gemischt, schreibt die AHA-Team um Arnold.

Für „jüngere“ Typ-2-Diabetiker mit koronarer Herzkrankheit und einer Lebenserwartung von 10 bis 20 Jahren sollten nach Ansicht der AHA HbA1c-Werte von unter 7,0 % angestrebt werden. Im höheren Alter müssten jedoch die Risiken, die sich aus einer Hypoglykämie ergeben, beachtet werden, finden die AHA-Experten. HbA1c-Werte von 8,0 oder 8,5 % könnten dann durchaus akzeptabel sein. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #651439
Wolfgang 2
am Sonntag, 19. April 2020, 18:24

Gewichtsreduktion vor Medikation

Diabetes mellitus Typ II, Bluthochdruck und Hyperlipidämie sind eigentlich keine Diagnosen, sondern meist Symptome einer "Grunderkrankung": der Adipositas.

Adipositas kommt in den USA besonders ausgeprägt vor, betrifft bei uns aber auch viele Menschen. Adipositas als behandelbare Ursache wird aber meist vergessen.
Medikamente stehen im Fokus. Ihr Einsatz gleicht aber eher Laborkosmetik und ändert am Grundproblem nichts. Das Gewicht nimmt weiter zu und die Medikation muss weiter gesteigert werden.

Reduziert man dagegen das Gewicht durch Heilfasten, Bewegung und Diätberatung, so bessern sich Blutzucker, Blutdruck und meist auch Blutfette. Bei diesen Patienten kann man die Medikation reduzieren oder sogar ganz absetzen. Die Patienten sind verblüfft und dankbar. Und nebenbei erspart dies unserem Gesundheitswesen hohe Kosten.

Eigentlich banal. Nur ist der Griff zur Tablette, was wir gelernt haben. Gegen jedes Leid findet sich eine Substanz. Die Substanzen addieren sich im Laufe der Zeit zu einem undurchschaubaren Cocktail. Am Ende haben viele Menschen in 10 Jahren 50.000 Tabletten geschluckt. Gesund und risikofrei kann das nicht sein.
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Samstag, 18. April 2020, 09:05

Die Ernährungswissenschaft ist gefordert

Die Forderung, niedrige Zielwerte beim Blutdruck anzustreben, resultiert daraus, weil die Medizin keine Abhilfen (Ernährungsweisen) verordnet, welche auf die Erhaltung bzw. Wiederherstellung der Festigkeit der Gefäßgewebe abzielt. An sich wäre es ja Aufgabe der Ernährungswissenschaft, die Menschheit darüber aufzuklären. Aber solange die Ernährungswissenschaftler die Inhalte medizinischer Lehrbücher für das beste Verfügbare halten, werden sie nicht dahinter kommen, wie arteriosklerotische Gefäße zu verhindern sind.
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Samstag, 18. April 2020, 08:36

Herr Practikus und sein Gebrauch von Argumenten der Kategorie „Argumentum ad hominem“:

Ihnen scheint entgangen zu sein, dass die Medizin keine Religion ist, wo nur richtig ist, wofür in den Religionsbüchern eine Entsprechung existiert.

Wenn Sie meinen, dass jemand erst durch ein medizinisches Studium die Fähigkeit zu denken erlange, dann befinden Sie sich im Irrtum: »Ein Physik- und ein Medizinstudent werden von ihren Professoren aufgefordert, den Inhalt des örtlichen Telefonbuches auswendig zu lernen. Der Physikstudent fragt, wozu das denn gut sein soll, der Medizinstudent dagegen fragt, bis wann?« Offenbar geht die Fähigkeit durch ein Medizinstudium zu denken verloren. Aus der Rezension eines Moliere-Stückes: »Der Mediziner handelt fremdbestimmt und wirkt durch seine extreme Abhängigkeit von der medizinischen Fakultät häufig realitätsfern.«

Und außerdem: Wie wollen Sie denn wissen, dass die in den 70er Jahren gemachten Studien falsch sind? Indem die Medizin nicht in der Lage ist, das Gegenteil zu beweisen, hat diese Hypothese Gültigkeit und kann erst dann verworfen werden, wenn die Medizin zeigt, dass Diabetes II auf eine andere Weise heilbar ist.
Avatar #79783
Practicus
am Freitag, 17. April 2020, 23:07

Herr Wolfbeißer

Im Internet gibt es Seiten, auf denen Sie jeden Unfug finden - Flat-Earther, Kreationisten, Verkünder der Apokalypse, informiertes Wasser, feinstofflichen Nonsense jeglicher Art.
Wenn Sie zu diesem Thema mitreden wollen, studieren Sie Medizin, Biochemie, Physiologie... DANN können Sie mitdiskutieren.
Was Sie sich in der Laienpresse und Fachmagazinen zusammenlesen, ist ohne solides Grundwissen mit Vorsicht zu genießen!
Avatar #786228
hanstreffer
am Freitag, 17. April 2020, 20:01

Schrecklich

wie hier der Kommerz im Vordergrund steht. Tabletten, Tabletten, Tabletten. Von Ticagrelor kriegt man einen Schlaganfall, selbst erlebt, aber Hauptsache man stirbt nicht am Herzinfarkt ... Diese amerikanischen Ärzte solllten ihre eigenen Tabletten essen statt die widerlegten Argumente immer neu zu wiederholen.
Avatar #748578
Ferdinand Wolfbeißer
am Freitag, 17. April 2020, 19:21

Insulinresistenz

Im Internet existiert eine Seite, deren Urheber unter Berufung auf Studien aus den 70er Jahren behauptet, dass die Insulinresistenz durch einen Überhang an Eiweiß am Speisezettel entstehe. DocCheck Flexikon: Die genauen Mechanismen, die zur Entstehung der Insulinresistenz führen sind komplex und zum größten Teil noch Gegenstand intensiver Forschung. Angesichts dieser Ungewissheit ist es unverantwortlich, nicht in Betracht zu ziehen, dass es die reichliche Eiweißzufuhr ist, welche zur Insulinresistenz führt. Dass es so sein könnte, legt der Umstand nahe, dass bei der Heranziehung von Eiweiß als Energierohstoff 6%elementaren Stickstoffes anfallen. Das ist nicht wenig. Verstopfungen der Interstitien mit diesem Müll mit der Auswirkung, dass in der Folge dann das Insulin nicht rasch genug zu seinen Zielen, den Insulinrezeptoren in den peripheren Geweben gelangt, sind denkbar.
LNS

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