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Krankenhäuser sehen sich am Beginn eines Coronajahres

Donnerstag, 16. April 2020

/upixa, stockadobecom

Halle an der Saale – Die Krankenhäuser in Deutschland treten in eine neue Phase der Coronapandemie ein. Das hat der Ärztliche Direktor des Universitätsklinikums Halle, Thomas Moesta, erklärt.

„Bis zur vorletzten Woche haben wir uns ausschließlich darum gekümmert, so schnell wie möglich Intensivkapazitäten zur Behandlung von COVID-19-Patienten aufzubauen“, sagte er dem Deutschen Ärzteblatt. „Eine Situation wie in Italien wollten wir unbedingt vermei­den.“

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Nun hätten die deutschen Krankenhäuser viele Behandlungskapazitäten für Intensivpa­tienten aufgebaut, doch durch das Kontaktverbot sei die Zahl der Neuinfektionen und da­mit auch die Zahl der schweren Krankheitsverläufe geringer angestiegen als befürchtet.

„Zum 1. März 2020 hatten wir 53 Beatmungsbetten in Betrieb“, erklärte Moesta. „Seither haben wir weitere 36 Betten aufgebaut und halten diese vor. Von diesen waren in Spit­zen­­zeiten bislang neun mit schwer erkrankten COVID-19-Patienten belegt.“

Allerdings sehe der Pandemieplan von Sachsen-Anhalt vor, dass COVID-19-Patienten in erster Linie von den anderen vier Krankenhäusern in Halle versorgt würden. Das Universi­tätsklinikum als Maximalversorger fokussiere sich damit auf die komplette medizinische Versorgung aller anderen Erkrankungen.

Gesamtbudget notwendig

„Für die Menschen ist es gut, wenn wir weniger intensivbehandlungspflichtige Patienten versorgen müssen“, betonte Moesta. Für die Finanzierung der Krankenhäuser sei es aller­dings schlecht, da die Häuser weniger Leistungen abrechnen könnten. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft hatte ein pauschales Budget auf der Basis des Vor­jahrs zur Finanzierung der Krankenhäuser während der Coronapandemie gefordert.

Die Bundesregierung hat im COVID-19-Krankenhausentlastungsgesetz jedoch an der grundsätzlichen Finanzierung über Fallpauschalen festgehalten und zusätzliche Pauscha­len für aufgebaute Intensivbetten oder medizinische Schutzausrüstung beschlossen.

„Eine solche Finanzierung funktioniert aber nicht, wenn wir die Leistungen nicht planen können“, stellt Moesta klar. „Vor einer Woche haben wir einen Wirtschaftsplan aufgestellt, bei dem wir von einer Auslastung der Beatmungskapazitäten ausgegangen sind. Eine Wo­che später stellen wir fest, dass wir von einer Auslastung weit entfernt sind.“

Mit dem jetzigen System würden die Vorhaltekosten nicht finanziert, sagte er. „Wir brau­chen deshalb ein Gesamtbudget, um während der Coronapandemie nicht in finanzielle Schwierigkeiten zu kommen.“ Dabei erinnert Moesta an das Versprechen von Bundes­ge­sundheitsminister Jens Spahn (CDU), dass kein Krankenhaus wegen der Coronapande­mie ins Defizit rutschen werde.

Durch das Jahr lavieren

„Die Krankenhäuser müssen sich darauf einstellen, dass sie das gesamte Jahr über sowohl Coronapatienten als auch alle nicht an COVID-19 Erkrankten aufnehmen und behandeln“, sagte Moesta. „Es kommt jetzt darauf an, eine Balance zwischen einem Coronakrisen­mo­dus und der sicheren Versorgung von Nicht-COVID-19-Patienten zu erreichen.“

Das bedeute erweiterte Vorhaltefunktionen bei gleichzeitiger Entwicklung strengster Hy­giene- und Surveillance-Strategien. „Wir müssen uns jetzt im besonderen Maße Vertrauen verdienen – bei einer Bevölkerung, die nach wie vor Angst vor der Pandemie hat, aber auch bei den Patienten, die wegen anderer Erkrankungen stationäre Leistungen benöti­gen und unsere Häuser gerade aus Angst vor Corona meiden“, sagte Moesta.

„Wir werden eine Art Coronaregelbetrieb unter der Berücksichtigung dieser Entwick­lun­gen betreiben müssen. So werden wir uns durch dieses Jahr lavieren müssen, bis wirksa­me Medikamente zur Behandlung oder einen Impfstoff gefunden sind.“

Jeden neuen Patienten screenen

„Wir müssen die Krankenhäuser vor diesem Hintergrund coronasicher machen“, betonte Moesta. „Dafür würden wir gerne alle unsere neuen Patienten auf SARS-CoV-2 screenen, um sicherzugehen, dass wir nicht unwissentlich einen Infizierten aufnehmen.“ Das funk­tioniere aber nur, wenn genügend Schnelltests zur Verfügung ständen.

Zudem müsse dafür die Organisation des Krankenhausbetriebs verändert werden. „Wie es der Medizinische Dienst fordert, haben wir unseren Betrieb so umgestellt, dass wir die Patienten erst an dem Tag aufnehmen, an dem sie operiert werden“, erklärte Moesta. „Das funktioniert aber nicht, wenn die Patienten vorher noch gescreent werden.“ Eine erneute Umstellung des Betriebs habe allerdings finanzielle Auswirkungen.

„Vor der ersten Welle hatten wir Angst, dass es uns mit ähnlicher Wucht trifft wie die Kollegen in Italien“, sagt Moesta abschließend. „Das ist zum Glück nicht eingetreten. Für den Fall einer potenziellen zweiten Welle brauchen wir weiterhin freie Intensivbetten.“ Moesta geht davon aus, dass diese einen gewissen Vorlauf haben werde, sodass Zeit bleibe, flexibel auf die Anforderungen zu reagieren. „Wir müssen auf Sicht steuern“, meinte er. © fos/aerzteblatt.de

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