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Medizin

COVID-19: Wie der Lockdown die Sterblichkeit beeinflusst

Mittwoch, 13. Mai 2020

/Riccardo Cirillo, stock.adobe.com

London − 1/5 der erwachsenen Bevölkerung hat nach einer Datenanalyse des britischen National Health Service (NHS) bei einer Infektion mit dem neuen Coronavirus SARS-CoV-2 ein erhöhtes Risiko, an COVID-19 zu sterben. Je nach Intensität der Gegen­maßnahmen könnte es in diesen Gruppen in Großbritannien innerhalb eines Jahres zu 37.000 bis 73.000 zusätzlichen Todesfällen kommen.

Dies zeigen im Lancet (2020; doi: 10.1016/S0140-6736(20)30854-0) veröffentlichte Berechnungen. Der Verzicht auf jegliche Maßnahmen könnte dagegen mehr als 500.000 zusätzlicher Todesfälle bedeuten.

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Der NHS bietet der Bevölkerung im Krankheitsfall eine kostenlose, über die Steuern finanzierte Behandlung an. Die meisten Erwachsenen haben sich registrieren lassen und ihre Daten werden zentral erfasst. Dies ermöglichte es Amitava Banerjee vom University College London und Mitarbeitern, die Häufigkeit der bekannten Risikofaktoren für eine schwere COVID-19 zu ermitteln.

Zu den Risikogruppen zählen neben 5,77 Millionen Personen über 70 Jahre noch 2,66 Millionen Personen mit chronischen Erkrankungen. Diese Personengruppen haben bereits ohne COVID-19 ein erhöhtes Risiko, innerhalb eines Jahres zu sterben – wie Banerjee anhand der Abgänge aus den NHS-Daten ermitteln konnte.

So sterben 8,62 % aller Menschen mit COPD innerhalb eines Jahres, bei den Diabetikern beträgt das Risiko 4,12 % und bei den über 70-jährigen 5,88 %. Personen mit 3 oder mehr Risikofaktoren haben in normalen Jahren ein 1-Jahres-Sterberisiko von 13,1 %. Bei jüngeren Erwachsenen ohne chronische Erkrankungen beträgt es dagegen nur 0,66 %.

Wie stark das Sterberisiko durch COVID-19 ansteigt, hängt zum einen von der Zahl der Erkrankungen ab. Dieser Faktor wird maßgeblich durch die Maßnahmen zur Eindämm­ung der Epidemie bestimmt. Banerjee berechnet mehrere Szenarien.

Neben einer vollständigen „Suppression“, bei der sich nur 0,001 % mit SARS-CoV-2 infizieren würden, waren dies eine partielle „Suppression“ mit einer Infektionsrate von 1 %, eine „Mitigation“-Strategie, die die Infektion auf 10 % begrenzt, und ein „do nothing“-Szenario, bei dem sich 80 % der Bevölkerung mit SARS-CoV-2 anstecken würden.

Diese Infektionszahlen setzt Banerjee mit den Auswirkungen von COVID-19 auf die Sterberate in Beziehung. Bei einem relativen Impact (RR) von 2,0 würde beispielsweise das 1-Jahres-Sterberisiko von Menschen mit 3 oder mehr Risikofaktoren von 13,1 auf 26,2 % steigen. Wie hoch der RR durch COVID-19 ist, ist nicht bekannt. Banerjee wählt hier 3 Szenarien (RR 1,5 oder 2,0 oder 3,0).

Die Berechnungen ergeben in dem wohl am meisten realistischen „Mitigation“-Szenario für Großbritannien bei einem RR von 1,5 schätzungsweise 18.374 zusätzliche Todesfälle durch COVID-19 innerhalb von einem Jahr. Bei einem RR von 2,0 wären es 36.749 und bei einem RR von 3,0 schätzungsweise 73.498 zusätzliche Todesfälle in einem Jahr.

Ohne jegliche Gegenmaßnahmen („do nothing“) würde es nach den Berechnungen von Banerjee zu 146.996 (RR = 1,5), 293.991 (RR = 2,0) und 587.982 (RR 3,0) zusätzlichen Todesfällen kommen.

Die Forscher haben im Internet einen Risiko-Kalkulator veröffentlicht, der die möglichen Auswirkungen auf die einzelnen Risikogruppen verdeutlichen soll.

Ein 66-jähriger Mann mit COPD hat danach beispielsweise ein 1-Jahres-Sterberisiko von 6,39 %. Bei 25.641 Patienten mit COPD in England sind dies in normalen Jahren 1.639 COPD-Todesfälle. Bei einer Infektionsrate von SARS-CoV-2 von 10 % und einem RR von 2,0 ergäben sich 164 zusätzliche durch COVID-19 bedingte Todesfälle. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #759489
MITDENKER
am Samstag, 16. Mai 2020, 12:36

Rechnereien führen oft zu verschiedenen Ergebnissen

Z.B. bezüglich des angesprochenen Themas zu solchen:
"2,500 extra non-Covid deaths in a week! Collateral damage from the lockdown?"
http://inproportion2.talkigy.com/collateral_judgement.html
LNS

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