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Medizin

Studie: Nur dauerhaftes „Social Distancing“ bis 2022 könnte 2. Erkrankungswelle verhindern

Mittwoch, 15. April 2020

/Nuthawut, stock.adobe.com

Boston − Der Rückgang der Basis-Reproduktionszahl macht in einigen europäischen Ländern eine Lockerung des Lockdowns möglich. Doch Epidemiologen warnen in Science (2020: doi: 10.1126/science.abb5793) vor einer 2. Erkrankungswelle, wie sie während der Spanischen Grippe von 1918 beobachtet wurde (PNAS 2007; 104: 7582-7587).

Verhindern ließe sich dies nur durch eine Verlängerung von Einschränkungen oder durch intermittierende Maßnahmen, die allerdings schon während der Spanischen Grippe politisch nicht durchsetzbar waren.

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Berechnungen von Forschern an der London School of Hygiene & Tropical Medicine zeigen, dass die gesellschaftlichen Maßnahmen zur Eindämmung der SARS-CoV-2-Epidemie Wirkung zeigen. Nach den in einem Science-Bericht vorgestellten Grafiken hat die Epidemie, gemessen an der geschätzten Zahl der täglichen Neuinfektionen, in Österreich ihren Gipfel bereits um den 16. März erreicht.

Die effektive Reproduktionszahl (R) ist in Österreich bereits deutlich unter den kritischen Wert von 1,0 gefallen, unter dem eine Epidemie abflaut. In Deutschland könnte die Grenze Ende März erreicht worden sein. Der sich abzeichnende Rückgang der Erkrankungs­zahlen scheint dies in diesen Tagen zu bestätigen.

Interessant ist ein Rückblick auf die Erfahrungen der spanischen Grippe von 1918, die ein Team um Marc Lipsitch von der Harvard School of Public Health in Boston in einer früheren Publikation ausgewertet hat. Die Epidemie bewegte sich aufgrund der geringeren Mobilität langsamer als heute. Die telegrafische Kommunikation ermöglichte es den Stadt­verwal­tungen jedoch, rechtzeitig auf die Gefahr zu reagieren.

In Philadelphia wurde das Risiko lange heruntergespielt. Die Stadtregierung beschwichtigte die Bevölkerung, als am 17. September 1918 die ersten Todesfälle auftraten. Am 28. September gab es noch eine Großveranstaltung, wo sich viele Menschen infiziert haben dürften.

Auf dem Gipfel der Epidemie kam es nach den Berechnungen von Lipsitch auf 100.000 Einwohner zu 257 zusätzlichen Todesfällen an Pneuomien oder Influenza (P&I). In St. Louis wurden dagegen rechtzeitig die Schulen geschlossen, öffentliche Versammlungen verboten und Kontakte untersagt. Beim Gipfel der Epidemie kam es auf 100.000 Personen nur zu 31 zusätzlichen P&I-Toten.

St. Louis erlebte allerdings nach dem Ende der Maßnahmen (die damals von wenigen Städten länger als 6 Wochen durchgehalten wurden) im Dezember 1918 einen 2. Erkrankungsgipfel, der in Philadelphia vermutlich durch eine Herdenimmunität verhindert wurde.

Insgesamt haben sich die Maßnahmen jedoch ausgezahlt. Die Gesamtzahl aller P&I-Toten war mit 347/100.000 Einwohner in St. Louis geringer als in Philadelphia mit 719/100.000. Die beiden Städte waren Extrembeispiele. Insgesamt haben die Kontrollmaßnahmen nach den Berechnungen von Lipsitch die Zahl der P&I-Toten während des Peaks um etwa 50 % und im gesamten Zeitraum um 20 % gesenkt.

Die Vergangenheit lässt sich (trotz begrenzter historischer Quellen) leichter erklären, als die Zukunft vorhersagen, auch wenn sich Prognosen dank moderner Computer schneller berechnen lassen. Lipsitch kommt in seiner aktuellen Studie jedoch zu dem Ergebnis, dass sich weitere Erkrankungswellen kaum verhindern lassen. Und die Gefahr könnte wie bei der Spanischen Grippe um so größer sein, je erfolgreicher die aktuellen Maßnahmen des Social Distancing sind.

Die Forscher haben zunächst ein Modell entwickelt, das die jährlichen Epidemien der beiden anderen Betacoronaviren HCoV-OC43 und HCoV-HKU1 beschreibt. Diese beiden Viren führen selten zu lebensgefährlichen Erkrankungen. Sie sind jedoch für die alljährliche Zunahme von Erkältungen in den Wintermonaten mit verantwortlich. Dann wendeten die Forscher das mathematische Modell auf das 3. Betacoronavirus an, nämlich SARS-CoV-2.

Die Forscher kommen zu dem Ergebnis, dass sich eine 2. Erkrankungswelle wie bei der spanischen Grippe eigentlich nur verhindern ließe, wenn die gesellschaftlichen Maßnahmen längerfristig (in einem Szenario bis 2022) fortgesetzt würden. Andernfalls droht ein 2. Erkrankungsgipfel. Sein Eintreten ist von der Dauer der Maßnamen abhängig. Werden sie nach 8 Wochen beendet, müsste im Hochsommer mit einem erneuten Anstieg der Erkrankungen gerechnet werden, bei einer 12-wöchigen Auszeit ist im Spätsommer mit der 2. Erkrankungswelle zu rechnen. Nach 20 Wochen „Social Distancing“ könnte es im Winter erneut zu Erkrankungen kommen.

Die zweite Erkrankungswelle wird nach den Projektionen von Lipsitch umso heftiger ausfallen, je effektiver die derzeitigen Maßnahmen die R0 gesenkt haben. Die Gesamtzahl aller schweren Erkrankungen würde sich wie bei der Spanischen Grippe nur wenig vermindern – außer die Einschränkungen würden bis 2022 aufrechterhalten, was jedoch – auch nach den Erfahrungen von 1918 – kaum zu erwarten ist.

Eine mögliche Alternative wären intermittierende Einschränkungen, die im Fall erneut ansteigender Erkrankungszahlen wieder eingeführt werden müssten. Wie häufig diese Maßnahmen nötig würden, könnte laut Lipsitch davon abhängen, ob SARS-CoV-2 wie HCoV-OC43 und HCoV-HKU1 eine saisonale Häufung mit vermehrten Erkrankungen in den Wintermonaten hat. Die Saisonalität ist allerdings eine von vielen Unbekannten in den mathematischen Modellen von Lipsitch, die jede Vorhersage erschweren. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #772320
dagoberthimself
am Mittwoch, 15. April 2020, 23:31

Ein gesamtgesellschaftliches Mega-Experiment - zum Glück mit Kontrollgruppe

Zum Glück war Schweden so konsequent und verzichtete auf übermäßig strenge Interventionen zur Eindämmung der Infektionsausbreitung, so dass wir jetzt eine - wenn auch (aufgrund von Diffusion der Intervention) nicht perfekte - Kontrollgruppe zur Verfügung haben, um die Effektivität der getroffenen Maßnahmen zu evaluieren. Ohne Kontrollgruppe ließe sich nicht herausfinden, ob die Veränderungen wegen oder trotz Intervention passierten, und jeder könnte dann alles behaupten.
Avatar #743305
Maddy0466
am Mittwoch, 15. April 2020, 20:54

Ich sitze hier mit HIV in der Schweiz fest und kann nicht zu meinem Arzt

Guten Tag sehr gehrten Damen und Herren der Ärzte Zeitung und auch Sie welche diese lesen!

Seit März sitze ich Ihr in der Schweiz fest und kann nicht zu meinem Immunologen nach Freiburg i.b. wo mir unbedingt Blutabgenommen werden muss und man mir neue HIV, psychiatrische sowie Medikamente für die Nerven verschrieben werden müssen, weil die meinigen langsam zur neige gehen. Es ist so: Bis Oktober 2018 wohnten unser Sohn und ich, in eine 4 Zimmerwohnung in Bubenbach Hochschwarzwald nach dem 2013 von der Schweiz wieder zurück nach D. gezogen sind, meine liebe Frau weiterhin in der Schweiz wohnt und arbeitet. Die Arbeitsagentur hat jedoch schon lange bemängelt, dass diese Wohnung viel zu teuer sei. Seit Mai vorigen Jahres, hat man mich wegen meiner gesundheitlichen Beschwerden zu 100% zu einer Erwerbsminderungs- Rentnerin geschrieben, Seit 1. Nov. wohnt unser Sohn in eine Einraumwohnung , wo ich nicht mit hineinziehen kann, unmöglich!! Also wurde von mir schon lange vorher versucht, mit meiner niedrigen Rente in Freiburg und Umgebung eine Wohnung zu finden, was natürlich unmöglich gewesen ist, so blieb mir nichts anderes übrig, als erst einmal zu meiner Frau in die Schweiz nach Grenchen zu ziehen. Was mir jedoch eine Ausreise nach Deutschland ermöglichen würde, aber nicht wieder zurück in die Schweiz. Was soviel bedeutet, wenn die Grenzen nicht bald wieder geöffnet werden, es für mich nur Zwei Möglichkeiten gibt, entweder zu riskieren nach Deutschland zu meinen Arzt zufahren um danach Obdachlos zusein weil nicht wieder zurück, was zu einhundert Prozent mit einem Suizid endet, oder eventuell, wenn die Situation wegen der Corona- Pandemie noch längere Zeit anhält, hier in der Schweiz an Aids zu erkranken und eventuell zu sterben. Denn wie gesagt, gemeldet bin ich immer noch in Deutschland. Anmelden hier unmöglich! Das ist die Kehrseite, der Massnahmen gegen diese Corona- Pandemie.
Avatar #9326
Tobias Heinemann
am Mittwoch, 15. April 2020, 20:04

Anonym

Ich finde es traurig das Kommentare anonym abgegeben werden können.
Avatar #805968
hawieso
am Mittwoch, 15. April 2020, 19:15

Aus Erfahrung lernen

Philadelphia vs. St. Louis spricht eigentlich eine klare Sprache : auch mit 2. Erkrankungswelle in St. Louis war die Mortalität pro 100.000 Einwohner nur halb so hoch wie mit einer starken Welle in Philadelphia. 2 flache Wellen überlasten die Kliniken eben weniger als eine hohe Welle.
LNS

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