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Politik

Bundesländer fahren Kliniken wieder hoch

Mittwoch, 29. April 2020

/muratolmez, stock.adobe.com

Berlin – Nachdem das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) gestern Vorschläge zur Öffnung von Kliniken für den Normalbetrieb gemacht hat, fahren nun eine ganze Reihe von Bundesländern die Kliniken wieder hoch. Einige Beispiele.

Die Krankenhäuser in Nordrhein-Westfalen (NRW) sollten etwa nach Ansicht von Gesund­heitsminister Karl-Josef Laumann (CDU) noch mindestens ein Viertel ihrer Intensivbetten für die Behandlung von COVID-19-Patienten freihalten. Damit folgt er der Empfehlung aus dem BMG. Der Vorschlag sieht vor, dass für COVID-19-Erkrankte zunächst noch 25 statt bisher 50 Prozent der Intensivbetten reserviert werden sollen.

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Angesichts der verlangsamten Ausbreitung des Coronavirus könnten die restlichen Kapa­zitäten wieder für planbare Eingriffe genutzt werden, wobei es dabei Priorisierungen ge­ben müsse, sagte Laumann. Trotz der zuletzt auch in NRW gesunkenen Corona-Anstec­kungsrate mahnte er zur Vor­sicht. Es sei allen bewusst, dass es sich beim Infektions­geschehen in Deutschland und NRW um einen „dynamischen Prozess“ handele.

„Das heißt: Wir müssen uns die Entwicklung der Neuinfizierungen und der Reproduktions­zahl fortlaufend ganz genau anschauen und entsprechend bewerten.“ Die Krankenhäuser müssten auch weiterhin gewappnet sein, um innerhalb kürzester Zeit wieder auf den „Kri­senmodus“ umzustellen, falls die Zahl der COVID-19-Patienten wieder nach oben gehen sollte, sagte Laumann.

Lockerung in Rheinland-Pfalz

Auch Rheinland-Pfalz lockert die Regelungen für Krankenhäuser und erlaubt wieder mehr planbare Behandlungen im normalen Tagesgeschäft. Eine entsprechende Landesverord­nung tritt heute in Kraft, wie das Ge­sund­heits­mi­nis­terium in Mainz mitteilte.

Zum einen sollen dadurch die Wartezeiten auf planbare Eingriffe für die Patienten ver­rin­gert werden. Zum anderen solle die Auslastung der Krankenhäuser verbessert und die wirtschaftliche Grundlage der Kliniken im Bundesland gestärkt werden, erklärte Ministe­rin Sabine Bätzing-Lichtenthäler (SPD). Die Krankenhäuser müssten aber weiter in der Lage sein, einen möglichen stärkeren Anstieg der COVID-19-Erkrankungen zu bewältigen und insbesondere intensivpflichtige Patienten unmittelbar zu behandeln.

Die Zahl der mit dem neuartigen Coronavirus infizierten Patienten war nach Angaben des Ministeriums zuletzt „relativ gering“. Dadurch blieb ein Großteil der stationären Behand­lungskapazitäten ungenutzt. Derzeit sind in Rheinland-Pfalz von 909 ivasiven Beat­mungs­betten 64 belegt. Durch das Verschieben von Operationen, um Kapazitäten für Corona­patienten freizuhalten, stehen Betten leer. Damit sind Einnahmenverluste für die Häuser verbunden.

Die Verschiebung nicht so dringender Operationen gehe finanziell nicht zu Lasten der Krankenhäuser, hieß es in Mainz. Das Land habe daher beim Bund seit 16. März Aus­gleichs­zahlungen in Höhe von insgesamt 160 Millionen Euro beantragt.

Brandenburg will Coronareserve in Krankenhäusern senken

Die Krankenhäuser in Brandenburg sollen ebenfalls bald wieder Operationen und andere Eingriffe vornehmen können. Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ursula Nonnemacher (Grüne) kündig­te heute in Potsdam eine Empfehlung an die Kliniken an, zurückgestellte Operationen wieder hochzufahren.

Das soll nach einer Prioritätenliste gehen, wie schwer die Konsequenz einer Verschie­bung für den jeweiligen Patienten wäre. Rund ein Viertel der Beatmungskapazitäten sollen aber weiter reserviert bleiben, um bei einer Verschlechterung der Lage wieder schnell reagieren zu können. Das sei auch mit der Krankenhausgesellschaft besprochen.

„Es ist uns gelungen, die Aufgabe eine Überlastung unseres Gesundheitswesens zu ver­meiden“, sagte Nonnemacher im Gesundheitsausschuss des Landtags. „Wir müssen jetzt aber auch dran denken, inwieweit wir es noch rechtfertigen können, bestimmte Eingriffe bei anderen Patienten etwas zurückzustellen.“

Brandenburg sei bisher „nicht im entferntesten“ an Kapazitätsgrenzen bei der Versorgung schwerer Coronafälle gestoßen. Die Zahl der Krankenhausbetten mit künstlicher Beatmung stieg von 531 Mitte März auf 886.

Kritik vom Marburger Bund

Der Marburger Bund (MB) zeigte sich unterdessen unzufrieden mit dem Konzept des BMG für mehr elek­tive Operationen in den Krankenhäusern. Es sei frus­trie­rend, dass jetzt schon knappe Ressource im Gesundheitswesen, das pflegerische und ärztliche Personal, im Kon­zept des BMG faktisch unberücksichtigt blieben, monierte die Erste Vorsitzende des MB, Susanne Johna.

„Wir hätten uns gewünscht, dass das BMG die ohnehin schon starke Belastung des Perso­nals im Regelbetrieb in seine Überlegungen einbezieht. Denn auch der Normalbetrieb vor der Coronakrise war alles andere als normal“, betonte sie weiter.

Nachdem Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter Jens Spahn (CDU) am 13. März die Krankenhäuser aufgefordert hatte, alle aus medizinischer Sicht nicht dringend notwendigen elektiven Eingriffe zu stoppen, lasse es die derzeitige Entwicklung zu, „ab Mai einen Teil der Kran­kenhauskapazitäten auch wieder für planbare Operationen zu nutzen“, sagte der Minister gestern.

Laut dem BMG-Konzept „Neuer Klinikalltag“ sollen die Krankenhäuser in Deutschland für COVID-19-Patienten nur noch 25 Prozent der Intensivpflegekapazitäten freihalten und nicht wie bisher 50 Prozent. Auch sollen die OP-Kapazitäten „in einem ersten Schritt“ zu 70 Prozent für Elektiveingriffe geöffnet werden.

„Über diese Vorgabe hinaus sollten die Krankenhäuser in der Lage sein, je nach Pande­mie­verlauf innerhalb von 72 Stunden weitere Intensiv- und Beatmungskapazitäten zu or­ganisieren“, sagte der Minister. Außerdem soll künftig jeder Patient bei Aufnahme in ein Krankenhaus auf COVID-19 getestet werden.

„Unberücksichtigt dabei bleibt, dass ein Krankenhaus nicht nur ein Ort ist, an dem plan­bare Operationen stattfinden, sondern auch eine Vielzahl anderer Behandlungen“, sagte Johna.

Das Ministerium habe die gesamte Notfallversorgung, die nicht operative Behandlung Schwerkranker außerhalb der Intensivstationen und auch die diagnostische Abklärung von Patienten unerwähnt gelassen. Wichtig sei zudem, das medizinische und pflegerische Personal sehr viel häufiger auf SARS-CoV-2 zu testen, so Johna. © dpa/may/hil/aerzteblatt.de

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