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28 Millionen chirurgische Eingriffe weltweit aufgrund von COVID-19 verschoben

Freitag, 15. Mai 2020

/lenetsnikolai, stock.adobe.com

Berlin – Millionen von operativen Eingriffen werden derzeit weltweit aufgrund der COVID-19-Pandemie aufgeschoben, darunter auch zahlreiche Krebsoperationen – und es wird viele Monate, wenn nicht gar Jahre dauern, bis die dadurch entstandene Bugwelle wieder abgearbeitet sein wird. Das ist das Fazit einer jetzt im British Journal of Surgery veröffentlichten globalen Datenerhebung von Wissenschaftlern einer Abteilung des National Institute for Health Research (NIHR) der Universität Birmingham in England.

Zugrunde gelegt wurde ein Zeitraum von 12 Wochen, der je nach Land und Verlauf der Coronakrise zwar verschieden war, aber doch überall den jeweiligen Höhepunkt der Unterbrechungen von normalen Klinikabläufen umfasste.

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Aus dieser modellierten Abschätzung ergab sich, dass jede zusätzliche Woche, in der die Coronakrise die operativen Abteilungen zum Umdirigieren der Kapazitäten zwingt, weltweit etwa mit 2,4 Millionen weiteren Aufschüben chirurgischer Eingriffe einhergeht. Zusammengenommen errechnet sich für eine 12-wöchige Zeitspanne eine Zahl von insgesamt 28 Millionen erst einmal verschobener Operationen.

Die Daten stammen von detaillierten Angaben von 359 Kliniken aus 71 Ländern – die dann für 190 Länder hochgerechnet und in einer ausführlichen Excel­tabelle für jedes Land im Anhang der Publikation nachzulesen sind. Ein vergleichbarer Datensatz wurde bislang noch nicht erhoben oder publiziert.

Es ist die erste Originalarbeit der CovidSurg Collaborative Gruppe, einem internationalen Zusammenschluss von mehr als 5.000 Chirurgen aus mehr als 120 Ländern, der sich angesichts der aktuell bestehenden Herausforderungen durch die SARS-CoV-2 Pandemie zusammengefunden hat, um kurzfristig Daten zu erheben und auszuwerten, damit diese zukünftig als Orientierungshilfe für eine verbesserte Patientenversorgung dienen können.

„In diese Modellierungsstudie gingen auch die Daten einer Umfrage aus 34 deutschen Kliniken ein“ erläutert Markus Albertsmeier, Chirurg am Münchner LMU-Klinikum, der mit anderen deutschen Chirurgen bei CovidSurg mitarbeitet. Daraus ergibt sich zum Beispiel für Deutschland eine Zahl von 908.759 aufgeschobenen Operationen, darunter rund 850.000 elektive (oder gutartig genannte) Eingriffe.

Das sind 85 % verschoben aller elektiven Operationen. Außerdem sind 52.000 Krebs­operationen aufgeschoben worden, somit 24 % aller Eingriffe bei malignen Erkrankungen. Diese für 3 Monate projizierten deutschen Zahlen sind zwar längst nicht so hoch, wie die unlängst von der Rheinischen Fachhochschule Köln (2) auf 1,6 Millionen geschätzte Anzahl der zwischen Mitte März und Anfang Mai aufgeschobenen Operationen, aber dennoch substanziell. Die aktuell global erhobenen Daten gelten als valide, was auch ihre Vergleichbarkeit mit anderen Ländern belegt.

Ähnlich sehen sie nämlich beispielsweise für Frankreich oder die Vereinigten Staaten aus. Im Nachbarland sind es 700.000 und in den USA 3,8 Millionen verschobene Operationen. In beiden Ländern wurde knapp 1/3 derjenigen Operationen aufgeschoben, bei denen es um maligne Erkrankungen ging.

Nicht jeder Aufschub bei onkologisch indizierten Eingriffen muss mit einer Verschlech­terung der Prognose verbunden sein. Zudem bietet bei einigen Tumoren beispielsweise eine Strahlentherapie eine alternative Behandlungsmöglichkeit. „Die deutschen Kapazitäten werden allgemein so eingeschätzt, dass keine dringende Krebsoperation hinausgezögert werden muss“ betont Albertsmeier.

Je ärmer das Land, desto mehr Krebsoperationen werden aufgeschoben

Allerdings fällt auf, dass es global ein Gefälle gibt, das mit dem Reichtum eines Landes korreliert. Ganz klar zeigen die Originaldaten der Publikation: Je ärmer das Land, desto häufiger sind es keineswegs nur mehr die elektiv genannten Operationen wie etwa Gelenktotalendo­prothesen, die nicht mehr zeitnah vorgenommen werden können.

So werden in Norwegen ähnlich wie hierzulande nur 23 % der Krebsoperationen erst einmal verschoben, in Brasilien schon 44 %, in Vietnam 56 % und im Sudan sind es − wie im Durchschnitt vieler armer Länder – 72 %. Selbst in Ländern, die zu den „upper middle income“ Nationen zählen, betreffen bereits 43,4 % aller hinausgezögerten chirurgischen Eingriffe maligne Erkrankungen.

Damit fällt in Nationen, die sozioökonomisch immerhin an 2. Stelle von insgesamt 4 Kategorien (hohes, oberes mittleres, unteres mittleres und niedriges Einkommen) stehen, fast die Hälfte der Krebsoperationen dem Aufschub zum Opfer. Am häufigsten verschiebt man gynäkologische Tumorresektionen, solche des oberen Gastrointestinaltraktes, der Leber und Gallenwege, gefolgt von Malignomen im Kopf-Hals-Bereich, urologische Tumore und Darmkrebs. Bei den elektiven Eingriffen mussten am ehesten die Ortho­päden ihre Patienten vertrösten, in diesem Fach wurden weltweit 6,3 Operationen erst einmal hinausgezögert.

Die Studienautoren nehmen an, dass im Zuge der Coronakrise Betten für COVID-19-Kranke freigestellt worden sind. „Da Krankenhäuser in den sozioökonomisch am schlechtesten gestellten Ländern höchstwahrscheinlich limitierte Intensivbetten haben, müssen sie vermutlich einen Großteil der Krebsoperationen canceln, während die Häuser in den reicheren Ländern dies besser ausbalancieren können“, lautet die Hypothese von Studienautor Dmitri Nepogodiev von der NIHR Abteilung für Globale Chirurgie an der Universität Birmingham.

„Das heißt, fragile Gesundheitssysteme leiden am meisten“, betont der Forscher gegenüber dem Deutschen Ärzteblatt. Seiner Ansicht nach müssten alsbald Ressourcen dafür mobilisiert werden, damit der Rückstau an Operationen so rasch wie möglich aufgearbeitet werden kann.

Das ist jedoch nicht ganz einfach und auch nicht so rasch zu realisieren. Für das Hochfahren der Kapazitäten müssen überdies erheblich zusätzliche finanzielle Fördermittel bereitgestellt werden.

Welche Größenordnungen hier zu erwarten sind, rechnen die Autoren der aktuellen Studie ebenfalls am Beispiel Großbritannien vor. Danach würden die notwendigen Investitionen den National Health Service (NHS) rund 2 Milliarden englische Pfund kosten.

Um zum Beispiel überhaupt wieder OP-Kapazitäten hinzu zu gewinnen, müssten Operationssäale womöglich umgerüstet werden, beispielsweise mit Unterdruck-Flow-Systemen, mit deren Hilfe sich die infektiöse Aerosolbildung verringern lässt.

„Hält man sich an die Daten der jetzt publizierten wissenschaftlichen Arbeit, so könnte es, wenn die zuvor genannten Zahlen stimmen, zwischen 30 und 89 Wochen dauern, bis dieser Rückstand aufgeholt wäre − je nachdem ob der Durchsatz an Eingriffen um 10 beziehungswiese 30 % gesteigert würde“, gibt Andreas Schnitzbauer zu bedenken.

Aber grundsätzlich müsse auch dabei die Sicherheit der chirurgischen Patienten oberste Priorität haben. Denn es zeichnet sich zum Beispiel angesichts einer neuen Datene­rhebung der CovidSurg Collaborative Gruppe ab, dass Patienten selbst bei elektiven Eingriffen, wenn sie sich unmittelbar vor oder nach der Operation mit SARS-CoV-2 infizieren, erhöhte perioperative Risiken haben könnten.

„Wir glauben also, dass die derzeitigen durch die Coronavirus Pandemie hervorgerufenen Veränderungen auch in Deutschland zu neuen Herausforderungen für die chirurgische Versorgung führen, die nicht nur kurzfristig bestehen werden“, resümiert der stellvertretende Direktor der Viszeralchirurgie am Universitätsklinikum Frankfurt. © mls/aerzteblatt.de

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