NewsPolitikBraun sieht in Herdenimmunität keine taugliche Strategie
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Politik

Braun sieht in Herdenimmunität keine taugliche Strategie

Montag, 20. April 2020

/picture alliance, Eventpress

Berlin − Kanzleramtschef Helge Braun hält die Strategie einer Herdenimmunität für un­tauglich im Kampf gegen das Coronavirus in Deutschland. Um nur die Hälfte der Bevölke­rung in 18 Monaten zu immunisieren, müssten sich jeden Tag 73.000 Menschen mit Co­rona infizieren, sagte Braun.

„So hohe Zahlen würde unser Gesundheitssystem nicht ver­kraften und könnten auch von den Gesundheitsämtern nicht nachverfolgt werden. Die Epidemie würde uns entgleiten.“ „Eine Epidemie ist erst zu Ende, wenn ein Anteil von 60 bis 70 Prozent der Bevölkerung immun gegen das Virus ist“, erklärte Braun, der selbst Arzt ist.

Anzeige

Stattdessen setzt der CDU-Politiker auf den Kurs der Bundesregierung um Bundeskanz­lerin Angela Merkel: „Daher lautet die Strategie, Ansteckungen zu vermeiden und bezüg­lich der Immunität auf die Einsatzfähigkeit eines Impfstoffs zu warten.“

Merkel hatte in den vergangenen Wochen verschiedene Kennziffern genannt, die als wichtig für den weiteren Verlauf der Pandemie gelten. Auf die Frage, woran zu erkennen sei, dass die Bundesrepublik bei der Bekämpfung des Virus auf einem guten Weg sei und zusätzliche Lockerungen der harten Beschränkungen möglich seien, sagte Braun nun: „Die Zahl der täglichen Neuinfektionen sollte auf einem gleichbleibenden Niveau sein. Das entspricht einer Basisreproduktionszahl R von 1,0 und bedeutet, dass ein Infizierter nur einen weiteren Menschen ansteckt.“

Schon wenn nur jeder zehnte Coronapatient zwei weitere Menschen infiziere, „steigen die Infektionszahlen in einigen Monaten auf ein bedrohliches Niveau an“, warnte Braun. „Das macht deutlich, wie diszipliniert wir in der Öffnungsphase handeln müssen.“

Die zu Beginn der Ausbreitung des Coronavirus in Deutschland von der Kanzlerin genann­te Verdopplungszeit der Infektionszahlen sei ein wichtiger Indikator, wenn die Zahlen akut exponentiell steigen würden, wie Mitte März, sagte Braun. „Das ist zurzeit zum Glück nicht mehr der Fall − und doch sollten wir sie im Auge behalten.“

Als „sehr ernst zu nehmen“ bezeichnete Braun die von Südkorea angewandte Strategie, das Virus nahezu ganz auszurotten und dann wieder zur Normalität überzugehen. „Poli­tisch müssen wir bedenken, dass Deutschland sich mitten in Europa aufgrund der Pend­lerströme und Wirtschaftsverkehre nicht so gut abschotten kann und will“, schränkte er aber ein. „Selbst wenn wir das Virus stark zurückdrängen, kommt es dann aus dem Aus­land immer wieder zurück.“

„Deshalb brauchen wir auch bei niedrigen Neuinfektionszahlen dennoch die breiten Hy­gie­nemaßnahmen und Abstandsregeln“, sagte Braun. Er unterstrich: „Je niedriger die In­fektionszahlen, desto besser gelingt uns die Kontaktnachverfolgung und damit die Un­terbrechung der Infektionsketten.“ Deshalb werde gerade das Personal in den Gesund­heitsämtern aufgestockt.

Zudem arbeiteten Expertenteams unter Hochdruck an einer „App“ zur Kontaktnach­verfol­gung, sagte der Kanzleramtschef. „Jetzt sind wir aber in einem Stadium angekommen, wo wir die Unterstützung der großen Digitalunternehmen brauchen, weil wir Anpassungen der wesentlichen Handy-Betriebssysteme benötigen.“ Er hoffe, dass das schnell gehe. „Aber wir haben es selber nicht allein in der Hand. Deshalb muss man inzwischen leider sagen, es dauert noch länger als einige Tage.“ © dpa/aerzteblatt.de

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

3. Juni 2020
Berlin – In einer überarbeiteten Fassung seiner Studie zur Infektiosität von Kindern in der Coronakrise hält das Forscherteam um den Berliner Virologen Christian Drosten an seiner grundlegenden
SARS-CoV-2: Drosten bleibt bei Aussagen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder
3. Juni 2020
Langen – Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) hat eine weitere klinische Prüfung mit COVID-19-Rekonvaleszentenplasma genehmigt. Die erste Genehmigung für eine derartige Studie hatte das Institut Anfang
COVID-19: Zweite Studie zur Therapie mit Rekonvaleszentenplasma in Deutschland kann starten
3. Juni 2020
Düsseldorf – Mit 30 Millionen neuen Masken und zehn Millionen neuen Schutzkitteln sieht sich das Land Nordrhein-Westfalen (NRW) für die weitere Entwicklung der Coronapandemie gut vorbereitet. „Wir
Nordrhein-Westfalen schafft Millionen Schutzmasken und Kittel an
3. Juni 2020
Dresden – Besuche in sächsischen Pflegeheimen sollen von diesem Samstag (6. Juni) an unter Auflagen wieder möglich sein. Das hat das Kabinett heute beschlossen. Zudem sind dann Feiern bis zu 50
Sachsen öffnet Pflegeheime für Besuch
3. Juni 2020
Erfurt – Auf dem Weg zu mehr Lockerungen von Anti-Corona-Maßnahmen löst Thüringen wie angekündigt seinen zentralen Krisenstab unter Leitung des Innenministeriums auf. Die Koordinierung der Maßnahmen
Thüringens Ge­sund­heits­mi­nis­terium übernimmt Krisensteuerung
3. Juni 2020
Berlin – Die vier Justizminister der Grünen in den Bundesländern bestehen darauf, den Einsatz der geplanten Corona-Warn-App per Gesetz zu regeln. So müsse sichergestellt werden, dass die App lediglich
Grüne Justizminister beharren auf Gesetz für Corona-Warn-App
3. Juni 2020
Berlin – In Berlin gibt es wieder mehr neue Infektionen mit dem Coronavirus SARS-CoV-2. Gestern wurden 6.873 bestätigte Fälle registriert, das sind 35 mehr als am Vortag und 23 mehr als am Tag davor,
LNS LNS

Fachgebiet

Anzeige

Weitere...

Aktuelle Kommentare

Archiv

NEWSLETTER