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Politik

Schlachtbetriebe entwickeln sich zu Coronahotspots

Dienstag, 12. Mai 2020

/davit85, stock.adobe.com

Berlin – Schlachtbetriebe entwickeln sich in Deutschland zunehmend zu Hotspots für das Virus SARS-CoV-2. Das zeigen Meldungen aus verschiedenen Teilen der Republik. Deut­lich mehr Fälle wurden in Coesfeld und Birkenfeld registriert. Neue Fälle gibt es auch in Bayern.

Bei Westfleisch in Coesfeld wurden ist die Zahl der positiv auf das Virus getesteten Arbei­ter auf 260 gestiegen. Mit Stand heute Mittag waren 1.012 der rund 1.200 Beschäftigen getestet worden. 571 mit einem negativen Ergebnis, wie der Kreis Coesfeld sagte. Ges­tern hatte der Kreis 254 infizierte gemeldet.

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In Abstimmung mit der Landesregierung in Nordrhein-Westfalen (NRW) hatte der Kreis Coesfeld als Konsequenz aus dem Ausbruch bei Westfleisch einen Großteil der eigentlich von gestern an landesweit geplanten Lockerungen der Auflagen um eine Woche verscho­ben. Außerdem sollen die bis zu 20.000 Mitarbeiter aller Schlachtbetriebe in Nordrhein-Westfalen auf das Coronavirus getestet werden.

Auch in der Fleischfabrik Müller Fleisch in Birkenfeld bei Pforzheim haben sich weitere Mitarbeiter mit dem Coronavirus infiziert. Mehr als 80 weitere Mitarbeiter seien dort po­sitiv getestet wor­­den, teilte das Landratsamt Enzkreis mit. Das zeigten die Ergebnisse einer zweiten Testreihe.

Damit steige die Zahl der Personen, die mit SARS-CoV-2 infiziert sind oder waren, auf rund 400, sagte eine Sprecherin des Landratsamtes heute. Das ist mehr als ein Drittel der Belegschaft von etwa 1.100 Mitarbeitern. Die Ergebnisse hatte die Behörde gestern Abend veröffentlicht.

Eine ersten Testung der Belegschaft vor drei Wochen hatte bereits rund 300 Infizierte ergeben. Beim zweiten Durchgang waren nun die beim ersten Mal noch negativ getes­te­ten Personen erneut untersucht worden. Mit Sicherheit werde es danach weitere Tests geben, sagte die Behördensprecherin. Umfang und Zeitpunkt stünden noch nicht fest.

Betrieb weist Verantwortung von sich

„Müller Fleisch ist ein Traditionsunternehmen und hat seit jeher immer Verantwortung übernommen“, sagte ein Unternehmenssprecher heute. Vorwürfe, die Mitarbeiter seien zu beengt in Sammelunterkünften untergebracht, beträfen Müller Fleisch selbst nicht. Viel­mehr gehe es um Mitarbeiter, die über Werkvertragsunternehmen angeheuert seien. Mit diesen sei man „im Gespräch über eine Neuordnung der Unterbringungsmöglichkeiten ihrer Beschäftigten“.

In dem Birkenfelder Fleischwerk sind laut Landratsamt fast 150 Mitarbeiter inzwischen genesen. Das bedeutet, dass sie zwar wieder zur Arbeit dürfen. Sie unterliegen aber wei­ter der Betriebsquarantäne und dürfen sich nur zwischen Wohnung und Arbeitsstätte be­wegen, wie die Sprecherin weiter erklärte. Schon am vergangenen Freitag habe das Land­ratsamt daher die Auflagen für den Betrieb verschärft und etwa die Einstellung neuer Mit­arbeiter für einen Monat untersagt.

Diejenigen infizierten Mitarbeiter, die in beengten Wohnverhältnissen lebten, sind vom Landratsamt seit einiger Zeit in Ausweichunterkünften untergebracht. Laut der Sprecherin war eine Schließung des Unternehmens – auch in Zusammenarbeit mit dem Landesge­sundheitsamt – geprüft, aber verworfen worden. Dafür gebe es keine rechtliche Hand­habe, solange die Firma sich an die Auflagen halte.

Müller Fleisch will nun einen „Pandemieplan 2.0“ erarbeiten. Man rechne damit, dass ein neues, mit Behörden und externen Experten abgestimmtes Konzept Wirkung zeige, hieß es von dem Unternehmen.

Auch unter Mitarbeitern eines Schlachthofs in Niederbayern gibt es sieben Infizierte. Das sagte Bayerns Ge­sund­heits­mi­nis­terin Melanie Huml (CSU) heute nach einer Kabinettssit­zung in München. Es laufe nun eine „Reihentestung“ der rund 1.000 Mitarbeiter. Parallel werde ermittelt, welcher Mitarbeiter mit wem Kontakt hatte. Problem sei, dass einige der Betroffenen in kleineren Gemeinschaftsunterkünften lebten, berichtete Huml.

Der FDP-Landesvorsitzende Michael Theurer forderte angesichts der Entwicklung flä­chen­deckende Coronatests in allen Schlachthöfen. „Es ist doch absurd, dass es für die Bundesliga ein Hygiene- und Testkonzept gibt, aber nicht für die sichere Versorgung mit gesunden Nahrungsmitteln“, sagte er.

Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) hat die Branche heute aufgefor­dert, Konzepte zur Einhaltung des Arbeits- und Gesundheitsschutzes zu entwickeln. Um die Versorgung der Bevölkerung sicherzustellen, müsse zwar der Betrieb der systemrele­vanten Ernährungswirtschaft aufrechterhalten werden, erklärte sie. „Das darf aber nicht zu Lasten der Mitarbeiter gehen.“

Klöckner tauschte sich in einer Telefonkonferenz mit den Verbänden der Fleischwirtschaft aus, wie ihr Ministerium mitteilte. Sie mahnte demnach: „Schwarze Schafe schaden dem Ansehen der gesamten Branche.“ Es gebe Regeln, die unbedingt eingehalten werden müssten, und die Einhaltung werde von den zuständigen Behörden kontrolliert. „Ich er­warte von allen Beteiligten, dass sie sich ihrer Verantwortung gerade auch in der Krise bewusst sind.“

Sachsen-Anhalt kündigte heute an, die Belegschaft der fünf größten Betriebe der Branche durchtesten zu wollen. Geplant sind dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium zufolge demnach frei­willige Tests in drei Betrieben in Weißenfels (Burgenlandkreis) sowie je einem im Land­kreis Anhalt-Bitterfeld und einem im Landkreis Jerichower Land.

Ge­sund­heits­mi­nis­terin Petra Grimm-Benne (SPD) hatte vorige Woche im Landtag ange­kündigt, die großen Schlachthöfe durchtesten zu wollen. Zuvor war ein Ausbruch in NRW, später ein Ausbruch in einem Unternehmen in Schleswig-Holstein bekannt geworden. Das Land veranlasste daraufhin eine Sofortkontrolle des Betriebs in Weißenfels durch das Landesamt für Verbraucherschutz. © dpa/afp/kna/may/aerzteblatt.de

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Avatar #567332
Lusa
am Samstag, 16. Mai 2020, 22:30

Billiges Fleisch

Billiges Fleisch von Tieren, die in Mastbetrieben reichlich Antibiotika erhalten haben, wird von uns gegessen. Die Zahlen zu Krankheits- und Todesfällen aufgrund von multiresistenten Bakterien sind vermutlich weitaus höher als all das, was durch Corona zusätzlich eingefahren wurde. Auch ich werde noch einmal über bessere Lebensmittel nachdenken.
Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Mittwoch, 13. Mai 2020, 09:59

Unglaubliche Schlamperei!

Unglaubliche Schlamperei, infektiologischer Neglect und krankheitsfördernde Profitmaximierung!

Es ist nicht zu glauben: Ein Großteil der aktuell etwa 1.000 täglich gemeldeten SARS-CoV-2- Neuinfektionen und COVID-19-Erkrankungen sind auf erbärmlich vorschriftswidriges Verhalten bestimmter Schlachthof-Betreiber zurückzuführen. Unmenschliche Arbeitsbedingungen, fehlende Abstandsregeln und mangelhafte Hygienebedingungen in den Betrieben paaren sich mit unhygienischen Wohn- und Lebensbedingungen der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wie chinesische Wanderarbeiter auf engstem Raum zusammengepfercht.

Den Schlachthofbetreibern unterstelle ich Vorsatz, weil sie billigend in Kauf nehmen, dass von ihnen und ihren Betrieben profitorientiert schwere Krankheits-Gefahren für Leib und Leben ausgehen. Den in offener Kumpanei tätigen Aufsichtsbehörden und beteiligten Tierärzten unterstelle ich, dass sie gewissenlos billigend weitere COVID-19 Erkrankungen und Pandemie-Ausbreitungen fördern.

Strafrechtliche Ermittlungen und zivilrechtliche Schadensersatzansprüche sind jetzt von Amts wegen erforderlich.

Mf+kG, Dr. med. Thomas G. Schätzler, FAfAM Dortmund

PS: Als literarische Anregung aus WIKIPEDIA
"Die heilige Johanna der Schlachthöfe, kurz Heilige Johanna genannt, ist ein episches Theaterstück von Bertolt Brecht und seinen Mitautoren Elisabeth Hauptmann und Emil Burri. Es erzählt die Geschichte der Johanna Dark, die den ausgesperrten Arbeitern auf den Schlachthöfen Chicagos den Glauben an Gott näherbringen will. Angesichts des Elends versucht sie, den führenden Unternehmer der Fleischindustrie, Mauler, zu überreden, die Fleischfabriken wieder zu eröffnen, gerät dabei aber immer tiefer in den Strudel wirtschaftlicher Machenschaften der Fleischbosse. Schließlich begibt sie sich aus Protest zu den auf den stillgelegten Fleischhöfen im Schnee ausharrenden Arbeitern und wird Zeugin von Versuchen der Arbeiter, sich gegen die Bosse durch einen Generalstreik zur Wehr zu setzen. Als diese ihr eine wichtige Nachricht anvertrauen, unterschlägt sie diese aus Angst, gewalttätige Auseinandersetzungen zu verursachen. Dadurch scheitert der Streik. Am Ende erkennt die sterbende Johanna, dass ihre Hoffnung auf Gott und Verhandlungen mit den Kapitalisten gescheitert sind und dass sie den Arbeitern, denen sie helfen wollte, nur geschadet hat.
Das Stück greift verschiedene Themen auf. Mit Johannas Scheitern demonstriert Brecht die Vergeblichkeit sozialer Kompromisse in der Krise und die negative Wirkung religiöser Organisationen, die nur den Reichen und Mächtigen dienen."
LNS

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