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Medizin

SARS-CoV-2: Wie Hongkong und Shenzhen die Epidemie erfolgreich eingedämmt haben

Mittwoch, 29. April 2020

/Patrick Foto, stock.adobe.com

Hongkong und Guangdong − Den Gesundheitsbehörden der chinesischen Sonderver­waltungszone Hongkong und der benachbarten Provinz Shenzhen ist es relativ rasch gelungen, die Ausbreitung von SARS-CoV-2 ohne einen kompletten Lockdown zu verhindern. Die in Lancet Public Health (2020; DOI: 10.1016/S2468-2667(20)30090-6) für Hongkong und in Lancet Infectious Diseases (2020; DOI: 10.1016/S1473-3099(20)30287-5) für Shenzhen vorgestellten Erfahrungen könnten Anregungen für die Zeit nach dem Lockdown in Europa geben.

Als Anfang des Jahres die Meldungen aus Wuhan eintrafen, läuteten in Hongkong die Alarmglocken. Die Erinnerung an die erste SARS-Epidemie, die 2003 in Hongkong das öffentliche Leben lahm gelegt hatte, war noch frisch. Doch die Gesundheitsbehörden waren vorbereitet.

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Die Ende Januar eingeleiteten Maßnahmen, die das öffentliche Leben weniger einschränk­ten als später in Europa und Nordamerika, erwiesen sich als effektiv. Wie Peng Wu von der Universität Hongkong berichtet, gab es in der Sonderverwaltungszone bis Ende März nur 715 COVID-19-Fälle, darunter 94 asymptomatische Infektionen und 4 Todesfälle bei einer Bevölkerung von etwa 7,5 Millionen, die auf engem Raum zusammen lebt.

Die Maßnahmen betrafen zum einen eine 14-tägige Quarantäne für alle Personen, die aus dem Stammland China oder aus anderen Ländern einreisten, wo SARS-CoV-2 bereits aufgetreten war. Alle an COVID-19 erkrankten Personen wurden in Krankenhäusern isoliert. Die Behörden betrieben eine intensive Kontaktsuche. Bei einem positiven Ergebnis mussten die Kontakte ihre Wohnungen verlassen und die Zeit bis zum Ende der Infektion in speziellen Einrichtungen in Quarantäne verbringen.

Hinzu kam ein Aufruf an die Bevölkerung, Abstand zu anderen Personen zu halten und Gesichtsmasken zu tragen. Die Schulen wurden Ende Januar geschlossen und öffentliche Angestellte bis Ende Februar wenn möglich ins Home Office geschickt. Ein völliger Lockdown wie später in Europa und Nordamerika wurde jedoch vermieden.

Die Maßnahmen haben ausgereicht, die Erkrankungszahlen im Februar niedrig zu halten. Als es im März zu einem Anstieg kam, wurde das Screening auf Symptome und später die Tests von asymptomatischen Einreisenden verstärkt. Die Reproduktionszahl, die Anfang März auf 1,5 angestiegen war, konnte dadurch wieder auf unter 1 gedrückt werden. Ende März war sie auf etwas über 1 angestiegen, ohne eine rasante Epidemie auszulösen.

Die Schulschließungen haben laut Wu dazu geführt, dass die Übertragungen bei Kindern um 33 % zurückgingen. Die Reproduktionszahl sank in dieser Gruppe von 1,10 auf 0,73.

Die Maßnahmen haben auch die Influenza-Epidemie frühzeitig beendet. Die Erkrank­ungs­zahlen sanken um 44 %. Die Basisreproduktionszahl für Grippeerkrankungen ging nach den Berechnungen von Wu von 1,28 auf 0,72 zurück. Der Rückgang war stärker als bei der H1N1-Pandemie von 2009 („Schweinegrippe") oder bei der schweren Influenza B im Winter 2017/18.

Dass Hongkong von einer schweren Epidemie verschont blieb, führt Wu auch auf die hohe Bereitschaft der Bevölkerung zurück, die Maßnahmen mitzutragen. Die Forscher hatten seit Januar 3 Stichproben befragen lassen. In der jüngsten Umfrage im März gaben 85 % der Befragten an, überfüllte Orte zu meiden, und 99 % trugen beim Verlassen des Hauses Gesichtsmasken. In der ersten Umfrage im Januar waren es 75 % beziehungsweise 61 % gewesen. Während des SARS-Ausbruchs im Jahr 2003 hatten 79 % einen Mund-Nase-Schutz getragen, bei der H1N1-Pandemie waren es nur 10 % gewesen.

Auch in der an Hongkong angrenzenden Provinz Shenzhen wurden infizierte Patienten isoliert und exponierte Personen in Quarantäne geschickt. Zwischen dem 14. und dem 21. Februar wurden den Gesundheitsbehörden 391 Index-Fälle mit COVID-19 gemeldet. Wie in Hongkong wurde versucht, alle Kontakte möglichst rasch aufzuspüren und zu testen. Von 1.286 untersuchten Kontaktpersonen waren 98 positiv.

Ein Team um Ting Ma von der Universität der Provinzhaupt Guangdong hat die Index-Fälle und die infizierten Kontaktpersonen verglichen. Während bei den Index-Fällen 4,6 Tage zwischen Symptombeginn und der Isolierung vergingen, waren es bei den erkrankten Kontaktpersonen nur 2,7 Tage. Diese Verkürzung um fast 2 Tage könnte mit dazu beigetragen haben, dass ein größerer Ausbruch unter den 13 Millionen Einwohnern der relativ wohlhabenden Provinz vermieden wurde. Die Reproduktionszahl konnte jedenfalls innerhalb weniger Wochen auf 0,4 gesenkt werden.

Die meisten sekundären Infektionen traten in der Familie auf. Ma gibt die Infektions­wahrscheinlichkeit („attack rate“) hier mit 11,2 % an. Bei einer ungehinderten Ausbrei­tung dürfte die Gefahr, sich im Haushalt anzustecken, höher sein. Die Maßnahme, alle positiven Fälle sofort aus der Familie zu entfernen, dürfte ebenfalls dazu beigetragen haben, dass die Infektionsketten schon bald unterbrochen wurden.

Das Risiko für die Haushaltsmitglieder war nach den Berechnungen von Ma mehr als 6-fach höher als für andere Personen (Odds Ratio 6,27; 95-%-Konfidenzintervall 1,49 bis 26,33). Weitere Risikofaktoren waren das gemeinsame Reisen (Odds Ratio 7,06; 1,43 bis 34,91) und eventuell auch gemeinsame Mahlzeiten (Odds Ratio 7,13; 0,73 bis 9,32).

Die weiten Konfidenzintervalle zeigen, dass die Risikoeinschätzung insgesamt unsicher bleibt. Unklar ist auch, welchen Anteil die einzelnen Maßnahmen an der erfolgreichen Eindämmung der Epidemie in Hongkong und Shenzhen hatten. Hinzu kommt sicherlich, dass kulturelle Faktoren eine Rolle spielen. Die räumliche Isolierung aller Infizierten dürfte in westlichen Gesellschaften eine geringere Akzeptanz haben als in China. © rme/aerzteblatt.de

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