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Medizin

SARS-CoV-2: Psychiater befürchten Zunahme mentaler Erkrankungen

Dienstag, 19. Mai 2020

/sudok1, stock.adobe.com

London − Die meisten Menschen erholen sich von schweren Coronainfektionen wie SARS, MERS und vermutlich auch COVID-19 ohne psychische Folgen. Eine Meta-Analyse in Lancet Psychiatry (2020; doi: 10.1016/S2215-0366(20)30203-0) lässt jedoch befürchten, dass der Aufenthalt auf einer Intensivstation und eine mechanische Beatmung bei einigen COVID-19-Patienten gravierende mentale Störungen hinterlassen könnten.

Derzeit gibt es erst wenige Untersuchungen zu den Auswirkungen einer Infektion mit SARS-CoV-2 auf die Psyche. Jonathan Rogers vom University College London und Mitarbeiter fanden bei ihren Recherchen nur 12 Studien (darunter 7 noch nicht begutachtete „preprints“) mit 976 Patienten. Um die Datenbasis zu erweitern, haben die Forscher deshalb 47 Studien zu SARS-CoV und 13 Studien zu MERS-CoV in ihre Analyse einbezogen. SARS-CoV hat 2002/3 eine kurze aber heftige Pandemie ausgelöst, MERS-CoV verursacht in einigen arabischen Ländern weiterhin vereinzelt schwere Erkrankungen.

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Schon während der Behandlung kam es bei SARS- oder MERS-Patienten häufig zu psychiatrischen Symptomen. Dazu gehörten Verwirrung (27,9 %), depressive Verstimmungen (32,6 %), Angstzustände (35,7 %), Gedächtnisstörungen (34,1 %) und Schlaflosigkeit (41,9 %). In einer Studie wurde bei SARS-Patienten auch eine Steroid-induzierte Manie oder eine Psychose (0,7 %) diagnostiziert.

Nach der Entlassung kam es bei 10,5 % der SARS/MERS-Patienten zu depressiven Verstimmungen, bei 12,1 % zu Schlaflosigkeit und bei 12,3 % zu Angstzuständen. 12,8 % klagten über eine vermehrte Reizbarkeit, 18,9 % über Gedächtnisstörungen, 19,3 % über Abgeschlagenheit. In einer Studie wurden bei 30,4 % der Patienten eine posttrauma­tische Belastungsstörung und bei allen Patienten Schlafstörungen diagnostiziert.

Rogers schätzt in seiner Meta-Analyse die Punktprävalenz, also die Häufigkeit zu einem bestimmten Zeitpunkt, auf 32,2 % für eine posttraumatische Belastungsstörung, auf 14,9 % für Depressionen und auf 14,8 % für Angststörungen. Nur 76,9 % der Patienten kehrten in den ersten 3 Jahren an ihren Arbeitsplatz zurück.

Die Entwicklung nach einer COVID-19-Erkrankung lässt sich derzeit noch nicht beurteilen. Die ersten Studien zeigen jedoch, dass es bei Intensivpatienten häufig zu einem Delirium (69 %) kommt. Bei 21 % der Patienten, die später verstorben sind, wurden vorher Bewusst­seinsstörungen diagnostiziert. In einer Studie hatten 33 % bei der Entlassung ein Frontalhirnsyndrom.

Die Ursache der Störungen ist nicht bekannt. Rogers vermutet, dass mehrere Faktoren eine Rolle spielen. Dazu könnten neben einem Sauerstoffmangel infolge der Pneumonie auch Durchblutungsstörungen gehören, etwa infolge einer erhöhten Thromboseneigung. Auch immunologische Folgen des Zytokinsturms, zu dem es bei vielen Patienten kommt, seien vorstellbar. Rogers hält auch eine Infektion des Gehirns mit SARS-CoV-2 für möglich. Dies sei für andere Coronaviren dokumentiert.

Aber auch gesellschaftliche Umstände einschließlich der sozialen Isolation und die psychischen Reaktionen auf eine neue schwere und potenziell tödliche Krankheit oder die Sorge, andere Menschen zu infizieren, oder durch die Infektion sozial stigmatisiert zu werden, könnte es den Patienten erschweren, ihre Krankheit psychisch zu verarbeiten, meint Rogers. © rme/aerzteblatt.de

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