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Ausland

Im Bann von Corona fehlt es an Maßnahmen gegen andere Krankheiten

Freitag, 15. Mai 2020

/shaadjutt36, stock.adobe.com

Paris − Wenn am kommenden Montag die Mitgliedsländer der Weltgesundheitsorganisa­tion (WHO) ihre virtuelle Jahresversammlung abhalten, wird der Kampf gegen die Corona­pandemie alles andere in den Schatten stellen.

Dabei töten andere, schon länger bekannte Infektionskrankheiten alljährlich Millionen Menschen − vor allem in Entwicklungsländern. Experten warnen, dass diese Todesfälle noch deutlich zunehmen werden, weil Behandlung und Impfungen gegen Krankheiten wie Masern und Aids durch die Coronapandemie ins Hintertreffen geraten.

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„Alles konzentriert sich auf den Kampf gegen COVID-19“, sagt Robin Nandy, der Leiter des Impfprogramms des UN-Kinderhilfswerks Unicef. „Die Gesundheitssysteme sind so belas­tet, dass mancherorts die Routineversorgung ausgesetzt wurde.“ Um Ansteckungen zu ver­meiden, soll das Gesundheitspersonal möglichst wenig Kontakt mit Patienten haben, also auch nicht mehr impfen.

37 Länder haben laut Unicef ihre Impfkampagnen unterbrochen. 117 Millionen Kinder könnten deshalb an Masern erkranken. Eine Kinderkrankheit, die gerade in Gegenden mit schlechter Gesundheitsversorgung tödlich enden kann. Schon vor der Pandemie starben täglich mehr als 2.500 Kinder an bakterieller Lungenentzündung. Würden sie behandelt, könnten Studien zufolge über 800.000 Todesfälle bei Kindern jedes Jahr verhindert wer­den.

In Nigeria sind Lungenentzündungen die hauptsächliche Todesursache bei Kleinkindern und es steht zu befürchten, dass durch die Coronapandemie noch mehr daran sterben. „Es kommen viele Kinder mit Atembeschwerden, aber sowohl die Diagnose als auch die Be­handlung sind für uns problematisch“, sagt Sanjana Bhardwaj, Unicef-Gesundheitsdirek­torin in Nigeria.

Die Demokratische Republik Kongo litt schon vor COVID-19 unter mehreren Epidemien. Seit Beginn des Masernausbruchs im vergangenen Jahr starben daran dort 6.000 Men­schen. Außerdem gibt es jedes Jahr etwa 13.000 Malaria-Tote. Zumindest die Ebola-Epi­demie schien überwunden, doch dann wurden im April neue Fälle gemeldet. „COVID-19 hat die Gefahren, die es immer schon gab, noch verstärkt“, sagt Alex Mutanganyi von der Hilfsorganisation Save The Children.

Auch die Behandlung von Tuberkulose (TBC) wird durch die Coronapandemie erschwert. Weltweit könnten bis zu 1,4 Millionen Menschen zusätzlich daran sterben, befürchtet die Initiative Stop TB. Tuberkulose ist mit etwa zehn Millionen Neuinfektionen und 1,5 Milli­o­nen Todesfällen pro Jahr die weltweit tödlichste Infektionskrankheit.

Dennoch wird deutlich weniger Geld in die Erforschung von TBC als von HIV oder CO­VID-19 investiert. Der einzige aktuelle TBC-Impfstoff ist mehr als 100 Jahre alt und wirkt nur bei sehr kleinen Kindern.

Die Entwicklung einer sicheren und universell einsetzbaren Impfung würde etwa 500 Millionen Dollar (461 Millionen Euro) kosten, sagt Lucica Ditiu von Stop TB. Zum Ver­gleich: In die Suche nach einer Impfung gegen COVID-19 werden Milliarden Dollar in­vestiert, etwa 70 mögliche Impfstoffe werden bereits an Menschen getestet.

„Wir beobachten mit Erstaunen, dass für eine 120 Tage alte Krankheit schon 100 Impf­stoff­kandidaten in der Pipeline sind“, sagte Ditiu. Sie erklärt sich das Ungleichgewicht bei den Forschungsgeldern so: „Tuberkulose ist eine Krankheit der Armen.“

In vielen Ländern haben auch chronisch Kranke Nachteile durch die Coronabekämpfung. Hunderte Millionen Menschen benötigen täglich Medikamente zum Beispiel gegen Dia­betes oder Bluthochdruck. Die Allianz gegen nicht übertragbare Krankheiten rief Ende April die Regierungen auf, dafür zu sorgen, dass Betroffene trotz der Pandemie behandelt werden − zumal diese Krankheiten zu Komplikationen bei einer SARS-CoV-2-Infektion führen können.

Versorgungsengpässe bei den Medikamenten durch die Pandemie bedrohten auch HIV-Infizierte in Afrika südlich der Sahara, warnte die WHO. Sollten die Lieferketten für die antiretroviralen Mittel ein halbes Jahr unterbrochen bleiben, könnte sich demnach die Zahl der Aids-Toten verdoppeln. © afp/aerzteblatt.de

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