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Ausland

COVID-19 trifft Brasilien hart

Freitag, 24. April 2020

/ink drop, stock.adobe.com

Brasília – Das Coronavirus SARS-CoV-2 hinterlässt in Südamerika vermehrt Spuren. In Brasilien ist die Zahl der Todesfälle durch SARS-CoV-2 auf mehr als 3.000 gestiegen. 407 weitere Menschen seien in den vergangenen 24 Stunden an den Folgen ihrer Infektion gestorben, teilte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Brasília mit.

Dies war der höchste Anstieg an Todesfällen binnen eines Tages in Brasilien seit Beginn der Pandemie. Die Zahl der Infektionen stieg auf knapp 49.500. Ge­sund­heits­mi­nis­ter Nelson Teich nannte es verfrüht, einen Zusammenhang zwischen der gestiegenen Zahl an Infektionsfällen und dem Anstieg bei den Todesfällen herzustellen.

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Beim Anstieg der Todesfälle könne es sich auch um das Resultat von mehr Tests an Ver­storbenen handeln, sagte Teich. Teich hatte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium vergangene Wo­che nach der kontroversen Entlassung seines Vorgängers Luiz Henrique Mandetta durch Staatschef Jair Bolsonaro übernommen.

Vorgestern erklärte er, dass die Behörden an einem Zeitplan zur landesweiten Wiederöff­nung von Unternehmen und Geschäften arbeiteten. Bolsonaro hatte wiederholt den Still­stand der Wirtschaft aufgrund der Pandemie kritisiert und zu einer schnellen Rückkehr zur Normalität aufgerufen.

Im am schwersten von der Pandemie betroffenen Bundesstaat Sao Paulo sollen die wirtschaftlichen Aktivitäten ab dem 11. Mai schrittweise wieder aufgenommen werden. Ein ähnlicher Zeitplan ist in Rio de Janeiro und Minas Gerais vorgesehen. Schlimm ist auch die Lage in der Metropole Manaus im brasilianischen Bundesstaat Amazonas.

„Man kommt sich vor wie in einem Horrorfilm“, sagt Arthur Virgílio Neto, Bürgermeister der Hauptstadt des Bundesstaates im Norden Brasiliens. Besonders anfällig für das Virus sind zudem die Ureinwohner in dem riesigen Gebiet.

Die 50 Intensivbetten in Manaus – eine Stadt mit 1,7 Millionen Einwohnern – sind alle belegt. Dabei steht Brasilien der Höhepunkt der Pandemie erst noch bevor. Er wird für Mai oder sogar erst Juni erwartet. „Man kann nicht mehr von einem Notstand sprechen, das ist ein absoluter Katastrophenzustand“, sagte der Bürgermeister.

Der Bundesstaat Amazonas umfasst ein Gebiet von 1,5 Millionen Quadratkilometern und steht offiziell auf Rang fünf der Coronastatistik der brasilianischen Bundesstaaten. In nor­malen Zeiten sterben täglich 20 bis 30 Menschen in Manaus. Doch infolge der Pandemie ist die Sterblichkeitsrate regelrecht explodiert, heißt es aus dem Rathaus.

Mehr als 100 Menschen sterben jeden Tag – so viele wie in keiner anderen der 27 Bundeshauptstädte Brasiliens. „Viele Menschen sterben zu Hause, einige konnten keine medizinische Hilfe erhalten“, bedauert der Bürgermeister.

Die Not ist groß

Sterben die Infizierten außerhalb der Krankenhäuser, haben ihre Angehörigen große Schwierigkeiten, ihre Leichen abholen zu lassen. Auf dem Friedhof Parque Tarumã wur­den Massengräber angelegt, um der Zahl der Coronaopfer Herr zu werden. Auf im Inter­net geteilten Videos ist zu sehen, wie sich die Leichenwägen vor den Friedhöfen stauen. „Mehrere Friedhofsmitarbeiter sind krank geworden, einige sind sogar am Coronavirus gestorben“, erzählt der Bürgermeister. Er hat nun Brasiliens Bundesregierung um zusätz­liche finanzielle Mittel gebeten. Die Not ist so groß, dass er sogar erwägt, andere Länder um Hilfe zu bitten.

Ein provisorisches Krankenhaus wurde vergangene Woche eingeweiht, Ärzte aus dem ganzen Land wurden zur Verstärkung nach Manaus gerufen. Bernardo Albuquerque, Spe­zialist für Infektionskrankheiten an der Universität von Amazonas (UFAM), stuft die Lage als „äußerst besorgniserregend“ ein. Das Gesundheitssystem sei nicht in der Lage, die wachsende Zahl schwer erkrankter Patienten zu bewältigen, sagt er. Neben Intensiv­bett­en fehlt es in den Krankenhäusern auch an Schutzausrüstung, Medikamenten und Rönt­gen­geräten.

Zudem verfügt der Bundesstaat über ein stark zentralisiertes Gesundheitssystem: Sämt­liche Intensivstationen befinden sich in Manaus. Auch 80 Prozent der Ärzte, die Corona­patienten überhaupt behandeln können, praktizieren in der Hauptstadt. Die Erkrankten sind also gezwungen, sich dort behandeln zu lassen. Manche sind dafür tagelang mit dem Boot unterwegs.

„Die meisten Dörfer sind nur über den Wasserweg an Manaus angebunden. Es gibt nur sehr wenige Flugverbindungen“, erklärt Albuquerque. „Wenn der Patient es schafft, lebend hier anzukommen, befindet er sich oft in einem beklagenswerten Zustand. Und es gibt keine Garantie, dass er geheilt werden kann. Die Lage ist dramatisch“, ergänzt der Bürgermeister.

Noch besorgniserregender ist die Lage für die Ureinwohner, die besonders anfällig für Viren von außerhalb sind. Drei von ihnen starben bereits an der Lungenkrankheit COVID-19. Für die indigene Bevölkerung soll nun eigens ein provisorisches Krankenhaus in Manaus mit Bundesmitteln gebaut werden.

Mehr als 1.000 Tote in Mexiko

Auch in Mexiko ist die Zahl der Coronatoten inzwischen deutlich gestiegen. Bislang seien 1.069 Menschen im Zusammenhang mit der Lungenkrankheit COVID-19 gestorben, teilte das Ge­sund­heits­mi­nis­terium mit. 11.633 Menschen seien positiv getestet worden. Der erste Fall in dem lateinamerikanischen Land war Anfang Februar registriert worden. Der Höhepunkt der Pandemie in Mexiko wird für die zweite Maiwoche erwartet.

Die Regierung des linkspopulistischen Präsident Andrés Manuel López Obrador hatte zunächst nur sehr zögerlich auf die Krise reagiert. Nun sind allerdings die Schulen und viele als nicht essenziell eingestufte Betriebe geschlossen. Den Menschen wird zudem empfohlen, zu Hause zu bleiben und von einander Abstand zu halten – verbindlich sind diese Schritte jedoch nicht.

Indigene in Kolumbien melden ersten COVID-19-Todesfall

Die Nationale Indigenen-Organisation ONIC hat den ersten COVID-19-Todesfall unter der indigenen Bevölkerung in Kolumbien gemeldet

Wie die Zeitung El Espectador berichtet, handelt es sich bei dem Opfer um einen Angehörigen des Volkes der Yanakuna aus San Jose de Isnos in der Provinz Huila. In Kolumbien gibt es laut der Weltgesund­heits­organisation (WHO) bislang 4.356 registrierte Infektionen und 206 Todesfälle.

Historische Initiative

Die Vereinten Nationen haben eine „historische“ Initiative zur Entwicklung von Impfstoff­en und Medikamenten gegen das neuartige Coronavirus gestartet. „Wir sehen uns einem globalen Feind wie keinem anderen gegenüber“, erklärte UN-Chef Antonio Guterres heute bei einer virtuellen Konferenz. Das Ziel einer Welt frei von COVID-19 „erfordert die größte Anstrengung der öffentlichen Gesundheitssysteme in der Geschichte“

Die von der UNO gestartete Initiative wird von zahlreichen Ländern unterstützt, darunter auch Deutschland. Es gehe darum, „die Entwicklung, Produktion und gleichberechtigte Verteilung von Impfstoffen, Diagnose- und Therapiemöglichkeiten für COVID-19 zu be­schleunigen", sagte der Chef der Welt­gesund­heits­organi­sation (WHO), Tedros Adhanom Ghebreyesus.

An der durch das neuartige Coronavirus ausgelösten Lungenkrankheit COVID-19 weltweit bis heute Nachmittag (16 Uhr) nach Angaben der Johns-Hopkins-University mehr als 2,7 Millionen Menschen erkrankt. Mehr als 192.000 Menschen starben daran. © afp/dpa/kna/aerzteblatt.de

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