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Ifo-Institut: Deutschland bei Medizin nicht am Tropf Asiens

Donnerstag, 16. April 2020

/grafikplusfoto, stockadobecom

München − Deutschland hat im Handel mit medizinischen Gütern laut Ifo-Institut ver­gan­genes Jahr einen Überschuss von 37 Milliarden Euro erwirtschaftet. „Die These, dass Deutschland beim Handel medizinischer Güter am Tropf der Globalisierung hängt, ist empirisch nicht belegbar“, betonten die Wirtschaftsforscher heute.

„Einen Überschuss gibt es sowohl beim Handel von Arzneien als auch von medizinischer Ausrüstung wie etwa Beatmungsgeräten oder Desinfektionsmitteln.“ Nur 0,8 Prozent der Arzneimittelimporte stammten aus Indien und China. Außerhalb der EU seien die USA, die Schweiz und Großbritannien wichtige Bezugsquell­en, und 72 Prozent kämen aus EU-Staaten.

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„Bei Importen ist die Anzahl der Bezugsquellen wichtiger als die Frage, ob ein Produkt heimisch produziert oder importiert wird“, schrieben die Ifo-Forscher: „Mit der Zahl der Zulieferer sinkt die Abhängigkeit, und bei einer hinreichend hohen Zahl kann die Versor­gung sogar stabiler sein als allein durch heimische Produktion.“

Die EU sollte Einfuhrzölle für alle medizinischen Produkte abschaffen. Deutschland kaufe zwei Drittel der Medizin-Importe in mehr als 30 Ländern ein.

Um Versorgungsengpässen vorzubeugen, sollte Deutschland aber einen nationalen Medi­kamentenvorrat anlegen, schlugen die Autoren der Studie vor. Die Vorräte müssten so lange reichen, bis die heimische Volkswirtschaft im Krisenfall selbst die Versorgung si­cher­stellen könne. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 18. April 2020, 01:41

Da disqualifiziert sich das Ifo-Institut aber gründlich

Ich erinnere mal bloß an die Engpässe bei Ibuprofen, als eine Kesselexplosion in Texas ein Drittel der Weltproduktion ausschaltete. Bei Standardantibiotica haben die Chinesen durch Dumpingpreise und Massenherstellung ein strategisches Quasi-Monopol errichtet. Penicillin, Aminopenicilline, Makrolide, Cefalosporine aller Generationen, Gyrasehemmer - das kommt zu 90% aus chinesischen Riesenfabriken.
In Europa wird fast nur noch konfektioniert - schließlich bieten indische und chinesische Hersteller das Endprodukt zu Preisen an, die unter den Rohstoff- und Entsorgungskosten hierzulande (gesamte EU) liegen. Unsere Umweltstandards sorgen für Preise, die unsere Krankenversicherer nicht zu zahlen bereit sind, und gezwungenermaßen dulden wir den Import von Waren, die unter grober Schädigung der Umwelt anderswo hergestellt werden - vergiftet werden ja indische und chinesische Flüsse und deren Atemluft und Trinkwasser!

Also mal Nachsitzen, liebe Ifo-"Experten"
Avatar #825661
bernhauer
am Freitag, 17. April 2020, 12:08

Wo sich das ifo irrt

Es ist schade, dass sogar so renomierte Institutionen so kurzsichtige Analysen präsentieren. Die Behauptungen sind schon lange vor der Coronakrise durch die Wirklichkeit ad absurdum geführt worden. Nur weil der Inverkehrbringer (das Pharmaunternehmen) nicht chinesich ist, bedeutet das nicht automatisch, dass auch das Medikament nicht chinesisch ist. Wieviel Prozent eines VW, BMW oder Mercedes sind deutsch wenn man die Zulieferer betrachtet.
Was hat das jetzt mit Medikamenten zu tun? Nun, es gab vor kurzem einen Blutdrucksenker (Valsartan), bei dem fielen über Nacht 95% der Lieferanten aus, die auf mehrere Länder in und außerhalb der EU verteilt waren. Gemäß der Ifoanalyse unmöglich. Warum? Man braucht für die Medikamente gewisse Zutaten, unter anderem den eigentlichenWirkstoff. Und den haben fast alle Pharmaunternehmen nicht selber hergestellt sondern beim selben chinesischen Hersteller eingekauft. Dessen Produkt hatte eine nicht tolerierbare Verunreinigung und damit fielen auf einen Schlag fast alle Lieferanten aus. Um das zu erkennen, muss man die Lieferketten analysieren und nicht nur auf das letzte Glied schauen. Ist das nun ein chinesiches Medikament oder nicht?
Wieviele Schweine des Schwarzwälder Schinkens lebten wirklich im Schwarzwald? Hier reicht es, dass der letzte Schritt, das Räuchern, im Schwarzwald stattfindet, die Schweine können von überall herkommen.
Das war aber nur der Anfang der Dominokette. Die verbliebenen Hersteller zugelassener Valsartanpräparate konnten natürlich nicht von heute auf morgen die Produktion so einfach auf 500% hochfahren, schon garnicht, wenn sie weiterhin nur die niedrigsten Festbeträge erhalten. Bei Medikamenten gibt es nämlich keine Angebots-Nachfrage-Preise. Damit fehlen marktwirtschaftliche Anreize. Deshalb mussten viele Patienten auf vergleichbare Wirkstoffe umgestellt werden. Zum Glück gab es die hier, aber das ist nicht immer so. Jetzt hatten aber diese Wirkstoffe ebenfalls eine drastisch erhöhte Nachfrage. Dadurch kam es auch hier zu Lieferausfällen, obwohl von der Produktionseite her alles in Ordnung war.
Stellen Sie sich vor, nur noch eine Bäckerei in ihrer Umgebung kann Laugenbrezeln herstellen. Der Bäcker kann den Ausfall der Kollegen beim besten Willen nicht ausgleichen. Ihm fehlt das Fachpersonal für zusätzliche Schichte und der Backofen kann auch nur 24 Stunden am Tag backen. Also steigen viele Kunden auf Laugenstangen um, wenigstens der gleiche Teig. Jetzt werden die auch bei den anderen Bäckern knapp. So manche Kunde nimmt dannn notgedrugen das Laugenbrötchen, wenn davon genug da sind.
Bei den Medikamenten kommt aber ein anderes Problem hinzu, selbst wenn sich die Versorgungslage mit dem Wirkstoff Valsartan wieder normalisiert. Die Patienten, die auf eine Alternativ umgestelllt worden sind, bleiben darauf eingestellt und werden nicht mehr zurück umgestelllt. Außerdem werden die Ärzte aus Angst, dass sich das wiederholt, weniger neue Patienten auf den Wirkstoff einstellen, so dass dessen Umsatz und Reputation auf Dauer sinkt (Die Leute bleiben jetzt auf Dauer bei Laugenstangen und -brötchen und der Brezelmarkt bricht dauerhaft ein).
Die scheinbare Vielfalt kann sich bei genauerer Analyse doch als gefährliche Einfalt herausstellen, und ob etwas deutsch, chinesisch, französisch ist, entscheidet nicht die Verpackung am Ende.
LNS

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