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Politik

Sorge um Patienten mit akutem Behandlungsbedarf

Mittwoch, 22. April 2020

/freshidea, stock.adobe.com

Berlin – Offenbar aus Angst vor einer Infektion mit SARS-CoV-2 kommen derzeit sehr viel weniger Patienten mit akutem Behandlungsbedarf in die Krankenhäuser in Deutschland. Mediziner registrieren das Phänomen bundesweit. Aktuelle Daten der DAK-Gesundheit stützen nun die Beobachtungen.

Im März sind der DAK-Gesundheit zufolge rund 25 Prozent weniger Versicherte der Kran­kenkasse mit einem Herzinfarkt in ein Krankenhaus eingeliefert worden als im März 2018 beziehungsweise 2019. Im März 2020 seien rund 800 ihrer Versicherten betroffen gewe­sen, teilte die DAK unter Berufung auf eine Sonderanalyse mit. Im März 2019 waren 1.100 Versicherte wegen ei­nes Herzinfarkts in ein Krankenhaus gebracht worden – nach 1.200 im März 2018.

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Der Unterschied sei besonders vor dem Hintergrund der Coronapandemie „besorgniserre­gend“, sagte der Vorstand der DAK-Gesundheit, Andreas Storm. Die Krankenkasse warnte davor, aus Angst vor einer Ansteckung mit dem Coronavirus bei Herzinfarktsymptomen nicht den Notruf zu wählen. Wer Symptome bei sich bemerke, solle diese sehr ernst neh­men und den Notarzt rufen.

„Wir stellen fest, dass Diagnosen wie Schlaganfallverdacht, Herzinfarkt oder Blinddarm­ent­zün­dung deutlich nachgelassen haben“, sagte auch Siegfried Hasenbein, Geschäfts­führer der Bayerischen Krankenhausgesellschaft in München. Gleiches gelte für Krebspa­tien­ten.

„Wir haben auf einmal sehr viel weniger Patienten mit dringenden Symptomen“, erklärte der Lungenkrebsspezialist Niels Reinmuth, Chefarzt für Thorakale Onkologie an der As­klepios Fachklinik in Gauting bei München. „Das ist etwas, das wir alle beobachten.“ Ein Hauptgrund ist vermutlich Furcht: „Die Angst, sich zu infizieren, ist offenbar so groß, dass viele lieber gar nicht zum Arzt gehen“, meint ein Sprecher der Deutschen Krankenhausge­sellschaft in Berlin.

2018 gab es 210.000 Herzinfarkte und etwa 300.000 Schlaganfälle in Deutschland. Dass sich diese Zahlen wegen der Coronaepidemie plötzlich verringert haben, glaubt niemand in der medizinischen Fachwelt. Zu dem Phänomen könnte Vermutungen zufolge der Um­stand beitragen, dass viele niedergelassene Fachärzte ihren Praxisbetrieb eingeschränkt haben, so dass weniger Patienten überwiesen werden.

„Es muss aber vermieden werden, dass Angst vor dem Virus andere Krankheiten und To­desfälle verursacht“, erklärte ein Sprecher der Krankenhausgesellschaft Nordrhein-West­fa­len in Düsseldorf.

Die größte medizinische Krise der vergangenen Jahrzehnte hat für die Krankenhäuser bis­her die eigenartige Folge einer außergewöhnlich schwachen Auslastung. Die befürchte­te Welle von Coronapatienten ist zur Erleichterung aller Beteiligten ausgeblieben. Alle plan­baren Behandlungen wurden verschoben.

So sind in Bayerns Kliniken nach Angaben der örtlichen Krankenhausgesellschaft derzeit im Schnitt zwischen 40 und 60 Prozent der Betten nicht belegt. „Auch auf den Intensiv­sta­tionen sind noch Kapazitäten frei“, sagte Hasenbein. In Nordrhein-Westfalen ist die Lage ähnlich. Die Deutsche Krankenhausgesellschaft schätzt, dass derzeit bundesweit 150.000 Betten frei sind.

Dementsprechend sind Mediziner und Pflegepersonal auf vielen Stationen derzeit eher unter- als überdurchschnittlich beschäftigt. Auch die Rettungsdienste haben vergleichs­weise wenig zu tun: „In den letzten Wochen nehmen wir einen stetigen Rückgang an Krankentransporten wahr“, heißt es beim Bayerischen Roten Kreuz in München. Deswegen sollen die Krankenhäuser nun schrittweise wieder in den Regelbetrieb wechseln.

Aus ärztlicher Sicht besorgniserregend ist aber der unerwartete gleichzeitige Rückgang der Patienten mit akuten Symptomen. Dabei tun die Häuser alles, um die Ansteckungs­ge­fahr zu minimieren: Coronainfektionen werden getrennt von allen anderen Patienten be­handelt.

„Mit der abgetrennten Station und der Zimmerisolierung besteht kein erhöhtes Ansteckungsrisiko für andere Patienten“, heißt es etwa bei der Asklepios-Klinik im ober­bayerischen Bad Tölz. Das Muster ist bundesweit gleich, die Kliniken folgen den Em­pfeh­lungen des Robert-Koch-Instituts.

Patien­­ten mit akuten Erkrankungen laufen große Gefahren, wenn sie nicht zum Arzt ge­hen. „Wenn man akuten Behandlungsbedarf nicht erkennt, riskiert man möglicherweise lebensbedrohliche Probleme“, sagte der Gautinger Chefarzt Reinmuth. „Bei einem Tumor kann eine Verzögerung bedeuten, dass die Erkrankung gar nicht mehr oder mit sehr viel schlechteren Heilungschancen behandelt werden kann.“

Viele Ärzte treibt daher in diesen Tagen eine Frage um: „Wir haben die Sorge, dass wir im Sommer viele Patienten bekommen werden, die besser vier Monate früher gekommen wären“, sagte der Onkologe. Kardiologen diskutieren bereits, ob Deutschland nach Corona eine Welle der Herzschwäche bevorstehen könnte, wie eine Münchner Fachärztin berich­tet. „Man muss wirklich dringend dazu aufrufen: Bleiben Sie nicht mit ernsten Problemen zu Hause“, sagt Reinmuth.

Appelle dazu gab es in den vergangenen Wochen von vielen Ärzten und auch aus der Po­litik. Heute wies das Ge­sund­heits­mi­nis­terium im Saarland noch einmal darauf hin, Symp­tome ernst zu nehmen. Das Ministerium appellierte an die Bürger, bei gesundheitlichen Problemen dennoch Hilfe zu suchen.

„Bei vielen Erkrankungen wie Schlaganfall oder Herzinfarkt zählt wortwörtlich jede Minute.“ Patienten sollten daher nicht zögern, zu ihrem Arzt oder in eine Notaufnahme zu gehen. Je nach Fall könne auch weiterhin die Notrufnummer 112 gewählt werden.

Auch chronisch Kranke würden weiterhin versorgt. Die meisten Praxen niedergelassener Ärzte seien offen. Sowohl dort als auch in den Notaufnahmen seien außerdem die Hygie­nemaßnahmen wegen des Coronavirus verschärft worden. Weiterhin sollten nicht unbe­dingt notwendige direkte Kontakte vermieden werden. „Es ist daher ratsam alternative Angebote wie Rezepte oder Arbeits­unfähigkeits­bescheinigungen per Post wahrzuneh­men.“ Auch sei teils eine medizinische Beratung per Telefon möglich. © dpa/afp/may/aerzteblatt.de

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