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Medizin

Pädophile Störungen: GnRH-Antagonist senkt in Studie die Neigung zu sexuellen Übergriffen

Donnerstag, 7. Mai 2020

/dpa

Stockholm − Der schnell wirkende GnRH-Antagonist Degarelix, der zur Behandlung des Prostatakarzinoms zugelassen ist, hat in einer placebokontrollierten Studie in JAMA Psychiatry (2020; doi: 10.1001/jamapsychiatry.2020.0440) bei Männern mit pädophilen Störungen einen Risiko-Score gesenkt, der die Neigung zu sexuellen Übergriffen auf Minderjährige bewertet.

Pädophile Störungen werden heute mit einer Kombination aus Psychotherapie und Medikamenten behandelt. Bei geringem Risiko auf sexuelle Übergriffe kommen Antidepressiva (SSRI) zum Einsatz. Wirkstoffe, die den Testosteronwert im Blut senken sind bisher mittelschweren Störungen (Cyproteron oder Medroxyprogesteron) vorbehalten. Medikamente, die über die Hypophyse die Testosteronproduktion komplett hemmen („chemische Kastration“), werden in den meisten Ländern selten eingesetzt.

Dies liegt nicht nur an ethischen Bedenken, sondern auch daran, dass Mittel wie Leuprolid erst mit einer Verzögerung von 4 Wochen die Testosteron-Produktion blockieren. In den ersten Wochen steigert der GnRH-Agonist Leuprolid sogar die Testosteron-Spiegel, was – vor allem in der ambulanten Behandlung – das Risiko auf sexuelle Übergriffe erhöhen kann.

Der GnRH-Antagonist Degarelix, der zur Behandlung des fortgeschrittenen Prostata­karzinoms (als Alternative zur chirurgischen Kastration) entwickelt wurde, hemmt die Testosteron-Produktion dagegen innerhalb von wenigen Tagen. Ob er bei Männern mit pädophilen Störungen wirksam ist, wurde in den letzten Jahren an 52 Männern untersucht, die sich hilfesuchend an die telefonische Hotline „PrevenTell“ des Karolinska Instituts in Stockholm gewandt hatten.

Die Teilnehmer wurden von Psychiatern nach 4 dynamischen Risikofaktoren (pädophile Interessen, Beschäftigung mit sexuellen Gedanken und Reizen, eingeschränkte Selbst­kontrolle, niedrige Empathie) und nach der Selbsteinschätzung der Betroffenen zur Gefahr von sexuellen Übergriffen befragt. Die 5 Domänen wurden mit jeweils 0 bis 3 Punkten bewertet, was einen Gesamtscore von 15 Punkten ergibt.

Die Teilnehmer wurden mit ihrer ausdrücklichen Einwilligung auf 2 Gruppen randomisiert. Eine Gruppe erhielt 2 subkutane Injektionen mit jeweils 120 mg Degarelix, in der anderen Gruppe enthielten die Injektionen keinen Wirkstoff.

Wie das Team um Christoffer Rahm von den Stockholmer Gesundheitsbehörden berichtet, kam es in der Degarelix-Gruppe nach 2 Wochen zu einem Rückgang des Scores von 7,4 auf 4,4 Punkte gegenüber einem Rückgang von 7,8 auf 6,6 Punkte in der Placebo-Gruppe. Die Differenz von 1,8 Punkten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,5 bis 3,2 Punkten signifikant. Nach 10 Wochen hatte sich der Unterschied auf 2,2 Punkte (0,7 bis 3,6 Punkte) erhöht.

Die Vorteile waren vor allem auf die pädophilen Interessen und die gedankliche Beschäftigung beschränkt, was sich als direkte Folge des induzierten Testosteron­mangels deuten lässt. Auf die Selbstkontrolle, die Empathie und die Selbsteinschätzung der Betroffenen wirkte sich die Behandlung nicht aus.

Ob Degarelix die Männer tatsächlich von pädophilen Handlungen abhält, kann die Studie nach nur 10 Wochen natürlich noch nicht klären. Auch mögliche Komplikationen der Behandlung lassen sich noch nicht abschätzen. Befürchtet werden vor allem Depressionen und Suizidgedanken, die laut Rahm auch von 2 Teilnehmern geäußert wurden. Die Forscher planen eine Anschlussstudie, in der die Patienten langfristig behandelt werden sollen.

Zu den bekannten Nebenwirkungen von Degarelix gehören Hitzewallungen und Gewichtsanstieg. In den Studien zur Behandlung des Prostatakarzinoms ist es bei einigen Patienten auch zum Anstieg der Leberenzyme gekommen. Zu den Risiken gehört auch eine QT-Zeit-Verlängerung, die Vorbote von tödlichen Herzrhythmusstörungen („Torsades de pointes“) sein kann.

Ob dieses Risiko auch bei den deutlich jüngeren Patienten (Durchschnittsalter in der Studie: 36 Jahre) besteht, bleibt abzuwarten. Depressionen wurden bei den älteren Patienten mit Prostatakarzinom selten beobachtet. Dies könnte bei den jüngeren Männern anders sein.

Für den Direktor des Instituts für Sexualforschung und Forensische Psychiatrie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf Prof. Peer Briken sind die Ergebnisse der Studie ein „Meilenstein in der klinischen Sexualwissenschaft“ und der „wichtigste Beitrag auf dem Gebiet der Pharmakotherapie pädophiler Erkrankungen seit der Studie von Rösler und Witztum“, die 1998 die Wirksamkeit von GnRH-Agonisten belegt hat.

Die schwedischen Forscher hätten außerdem gezeigt, das es möglich sei, die Wirksamkeit von Medikamenten an Patienten mit pädophilen Störungen zu untersuchen, schreibt der Editorialist. © rme/aerzteblatt.de

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