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E-Zigarette könnte bei Rauchentwöhnung wichtiger werden

Mittwoch, 27. Mai 2020

/picture alliance, Friso Gentsch

Berlin – E-Zigaretten könnten effektiver zur Rauchentwöhnung eingesetzt werden, als dies bislang der Fall ist. So lautet das Fazit eines vom Institut für Suchtforschung (ISFF) an der Frankfurt University of Applied Sciences initiierten Symposiums zum aktuellen Wissenstand über den elektronischen Zigarettenersatz. Obwohl ein vollständiger Umstieg von Tabak- auf E-Zigaretten eine deutliche Schadensminderung bewirke, würden sie kaum empfohlen. Die Gründe sind vielfältig.

Deutschland ist noch immer ein Raucherland. Im Vergleich der Global Burden of Disease Study von 195 Ländern lag die Bundesrepublik 2017 mit 16,3 Millionen Rauchern auf Platz neun. Rund 120.000 Menschen sterben hierzulande jedes Jahr an den Folgen des Rauchens. „Dieses größte vermeidbare Risiko wird in Deutschland nicht entschlossen ge­nug angegangen“, meinte Heino Stöver, Geschäftsführender Direktor des ISFF, der das Symposium moderierte.

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„Abstinenz ist natürlich das von allen gewünschte Ziel“, so Stöver. Doch dabei handele es sich um eine Maximalforderung. In der Behandlung von Rauchern müsse es mehr Zwi­schen­­töne geben, risikoreduzierende Alternativen stärker beworben werden. Die Akzep­tanz der E-Zigarette als Ausstiegshilfe scheitert nach Ansicht der Teilnehmer bislang je­doch an mehreren Hürden.

Dualen Konsum vermeiden

So würden gesundheitliche Risiken durch E-Zigaretten in der deutschen Bevölkerung falsch eingeschätzt. Eine 2019 durchgeführte Umfrage des Bundesinstituts für Risikobe­wertung (BfR) zeigt, dass mit 37 Prozent der überwiegende Teil der Befragten gesund­heit­liche Risiken durch die E-Zigarette als gleich hoch wie die von Tabakziga­retten ein­schätzt. 15 Prozent halten sie sogar für viel höher.

Dieser Glaube ist der Umfrage zufolge vor allem unter aktuellen Tabakrauchern verbrei­tet. „Da viele davon überzeugt sind, dass es ohnehin keinen Unterschied macht, rauchen sie sowohl Tabak- als auch E-Zigaretten“, erklärte Thomas Hering, Facharzt für Pneumo­logie, Allergologie und Schlafmedizin in Berlin. Dieser duale Konsum sei unbedingt zu vermeiden.

Schon wenige Tabakzigaretten am Tag hätten deutlich schädigende Wirkung auf die Lunge während das Risiko bei E-Zigaretten mit guter Wahrscheinlichkeit weit geringer sei. Nur mit hundertprozentigem Verzicht auf Tabak ließen sich Vorteile im Sinne der Risikoreduzierung durch die E-Zigarette erzielen. „Wünschenswert wäre hier eine ver­hal­tenstherapeutische Unterstützung, um die duale Nutzung zu unterbinden“, so Hering.

„Zum Zusammenhang von E-Zigaretten und COVID-19 gibt er derzeit noch kein Wissen“, sagt Dr. med. Thomas Hering, Facharzt für Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin in Berlin. Daten unter anderem aus China legten aber nahe, dass Tabakzigaretten das Risiko einer intensivmedizinischen Behandlung bei COVID-19 Patienten erhöhen könnten. Derzeit laufende Studien zu einem möglicherweise positiven Effekt von Nikotin würden den Stoff isoliert, also unabhängig vom Rauchen betrachten.

Zu einer solchen Betreuung hätten aber viele Raucher keinen Zugang. Rauchen korreliere häufig mit geringem Einkommen sowie einem niedrigen Bildungsniveau. Da die Antrag­stellung für eine professionell begleitete Entwöhnung häufig komplex sei, Versicherte zu­dem oft in Vorleistung treten müssten und nur geringe Zuschüsse von den Krankenkassen erwarten könnten, würden nur wenige seiner rauchenden Patienten diese Angebote nut­zen.

Doch auch verlässliche, öffentlich zugängliche Informationen sind nur schwer zu be­komm­en. Denn offizielle Stellen im Gesundheitswesen hadern nach Ansicht der Sympo­siumsteilnehmer bislang damit, den elektronischen Zigarettenersatz zur Rauchentwöh­nung zu empfehlen oder größere Studien in Deutschland zu fördern − teils aus Sorge auf diesem Wege zugleich eine mögliche Einstiegsdroge für Jugendliche zu bewerben, teils aufgrund veralteter oder unklarer Studienergebnisse.

Tatsächlich gibt es zu den Gesundheitsauswirkungen von E-Zigaretten generell sowie dem Krebsrisiko im Speziellen bislang nur wenige Erkenntnisse. Vereinzelte Studien haben diesen Zusammenhang untersucht. Eine britische Meta-Analyse verweist etwa auf eine Arbeit von Stephens und Kollegen aus dem Jahr 2017, nach der E-Zigaretten nur 0,4 Prozent des Krebspotenzials von Tabakzigaretten aufweisen. Eine Untersuchung des BfR attestierte E-Zigaretten eine erhebliche Reduktion von gesundheitsschädlichen Emissio­nen um 80 bis 99 Prozent im Vergleich zur Tabakzigarette. Langzeitdaten stehen bislang noch aus.

Risikokommunikation muss kommuniziert werden

„Risikoabschätzung kann aber einen Teil dieser Wissenslücken schließen“, meint Martin Storck, Klinikdirektor der Gefäß- und Thoraxchirurgie am Städtischen Klinikum in Karls­ruhe.

Eine Modellierung von Todesfällen in den USA von Levy und Kollegen aus dem Jahr 2017 zeigte etwa selbst für ein pessimistisches Szenario noch eine Verringerung der vorzeiti­gen Todesfälle um 1,6 Millionen, wenn Tabakzigaretten über einen Zehn-Jahres-Zeitraum durch E-Zigaretten ersetzt würden. Verschiedene Methoden der Risikoabschätzung wür­den das Potenzial von E-Zigaretten zur Risikoreduktion stützen, so Storck, dies müsse von offizieller Stelle auch so an Raucher kommuniziert werden.

Denn noch immer versucht eine überwiegende Mehrheit der Raucher in Deutschland den Ausstieg ohne Hilfsmittel, wie eine erst in diesem Jahr veröffentlichte Befragung von Kotz und Kollegen zeigt. Knapp 60 Prozent setzen demnach auf die eigene Willenskraft.

„Allerdings schaffen es nur etwa 16 Prozent der Raucher auf diese Weise aufzuhören“, sagte Storck. Die offiziell empfohlene Methode der verhaltenstherapeutischen Unterstüt­zung sowie Nikotinersatz nutzten nur 6,9 beziehungsweise 7,6 Prozent. Etwas mehr als zehn Prozent griffen der Befragung zufolge zu E-Zigaretten.

Dass diese eine empfehlenswerte Option zur Schadensminderung sein könnten, wenn die leitliniengerechten Methoden nicht infrage kommen oder nicht zum Erfolg führen, glaubt auch Ute Mons vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg.

Sie verweist auf eine Untersuchung von Hajek und Kollegen von 2019, bei der unter an­de­rem E-Zigaretten anderen Nikotinersatzprodukten gegenübergestellt wurden. Nach 52 Wochen waren demnach immer noch 18 Prozent der Teilnehmer, die zur E-Zigarette ge­wechselt waren abstinent, bei den anderen Nikotinersatzprodukten waren es nur neun Prozent.

Auch Mons plädiert für eine ausgewogenere Risikokommunikation mit mehr Aufklärung für Raucher und fordert mehr Forschung zum Einsatz der E-Zigaretten in der Entwöh­nung.

Konsum durch Jugendliche dringend vermeiden

Während die Diskussion um den Nutzen der E-Zigarette in der Rauchentwöhnung andau­ert, sind sich viele Stellen einig, dass der Konsum durch Jugendliche dringend vermieden werden muss. Am Freitag findet in diesem Zusammenhang eine erste Beratung statt, um das Werbeverbot nicht nur für herkömmliche Tabakerzeugnisse, sondern auch für E-Ziga­retten auf den Weg zu bringen.

„Es ist gut und richtig, dass der Gesetzgeber endlich ein Verbot von Tabakwerbung auf den Weg bringen will“, sagte Klaus Reinhardt, Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK). Angesichts von rund 120.000 Tabaktoten jährlich benötige man umfassende Regelungen, die möglichst schnell umgesetzt und kurzfristig wirksam werden müssten. © alir/aerzteblatt.de

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Avatar #767798
Cryonix
am Mittwoch, 27. Mai 2020, 22:13

Einen bemerkenswerten Artikel von Dr. Ute Mons

hat das ÄB in der aktuellen Ausgabe herausgegeben. Unter dem Titel "Masse-statt-Klasse" setzt sie sich kritisch mit vorschnell veröffentlichten Studien zum Thema E-Zigarete auseinander.

https://www.aerzteblatt.de/archiv/214130/E-Zigaretten-Studien-Masse-statt-Klasse
LNS

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