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Politik

Sterblichkeit in Deutschland „über dem Durchschnitt“

Samstag, 9. Mai 2020

/sudok1, stock.adobe.com

Wiesbaden - Während der Coronapandemie sind laut Statistischem Bundesamt über­durchschnittlich viele Menschen in Deutschland gestorben. Das geht aus einer am Freitag in Wiesbaden veröffentlichten Sonderauswertung hervor. Für die jüngeren Daten nutzen die Statistiker die Sterbefallmeldungen der Standesämter. Derzeit liegen damit vorläufige Daten bis 12. April vor.

Demnach liegen die Sterbefallzahlen in Deutschland seit 23. März „über dem Durchschnitt der jeweiligen Kalenderwochen der Jahre 2016 bis 2019“. In der letzten Märzwoche seien mindestens 19 385 Menschen gestorben, zwischen 30. März und 5. April mindestens 20 207 und zwischen 6. und 12. April mindestens 19 872.

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Im Vergleich starben in der letzten Woche, für die Daten vorliegen, knapp 2.000 Menschen beziehungsweise elf Prozent mehr als im vierjährigen Durchschnitt für diese Woche. Vergleicht man einzelne Jahre, waren es zwischen 6. und 12. April 18 Prozent mehr Tote als
2017 und 4 Prozent mehr als 2018.

Daten deuten auf Übersterblichkeit hin

„Die aktuelle Entwicklung ist auffällig, weil die Sterbefallzahlen in dieser Jahreszeit aufgrund der ausklingenden Grippewelle üblicherweise von Woche zu Woche abnehmen“, urteilen die Statistiker. „Dies deutet auf eine Übersterblichkeit im Zusammenhang mit der Covid-19-Pandemie hin.“

„Im europäischen Vergleich ist der Umfang der Übersterblichkeit in Deutschland bislang gering“, rechnet das Statistische Bundesamt vor. Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien, die Niederlande, Österreich, Schweden, Schweiz und Spanien hätten „zum Teil wesentlich höhere Sterbezahlen im Vergleich zum Durchschnitt der Vorjahre“. Keine auffälligen Veränderungen gibt es demnach lediglich in Norwegen und Tschechien.

Tim Friede, Leiter des Instituts für Medizinische Statistik der Universitätsmedizin Göttingen, hält die Aussagekraft solcher Wochenvergleiche für begrenzt. Generell gebe es bei den Sterbefallzahlen „eine hohe Varianz“, sagte Friede der Deutschen Presse-Agentur. Auch wenn die Zahlen seit Beginn der Coronakrise höher seien, so sei man doch „deutlich unter den Maxima anderer Jahre. Die Mortalitätszahlen liegen im Rahmen dessen, was wir auch in den vergangenen Jahren gesehen haben.“

Im Vergleich zu anderen Ländern keine extrem hohe Mortalitätszahl

Es sei nicht möglich, anhand der Zahlen die zur Eindämmung der Pandemie eingeleiteten Maßnahmen zu bewerten. „Das wäre erst im langfristigen Verlauf nach mehreren Lockdown- und Lockerungsphasen möglich.“ Erste Hinweise könne man aber aus dem internationalen Vergleich ziehen. Dieser zeige ganz klar, „dass im Gegensatz zu anderen Ländern die Mortalitätszahlen in Deutschland nicht durch die Decke gegangen sind.“

In der aktuellen Diskussion würden bisweilen Ursache und Wirkung verkehrt: Wenn die Zahl der Todesfälle gering ist, sei das vermutlich die Folge der eingeleiteten Maßnahmen - aber keinesfalls ein Argument, dass die Maßnahmen unnötig waren. „Die Frage der Kausalität ist ohnehin schwierig“, sagte Friede: Bei den nun vorliegenden Zahlen gebe es keine Angaben zur Todesursache und „ich wüsste aber auch nicht, wie man das zeitnah vernünftig abbilden könnte“.

Das Statistische Bundesamt will als Lehre aus der Coronapandemie krisenrelevante Daten künftig schneller liefern, wie Präsident Georg Thiel der Frankfurter Rundschau vom Freitag sagte. „Wir brauchen monatliche und vierteljährliche Daten, ältere Statistiken sind zum Krisenmanagement schlicht nicht geeignet“, so Thiel. „Das packen wir an. Daten, die in Krisensituationen dringend benötigt werden, wollen wir künftig schneller bereitstellen können.“ © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #103488
KuhnJ
am Sonntag, 10. Mai 2020, 20:48

Regionale Daten stützen die Aussage des Stat. Bundesamtes

Schaut man etwas kleinräumiger, bei Bundesländern mit vielen coronaassoziierten Sterbefällen, oder gar in die regionalen Hotspots, ist die Datenlage eigentlich ziemlich eindeutig: Es zeigt sich eine Übersterblichkeit, die sich zeitlich parallel zu den gemeldeten Corona-Sterbefällen entwickelt, für NRW und Bayern siehe z.B. http://scienceblogs.de/gesundheits-check/2020/05/09/coronakrise-noch-einmal-keine-erhoehte-sterblichkeit/

Insofern greift das Stat. Bundesamt nicht einfach willkürlich eine Woche heraus. Wer das ganze erste Quartal 2020 mit dem Durchschnitt der Vorjahre vergleicht, wird in der Tat eine "Untersterblichkeit" sehen - weil im Durchschnitt der Vorjahre 2016-2019 zwei starke Grippewellen zu Buche schlagen. Das ist keine normale Baseline. Es macht auch ansonsten gar keinen Sinn, Januar und Februar in die Betrachtung miteinzubeziehen, da gab es schließlich noch gar keine Coronatoten - in den Vorjahren aber viele Influenzatote.
Avatar #550935
Dr. med. Armin Conradt
am Sonntag, 10. Mai 2020, 19:39

Der Titel ist unsauber

und damit irreführend.
Die Sterblichkeit ist EINE WOCHE über dem Durchschnitt.
Eine statistisch einwandfreie Übersterblichkeit lässt sich aber nur im Jahresvergleich ermitteln.
Avatar #756524
AKarmann
am Sonntag, 10. Mai 2020, 19:27

Absichtlich irreführende Aussage

Ich kann catch-the-day nur beipflichten.
Ein einzelne Woche, bzw. zwei, herauszupicken und mit Vorjahren zu vergleichen und im Anschluss so eine allgemeingültige Aussage zu tätigen, ist wirklich haarsträubend!
Avatar #771752
catch-the-day
am Sonntag, 10. Mai 2020, 18:56

Was für eine haarstäubende Analyse

Ja, es ist richtig dass laut dieser auswertung des statistischen Bundesamtes in der KW 15 in Deutschland 1.979 Menschen mehr gestorben sind als im Durchschnitt der Jahre 2017 - 2019. Aber in KW 10/2018 sind 5.489 Menschem mehr gestorben als dieser Durchschnitt, und es gabe keinen Lockdown. In KW 5/2017 sind 3.274 mehr Menschen gestorben als in diesem Schnitt.
Weiterhin zeigt sich, dass wir - wenn man die Sterblichkeit seit Jahresbeginn 2020 mit diesem Durchschnitt vergleicht, insgesamt immer noch eine UNTERSTERBLICHKEIT von 8.306 Personen haben.
Vergleichen wir 2020 bis zu KW 15 mit 2018 bis zu KW 15, ergibt sich für 2020 sogar eine UNTERsterblichkeit von 29.398 Menschen.
Hier in Medienmitteilungen von einer "Übersterblichkeit" zu reden ist ein haarsträubender Vorgang, der nur dazu beiträgt Verschwörungstheorien zu befeuern.
LNS

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