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Politik

Ausbrüche in Schlachthöfen: Notbremsen wegen SARS-CoV-2 gezogen

Freitag, 8. Mai 2020

Das Virus SARS-CoV-2 hat sich im Schlachtbetrieb Westfleisch in Coesfeld ausgebreitet. /picture alliance, Kirchner

Berlin –Mitten in der Lockerungsphase der Auflagen in der Coronakrise müssen die Be­hör­den in drei Bundesländern bereits die Notbremse wegen zu hoher Infektionszahlen ziehen. In drei Kreisen in Thüringen, Nordrhein-Westfalen (NRW) und Schleswig-Holstein wurde der kritische Wert von 50 Neuinfektionen auf 100.000 Einwohner innerhalb von sieben Tagen überschritten.

Die Regierung in Düsseldorf griff heute durch und schloss vorübergehend einen Schlacht­betrieb in Coesfeld, in dem sich besonders viele Mitarbeiter angesteckt hatten. Auch in Schleswig-Holstein war eine Schlachterei betroffen. Im Thüringer Landkreis Greiz hatten sich vor allem Bewohner und Personal von Altheimen infiziert.

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Mediziner und Politiker von SPD und Grünen zeigten sich besorgt, den Kreisen könnte die Lage entgleiten und forderten Hilfe vom Bund. Hintergrund für die Zuständigkeit ist ein Beschluss von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und die Ministerpräsidenten der Länder vom vergangenen Mittwoch.

Danach soll wegen der regional unterschiedlich hohen Infektionszahlen wieder stärker vor Ort über Maßnahmen entschieden werden. Die Länder sollen sicherstellen, dass in Landkreisen oder kreisfreien Städten mit mehr als 50 Neuinfektionen pro 100.000 Ein­wohnern innerhalb von sieben Tagen sofort wieder ein konsequentes Beschränkungs­konzept umgesetzt wird – eine Art „Notbremse“.

Im Kreis Coesfeld in NRW lag die Zahl nach Daten des Robert-Koch-Instituts (RKI) bei 52,7. Das Virus hatte sich zuletzt vor allem im Schlachtbetrieb Westfleisch in Coesfeld ausgebreitet. Dort wurden nach Angaben des Kreises 129 Infizierte erfasst. Alle 1.200 Beschäftigten sollen nun getestet werden.

NRW-Ge­sund­heits­mi­nis­ter Karl-Josef Laumann (CDU) ließ den Betrieb vorerst schließen. Mehrere für den kommenden Montag vorgesehene Lockerungen der Schutzmaßnahmen werden um eine Woche auf den 18. Mai verschoben. Das betrifft vor allem die Lockerung der Kontaktbeschränkungen, die Öffnung von Gaststätten und Freizeitparks.

Auch Geschäfte mit mehr als 800 Quadratmetern Verkaufsfläche dürften am kommenden Montag nicht öffnen. In einem weiteren fleischverarbeitenden Betrieb gab es eine hohe Zahl von Coronainfektionen. In Oer-Erkenschwick (Kreis Recklinghausen) hätten sich in einem Schwesterbetrieb des Coesfelder Werks 33 von 1.250 Mitarbeitern mit dem Virus angesteckt.

Auch in Schleswig-Holstein ist ein Schlachthof betroffen. Die meisten Infizierten sind Beschäftigte eines Fleischbetriebs in Bad Bramstedt (Kreis Segeberg). Ein Großteil der Ausländer, die dort arbeiten, sind auf dem Gelände einer Kaserne im Kreis Steinburg in einer Gemeinschaftsunterkunft untergebracht.

Der Kreis Steinburg lag mit 87 bestätigten aktuellen Fällen über dem Grenzwert. Das Ge­sundheitsministerium von Schleswig-Holstein kündigte am Freitagabend an, die Beleg­schaft aller Schlachtbetriebe im Land auf das Coronavirus testen zu lassen.

Pflegeheim und Geriatrie in Greiz betroffen

Der Krisenstab des Thüringer Landkreis Greiz will Anfang der Woche über Auflagen ent­scheiden. Greiz registrierte nach Daten des Robert-Koch-Instituts 80,5 Infektionen pro 100-000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen. Die meisten Infizierten sind nach Angaben des Landratsamtes Bewohner und Personal von sechs Pflegeheimen und einer Geriatrieklinik.

Der Deutsche Landkreistag plädiert für eine zielgenaue Anwendung der Obergrenze bei Neuinfektionen. „So ist es regelmäßig nicht angezeigt, bei eindeutig isolierbaren Infek­ti­onsherden wie etwa Altenheimen oder einzelnen Schulen Maßnahmen für die Allgemein­heit anzuordnen oder bereits bestehende Lockerungen breit zurückzunehmen“, sagte Präsident Reinhard Sager in Berlin.

Politiker von SPD und Grünen warnten davor, Landkreise und kreisfreie Städte könnten überfordert sein. „Die Kommunen haben weder die Expertise noch das Personal, wir­kungs­voll die Ursachen ihrer lokalen Ausbrüche zu erkennen oder zu bekämpfen“, sagte der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND).

Auch Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt pochte auf Hilfe für die Kommunen. „Wir machen uns große Sorgen, dass uns die Situation entgleitet, wenn wir nicht ausrei­chend Personal in den Gesundheitsämtern und Testmöglichkeiten haben“, sagte die Grü­nen-Politikerin dem RND. Sie warnte vor einer laxen Umsetzung der Beschlüsse von Bund und Ländern: „Klar ist: Nur durch engmaschige Kontrollen kann ein Rückfall und eine zweite Welle verhindert werden.“

Der Bundesverband der Ärzte des Öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD) kritisierte, die Gesundheitsämter seien überfordert. Die Verbandsvorsitzende Ute Teichert sagte dem RND: „Die Gesundheitsämter werden ohne dauerhafte Personalunterstützung in die Knie gehen.“ Es ist aber Hilfe unterwegs: Ein ins Parlament eingebrachter Gesetzentwurf der großen Koalition sieht 50 Millionen Euro für die bundesweit 375 Gesundheitsämter vor, um vor allem die Digitalisierung von Prozessen voranzubringen.

Kanzleramtsminister Helge Braun rief heute dazu auf, die Obergrenze zu achten. Bei 50 Neuinfektionen pro hunderttausend Einwohnern „muss die Feuerwehr kommen, denn dann brennt der Dachstuhl lichterloh“, sagte Braun gestern Abend in der ZDF-Sendung „maybrit illner“.

Zugleich warnte er davor, das wahre Ausmaß der Infektionen aus Angst vor neuen Be­schränkungen zu verschleiern. Anders als bei anderen Krisen komme man im Fall des Co­ronavirus „nicht unbemerkt irgendwie durch, sondern man wacht irgendwann mit 100 oder 200 Infektionen wieder auf, mit überforderten Krankenhäusern“. © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #825141
plink
am Sonntag, 10. Mai 2020, 21:32

Die Dunkelziffer

..der Coronainfizierten ist riesig - bei geschätzten 2 Mio. Infizierten in Deutschland ist es derzeit keine Meisterleistung, mind. 50 (asymptomatische) Infizierte/100.000 durch massive Ausweitung der Testkapazitäten zu finden, um unsere Grundrechte erneut zu beschneiden.
Ein durchsichtiges Manöver!
LNS

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