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Medizin

Liquid Biopsy: Bluttest erkennt Krebs bei Frauen frühzeitig, erzeugt aber auch Fehlalarme

Mittwoch, 13. Mai 2020

/royaltystockphoto, stock.adobe.com

Baltimore − Ein allgemeiner Krebstest, der in einer Blutprobe nach bestimmten Krebsgenen und Tumormarkern sucht, hat in einem Screening an etwa 10.000 asymptomatischen Frauen 26 Krebserkrankungen in 10 verschiedenen Organen entdeckt, die mit den bisherigen Screening-Methoden vermutlich übersehen worden wären. Der Test könnte laut den in Science (2020; DOI: 10.1126/science.abb9601) vorgestellten Ergebnissen die Zahl der frühzeitig erkannten Krebserkrankungen verdoppeln.

In Krebstumoren kommt es infolge des raschen und chaotischen Wachstums zum Zerfall von Zellen, deren Inhalt ins Blut geschwemmt wird. Zum Inhalt gehören einmal Proteine, die als Tumor­marker bereits zur Verlaufskontrolle genutzt werden. Zum anderen werden auch DNA-Bruchstücke freigesetzt, die sich durch Mutationen von der DNA gesunder Zellen unterscheiden.

Seit einigen Jahren wird nach Möglichkeiten gesucht, den Nachweis von Tumormarkern und Krebsgenen zur Früherkennung zu nutzen. Forscher der Johns Hopkins Universität in Baltimore hatten vor 2 Jahren den Bluttest „CancerSEEK“ vorgestellt, der 16 Krebsgene und 9 konventionelle Tumormarker nachweist.

Dieser Test ist in der Studie DETECT-A („Detecting cancers Earlier Through Elective mutation-based blood Collection and Testing“) an 10.006 Frauen im Alter von 65 bis 75 Jahren getestet worden, die bisher nicht an Krebs erkrankt waren. Frauen waren für die Studie ausgesucht worden, weil es für das Ovarialkarzinom, einem bei Frauen häufig tödlichen Tumor, bisher keine Früherkennung gibt. Die Frauen durften an den üblichen Vorsorgeuntersuchungen (Mammografie, Koloskopie) teilnehmen und bei verdächtigen Symptomen einen Arzt aufsuchen.

Das Screening mit CancerSEEK fand in 3 Stufen statt. In der 1. Stufe wurde der Bluttest durchgeführt. Von den 9.911 Frauen, die hieran teilnahmen, hatten 490 (4,9 %) ein positives Ergebnis. Bei diesen Frauen wurde der Test ein zweites Mal durchgeführt, um einen falsch-positiven Laborbefund auszuschließen.

Außerdem wurde versucht, eine klonale Hämatopoese von unbestimmtem Potenzial („clonal hematopoiesis of indeterminate potential“ CHIP) auszuschließen. Die Zahl der Frauen, bei denen der Krebsverdacht weiter bestand sank dadurch auf 134 (1,35 %). Von diesen nahmen 127 an einer gezielten Krebssuche mit Positronen-Emissions-Tomografie und oder Computertomografie teil.

Wie das Team um Bert Vogelstein und Nickolas Papadopoulos von der Johns Hopkins University School of Medicine in Baltimore berichten, wurde bei 46 Frauen ein möglicher Tumor entdeckt, der sich dann bei 26 Frauen in einer Biopsie bestätigte.

Unter den 26 Tumoren befanden sich 6 Ovarialkarzinome, für die es derzeit keine zugelassene Früherkennung gibt und die meist erst in einem fortgeschrittenen Stadium erkannt werden. Dies war leider auch bei 5 der 6 Ovarialkarzinome der Fall. Sie befanden sich bereits im Stadium III oder IV, in dem sie nicht mehr heilbar sind. Ein Tumor wurde jedoch im Frühstadium entdeckt. Die Frau befindet sich laut der Publikation nach einer Operation in Remission.

Weitere 16 Frauen hatten andere Krebserkrankungen im Frühstadium, in dem eine Operation (eventuell mit Chemotherapie) eine Heilungschance bietet. Von diesen sind 11 in Remission. Sie könnten wie die Frau mit dem Ovarialfrühkarzinom von dem Test profitiert haben.

Bei insgesamt 101 Frauen hat CancerSEEK zu einem falsch positiven Ergebnis geführt. Diese wurden durch PET oder CT einer unnötigen Strahlendosis von mehr als 10 mSv ausgesetzt und für die Zeit bis zur endgültigen Diagnose verunsichert.

Bei 46 Frauen wurde eine Krebserkrankung entdeckt, weil sie sich zwischenzeitig wegen Beschwerden an einen Arzt gewandt hatten. Bei weiteren 24 Frauen wurde bei einem konventionellen Screening ein Brust-, Lungen- oder Dickdarmkrebs entdeckt. In diesen beiden Gruppen war der CancerSEEK-Test falsch-negativ ausgefallen.

Die Frauen waren bei Studienbeginn auf das Risiko von falsch-positiven und falsch-negativen Ergebnissen hingewiesen worden und laut Vogelstein und Papadopoulos hat nur eine einzige ihre Teilnahme an der Studie bereut.

Die Entwickler des Tests, die eine eigene Firma gegründet haben, geben die Sensitivität des Bluttests mit 27,1 % an. Bei den 7 Krebserkrankungen ohne Screening-Option betrage er 31,1 %. Die Spezifität betrug 98,9 % und bei der Kombination mit der PET/CT-Bildgebung mit 99,6 %. Der positive Vorhersagewert des Tests liegt laut der Studie bei 40,6 %.

Den Autoren ist klar, dass der klinische Stellenwert von CancerSEEK sich aufgrund der Studie noch nicht einschätzen lässt. „Derzeit können wir nicht sicher sein, dass der in unserer Studie verwendete Tests auch nur einer Teilnehmerin geholfen hat“, schreiben sie. Im Einzelfall bleibe unklar, ob sich aus einem frühzeitig entdeckten Tumor tatsächlich eine metastasierte Krebserkrankung entwickelt.

Ob es CancerSEEK zu einer Überdiagnose kommt, die derzeit bei der konventionellen Früherkennung, etwa der Mammografie intensiv diskutiert wird, ließe sich nur einer randomisierten Studie klären.

CancerSEEK ist übrigens nicht das einzige Forschungsprojekt zur „Liquid Biopsy“. Kürzlich hat ein Team aus Houston einen Test vorgestellt, der anhand eines veränderten Methylierungsmusters der zellfreien Tumor-DNA im Blut 50 verschiedene Krebsarten aufspüren soll. © rme/aerzteblatt.de

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