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Medizin

Stammzelltherapie aus körpereigenen Zellen verbessert Motorik bei Parkinson-Patienten

Montag, 8. Juni 2020

/Dan Race, stock.adobe.com

Boston − Stammzellen, die aus einer Hautprobe gewonnen und im Labor in Dopamin-produzierende Zellen „umprogrammiert“ wurden, haben anderthalb und 2 Jahre nach der Implantation in das Gehirn einem US-Patienten mit Morbus Parkinson möglicherweise zu einer verbesserten motorischen Funktion verholfen. Dies geht aus den jetzt im New England Journal of Medicine (2020; 382: 1926-1932) vorgestellten Ergebnissen einer bisher einzigartigen Therapie hervor.

Der Morbus Parkinson gehört zu den ersten Erkrankungen, bei denen Stammzell­therapien erprobt wurden. Ende der 1980er Jahre wurden in den USA und in Schweden zunächst Patienten mit Gewebeproben aus dem eigenen Nebennierenmark behandelt, dessen Zellen in begrenztem Umfang Dopamin produzieren. Später wurden Zellen aus dem Gehirn von 8 bis 9 Gestationswochen alten Feten verwendet, was in den USA zunehmend auf ethische Bedenken traf. Die gesetzlichen Einschränkungen aber auch die nicht gerade überragenden Behandlungsergebnisse haben dazu geführt, dass die Behandlungen aufgegeben wurden.

Fortschritte in der Gewinnung von Stammzellen haben in den letzten Jahren das Interesse an der Behandlung wieder geweckt. Mit der Entwicklung der induzierten pluripotenten Stammzellen (iPS-Zellen) können die ethischen Barrieren umgangen werden. Weil die Zellen sich aus einer Hautprobe des Patienten herstellen lassen, werden keine Feten als Zellspender benötigt. Und da die Zellen vom Patienten selbst stammen, sind nach der Implantation keine Abstoßungsreaktionen zu befürchten.

Die Patienten benötigen nach der Behandlung keine immunsupprimierenden Medika­mente. Auch die Sicherheitsbedenken gegen die iPS-Zellen scheinen ausgeräumt zu sein, seit für die „Umprogrammierung“ keine Viren mehr benötigt werden. Es wird nicht mehr befürchtet, dass die Gene möglicherweise an eine „falsche Stelle“ in die DNA der Zellen eingebaut werden und durch die Aktivierung von Onkogenen ein Krebswachstum auslösen.

Im Herbst 2017 führte ein Team um Kwang-Soo Kim vom McLean Hospital in Boston erstmals eine Stammzelltransplantation bei einem 69 Jahre alten Patienten durch. Aus einer Hautbiopsie wurden Fibroblasten isoliert und im Labor in iPS versetzt. Die iPS wurden dann in dopaminerge Vorläuferzellen differenziert und dem Patienten in das linke Putamen implantiert. 6 Monate später wurde die Operation auf der rechten Seite wiederholt.

Die Funktion der implantierten Stammzellen wurde seit der Operation mehrmals mit einer Positronen-Emissions-Tomografie untersucht. Dabei wurde ein Tracer (18F-DOPA) verwendet, der an das Enzym DOPA-Decarboxylase bindet. Es ist an der Produktion des Neurotransmitters Dopamin beteiligt, dessen Mangel für die Symptome des Morbus Parkinson verantwortlich ist.

In den ersten 3 Monaten kam es zunächst zu einem Rückgang der 18F-DOPA-Signale, so dass ein Untergang der Stammzellen befürchtet wurde. Inzwischen scheint die Produk­tion wieder zugenommen zu haben, was sich möglicherweise auf die Symptome des Patienten ausgewirkt hat.

Nach den von Kim vorgestellten Ergebnissen verbesserten sich über 24 Monate die Werte im Teil III der MDS-UPDRS („Unified Parkinson's Disease Rating Scale“ der „Movement Disorder Society“), der die motorischen Fähigkeiten des Patienten bewertet. Im PDQ-39 („Parkinson’s Disease Questionnaire“) zur Lebensqualität kam es sogar zu einer deutlichen Verbesserung. Der Patient wird nach 24 Monaten noch mit denselben Medikamenten behandelt wie vor der Stammzelltherapie.

Die Levodopa-Äquivalente konnten leicht von 904 mg auf 847 mg gesenkt werden. Das ist zwar nur ein Rückgang um 6 %. Da die Dosis aber normalerweise im Verlauf der Erkrankung immer weiter gesteigert werden muss, ist dies durchaus ein beachtliches Ergebnis. Auch die „off“-Zeiten, in denen die Medikamente vorübergehend ihre Wirkung verlieren, sind mit weniger als 1 Stunde pro Tag relativ kurz.

Zu bedenken ist, dass der offenbar vermögende Patient das Forschungsprojekt zu erheblichen Teilen selbst finanziert hat. Die damit verbundene Motivierung könnte die Ergebnisse, vor allem in der PDQ-39-Skala, mit erklären. Es bleibt abzuwarten, ob die Forscher die Gelder für eine Anschlussstudie zusammenbekommen. Dort müsste die Behandlung an einer größeren Zahl von Patienten am besten mit einer Scheintherapie verglichen werden. Erst danach ließe sich der Stellenwert der Stammzelltherapie beurteilen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #832950
Tommiks
am Dienstag, 16. Juni 2020, 22:01

Was macht Deutschland?

Mich würde es interessieren, was wir in Deutschland diesbezüglich unternehmen. Denn ich als Parkinson Kranker sehe in Deutschland keine Therapie bezüglich der Stammzellenbehandlung. Wir warten nur darauf, dass die Amis oder andere Nationen irgendetwas erfinden und wir kopieren. Schade und ärgerlich.
Avatar #709704
davinci97
am Dienstag, 9. Juni 2020, 22:49

Stammzelltherapie bei Parkinsonpatienten

Würde so umprogrammierten Stammzellen nicht auch weitere Therapie-Optionen (z. B. beim RLS) eröffnen?
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