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Politik

In Coronakrise regionaler denken

Dienstag, 5. Mai 2020

/Nick Julia, stock.adobe.com

Berlin – In der Debatte um Lockerungen in der Coronakrise plädiert Bundesgesundheits­minis­ter Jens Spahn (CDU) dafür, regional angepasst zu agieren. „Was wir entwickeln müssen, sind gar nicht Regelungen an den Landesgrenzen, sondern regionale Unterschie­de“, sagte er heute im Deutschlandfunk. In Landkreisen mit wenig Infizierten könne man anders handeln als in Kommunen mit vielen Krankheitsfällen.

Zusammen mit den Bundesländern und kommunalen Behörden sollten demnach Kriterien entwickelt werden, wie ein Ausbruchsgeschehen beispielsweise in einem Pflegeheim oder nach einer Veranstaltung frühzeitig regional in den Griff zu bekommen sei.

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Dort könne man dann sehr schnell mit einschränkenden Maßnahmen lokal vorgehen, um zu verhindern, dass sich das Virus stärker ausbreite. Wenn dies gelinge, dann „wird es immer mal wieder Regionen geben, wo man stärker eingreift, auch beschränkt, aber da­mit tatsächlich den Rest des Landes auch schützt“, erklärte Spahn.

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, betonte ebenfalls, dass die Ge­gebenheiten regional unterschiedlich seien und man dem man Rechnung tragen müsse. Natürlich sei ein gemeinsamer Plan wünschenswert, aber Variationen in Anbe­tracht der jeweiligen Situation vor Ort halte er für „normal und selbstverständlich“. Zu­gleich gab Wieler zu verstehen, dass Wissenschaftler mit weiteren Infektionswellen im Lauf der Pandemie rechnen, was Wachsamkeit erfordere.

„Angesichts der inzwischen deutlich gesunkenen Anzahl der täglichen Neuinfektionen erscheint es möglich, dass in wenig betroffenen Regionen teilweise Lockerungen stattfin­den“, sagte der Direktor des Instituts für Medizinische Epidemiologie, Biometrie und In­for­matik vom Uniklinikum Halle (Saale), Rafael Mikolajczyk.

Eine Bedingung dafür sei aber, dass die Gesundheitsämter alle Neuerkrankten und deren Kontakte in diesen Regionen auch tatsächlich nachverfolgen, testen und isolieren könn­ten. Könnten Infektionsherde nicht zeitnah gestoppt werden, sei ein erneutes Aufflamm­en der Epidemie zu erwarten – und eine erneute Verschärfung der Maßnahmen.

Der Charité-Virologe Christian Drosten sagte im NDR-Podcast, dass man etwa in derzeit wenig vom Virus betroffenen Regionen wie Mecklenburg-Vorpommern zugestehen müsse, dass dort unter Umständen auch örtliche Regelungen getroffen werden können. Die Ge­fahr sei schließlich anders als in Gegenden mit deutlich mehr Infektionen. Generell sei aber eine zentrale Regelung immer wünschenswert, damit die Menschen wüssten, woran sie seien.

Hygienekonzept muss gelebt werden

Spahn äußerte sich heute auch zu einem Video eines Fußballprofis von Hertha. Dieser hatte über Facebook ein Video veröffentlicht, das unter anderem zeigte, wie bei einem Mitspieler eine Probe für einen Coronatest genommen wird. Während der Videosequenz gab der Spieler immer wieder Mitspielern oder Vereinsmitarbeitern die Hand und verstieß damit gegen die von der DFL in ihrem Konzept gemachten Vorgaben. Der Spieler wurde vom Verein suspendiert.

Spahn betonte dazu, das grundsätzliche Hygienekonzept der Deutschen Fußball Liga (DFL) sei sinnvoll. Es könne auch Vorbild für andere Profisportbereiche sein. „Aber dann muss es auch gelebt werden“, sagte der Politiker im Deutschlandfunk. Deswegen sei es wichtig gewesen, dass der Berliner Verein nach diesem Video auch Konsequenzen gezo­gen hat. „Und ich hoffe, dass jetzt alle verstanden haben, dass es hier um etwas geht“, meinte Spahn weiter.

Morgen soll bei einer Konferenz von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) mit den Mi­nis­terpräsidenten auch entschieden, ob und – wenn ja – wann die 1. und 2. Fußballbun­des­liga trotz der Coronapandemie ihren Spielbetrieb wieder aufnehmen darf. Dafür hat die DFL ein Hygienekonzept mit Serientests bei allen 36 Profiteams ausgearbeitet, das unter anderen von Spahns Ministerium und vom Arbeitsministerium begutachtet worden ist.

Spahn bezeichnete die Bundesliga auch als „Exportschlager“. Es sei klar, dass die Tests zu­nächst für das Gesundheitswesen verwendet werden. Und wenn dann noch etwas gin­ge, könne auch in der Bundesliga getestet werden. „Dann glaube ich, macht es Sinn im Profisport, Schritt für Schritt in einem neuen Alltag zu kommen.“ Die Vereine müssten aber die Einhaltung der Regeln garantieren können.

Fußballdebatte zeigt geschickte Lobbyarbeit

Im Deutschen Ethikrat gibt es unterdessen Skepsis hinsichtlich einer schnellen Wieder­auf­nahme der Fußballbundesliga. „Mich wundert, dass wir auf die Bundesligadebatte so viel Energie verwenden“, sagte Ethikratmitglied Steffen Augsberg der Neuen Osnabrücker Zeitung. Sie sei ein Beispiel für geschicktes Lobbying.

Geisterspiele gaukelten nicht ein­mal Normalität vor, sondern verdeutlichten vor allem, wie unnormal die Zustände seien. „So gern wir ihn haben: Der Fußball wird an dieser Stelle doch sehr gehätschelt“, sagte er. Für die Gesamtbevölkerung sei es nicht sonderlich relevant, ob Bundesligaspiele stattfänden oder nicht. Selbst wenn man alle Jobs mitein­be­ziehe, die an der Branche hängen würden, habe der Fußball doch eine überschaubare wirtschaftliche Bedeutung.

Andere Teile der Bevölkerung seien viel erheblicher und existenzieller von der Corona­kri­se betroffen. „Es wäre wohl sinnvoller, darauf hinzuarbeiten, dass Kinder wieder gemein­sam draußen spielen können und etwa die Gastronomiebranche schnellstmöglich wieder in die Gänge kommt“, sagte Augsberg.

In der aktuellen Debatte um Lockerungen in der Coronakrise zeigt Augsberg, der als Mit­glied im Ethikrat auch die Bundesregierung berät, Verständnis für regionale Sonder­wege. „Ständig auf bundesweit einheitliche Vorgaben zu drängen halte ich für wenig plausibel“, sagte er.

Die föderale Option beinhalte doch gerade, dass man regionale sozioökonomische Gege­benheiten, unterschiedliche Infektionszahlen etc. berücksichtigen könne. „Warum sollen auf dem Land in Mecklenburg-Vorpommern die Schulen nicht früher öffnen können als in Hamburg, wo die Infektionsbelastung eine ganz andere ist?“ © dpa/aerzteblatt.de

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