NewsMedizin„Wir werden uns noch lange mit dieser Situation auseinandersetzen müssen“
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...

Medizin

„Wir werden uns noch lange mit dieser Situation auseinandersetzen müssen“

Samstag, 30. Mai 2020

Alexandria/Köln – Krebskanke sind Risikopatienten für Infektionen mit dem neuartigen Coronavirus SARS-CoV-2 und für schwere Verläufe der dadurch verursachten Erkrankung COVID-19. Die American Society of Clinial Oncology (ASCO) sieht in der SARS-CoV-2-Pandemie eine „extrem große Herausforderung“ für Tumorpatienten und ihre Versorgung, so eine Mitteilung vorab.

Obwohl es bei vielen Fragen zu diesem Thema erst vorläufige Daten aus Studien oder Registern gebe, habe die ASCO die Coronaviruspandemie zu einem Schwerpunkt ihrer Tagung gemacht. Sie findet wegen der Coronapandemie virtuell statt, um Ärzte und ihre Patienten zu schützen. Zu den wesentlichen Aufgaben gehöre jetzt, den internationalen Erfahrungsaustausch und die transnationale Forschung zu Malignompatienten und COVID-19 zu fördern und durch Vernetzung zu intensivieren, so die ASCO.

Prof. Dr. med. Carsten Bokemeyer ist Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie und Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik um Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Er erläutert praxisrelevante Fragen zu diesem Thema.

5 Fragen an Carsten Bokemeyer, Direktor der II. Medizinischen Klinik und Poliklinik am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE)

DÄ: In den USA wurde rasch nach dem Ausbruch der SARS-CoV-2-Pandemie das Konsortium COVID-19 and Cancer (CCC19) gegründet. Aus diesem Register gibt es Daten der ersten fast 1 000 Krebspatienten mit COVID-19. Die Sterblichkeit in dieser Kohorte lag bei circa 10 %. Überrascht Sie das?
Carsten Bokemeyer: Das überrascht mich nicht. Es war zu erwarten, dass die Sterblichkeit bei Malignompatienten mit COVID-19 höher ist als in der Allgemeinbevölkerung. Aus China waren uns initial sogar noch alarmierendere Zahlen bekannt geworden. Sowohl das Risiko, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren, ist vermutlich erhöht, als auch das Risiko für schwere und tödliche Verläufe der Erkrankung.

Diese aktuell vorgestellte Registeranalyse konnte natürlich nur ein kurzes Zeitintervall abdecken, es sind circa 6 Wochen. Ein erhöhtes Mortalitätsrisiko war assoziiert mit Faktoren, die unseren Beobachtungen in Deutschland entsprechen: höherem Alter der Patienten, schlechtem Allgemeinzustand und Anzahl der Komorbiditäten. In der Registeranalyse kam eine aktive, also progrediente Krebserkrankung als Risikofaktor hinzu.

Wichtig wäre zu wissen, woran die Patienten gestorben sind: an COVID-19, am Malignom oder an beidem? Unsere Beobachtungen deuten daraufhin, dass das Malignom und zusätzliche Risikofaktoren bei den meisten Patienten zusammenwirken. Wir benötigen natürlich nun auch Daten zur Frage, ob bestimmte systemische Therapien bei Patienten mit COVID-19 das Risiko für schwere Verläufe beeinflussen.

DÄ: Haben Sie schon Krebspatienten mit COVID-19 behandelt?
Bokemeyer: Ja, und wir haben für diese Patienten ein spezielles interdisziplinäres Tumorboard implementiert, an dem zusätzlich Krankenhaushygieniker und Infektiologen teilnehmen. Das hat sich bewährt. Fragen sind zum Beispiel: Könnten Krebskranke mit überstandender COVID-19-Erkrankung länger infektiös sein als andere, weil sie weniger Antikörper bilden und länger PCR-positiv bleiben? Könnte SARS-CoV-2 bei rekonvales­zenten Tumorkranken sogar reaktiviert werden und wie lange und in welchen Zeitab­ständen sollten wir sie nach der Genesung noch testen? Wann kann die Therapie wieder starten?

Das sind Fragen, über die wir jetzt in der Praxis täglich entscheiden müssen. Es sind aber natürlich auch Fragen an die Forschung, für die in Deutschland ebenfalls Strukturen geschaffen wurden, unterstützt mit Bundesmitteln. Wichtig wäre, dass sich nicht nur akademische Zentren oder größere Krankenhäuser an dieser Forschung beteiligen, sondern auch niedergelassenene Hämatologen und Onkologen ihre Daten beisteuern. Hier sind selbstverständlich auch internationale Projekte wichtig, besonders auch die europäische Perspektive.

Podiumsdiskussion „Gesundheit in Krisenzeiten“ am Montag, den 1. Juni von 19.00 bis 20.00 Uhr bei www.asco-direct.de

DÄ: Welche Fragen stellen sich für die Therapie?
Bokemeyer: Von den größeren Problemkreisen möchte ich zwei herausgreifen. Sie betreffen die mögliche Interaktion der Tumorerkrankung mit der Virusinfektion. Bei Tumorentitäten, die zu den B-Zell-Malignomen gehören wie bestimmte Leukämieformen oder Non-Hodgkin-Lymphome und Myelome, ist die Antikörperbildung schon durch die Tumorerkrankung gestört, weil B-Lymphozyten nicht oder nur vermindert funktionsfähig sind.

Mit der Therapie möchten wir aber gerade diese Zellpopulationen, aus denen die Tumorzellen stammen, dezimieren, also zum Beispiel die B-Lymphozyten und deren Vorläufer. Wir geben beispielsweise Antikörper gegen B-Zellepitope wie Rituximab oder Bcl-2 Inhibitoren wie Venetoclax.

Die Frage ist dann natürlich: Schaden wir Patienten mit einer SARS-CoV-2-Infektion durch derartige Therapieansätze? Sollten wir – zumindest vorübergehend – alternative Behandlungen wählen? Oder können diese Patienten auch über T-Lymphozyten eine gewisse Abwehr gegen das neuartige Coronavirus aufbauen, so dass andere Wege der Immunabwehr ausreichend funktionieren? Und wenn ja, bildet sich ein T-Zell-Gedächtnis aus?

DÄ: Und der zweite Problemkreis?
Bokemeyer: Der zweite Problemkreis betrifft Gerinnungsstörungen. Wir wissen, dass das Thrombose- und Embolierisiko bei vielen soliden Tumoren erhöht ist. Diesen Patienten geben wir oft ohnehin eine Thromboseprophylaxe, aber bei COVID-19-Erkrankung wird sie nun intensiviert.

Warum? Weil wir gesehen haben, dass COVID-19 bei bis zu 50 % der schwer erkrankten Patienten zu Thrombosen und Embolien führt. Jetzt erhalten selbst COVID-19-Krebs­patienten mit einer therapiebedingten verminderten Thrombozytenzahl bei uns am UKE Gerinnungshemmer, natürlich individuell angepasst. Dabei gehen wir davon aus, dass das Risiko für COVID-19-verursachte Thrombosen und Thromboembolien das Blutungs­risiko der Gerinnungshemmung überwiegt.

DÄ: Könnte aus dieser Krise etwas Positives bleiben für die Versorgung nach der SARS-CoV-2-Ära?
Bokemeyer: Zunächst einmal: soweit sind wir nicht, noch lange nicht. Ich persönlich glaube, diese Pandemie wird uns noch einige Zeit beschäftigen. Gerade bei Krebspatien­ten wird es eine Herausforderung sein, die Versorgung zeitnah an die sich verändernden Bedingungen und Risiken anzupassen und dies kontinuierlich beizubehalten.

Wir müssen jetzt auch noch den Therapiestau abarbeiten, denn bis zu 20 % der Tumoroperationen wurden in Deutschland in den letzten 3 Monaten verschoben. Auch für das Screening müssen wir wieder umfassende Angebote schaffen. Allerdings hielte ich es in Deutschland noch für etwas verfrüht, Screeninguntersuchungen auf Darmkrebs durch Koloskopie in vollem Umfang wieder anbieten zu können.

Kongress-Highlights

Tägliche Highlight-Sessions und Diskussionsrunden, die die neuesten Erkenntnisse fachgerecht aufbereiten unter www.asco-direct.de

Andererseits haben wir sehr positive Erfahrungen mit der Telemedizin gemacht: sowohl in der virtuellen Beratung von Patienten, als auch mit webbasierten Meetings. Es lassen sich unkompliziert mehrere Disziplinen in die individuelle Beratung mitaufnehmen, zum Beispiel die Ernährungsberatung, die psychoonkologische Betreuung, Sozialberatung und einiges mehr. Von solchen positiven Erfahrungen können wir langfristig profitieren.

Bitte Link einfügen: Podiumsdiskussion „Gesundheit in Krisenzeiten“ am Montag, den 1. Juni von 19.00 bis 20.00 Uhr bei ASCOdirect © nsi/aerzteblatt.de

Liebe Leserinnen und Leser,

diesen Artikel können Sie mit dem kostenfreien „Mein-DÄ-Zugang“ lesen.

Sind Sie schon registriert, geben Sie einfach Ihre Zugangsdaten ein.

Oder registrieren Sie sich kostenfrei, um exklusiv diesen Beitrag aufzurufen.

Loggen Sie sich auf Mein DÄ ein

E-Mail

Passwort


Mit der Registrierung in „Mein-DÄ“ profitieren Sie von folgenden Vorteilen:

Newsletter
Kostenfreie Newsletter mit täglichen Nachrichten aus Medizin und Politik oder aus bestimmten Fachgebieten
cme
Nehmen Sie an der zertifizierten Fortbildung teil
Merkfunktion
Erstellen Sie Merklisten mit Nachrichten, Artikeln und Videos
Kommentarfunktion und Foren
Kommentieren Sie Nachrichten, Artikel und Videos, nehmen Sie an Diskussionen in den Foren teil
Job-Mail
Erhalten Sie zu Ihrer Ärztestellen-Suche passende Jobs per E-Mail.

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

LNS

Nachrichten zum Thema

15. Juli 2020
Berlin – Die Bundesregierung geht davon aus, dass „der umfassende Zugang zu Genomdaten und anderen medizinischen Daten die Behandlung und Erforschung von Krankheiten entscheidend voranbringen“ kann.
EU-Genomregister soll Informationen über COVID-19-Verläufe liefern
15. Juli 2020
Bonn – Die Kultusministerkonferenz (KMK) hat gestern einen gemeinsamen „Rahmen für aktualisierte Infektionsschutz- und Hygienemaßnahmen“ für die Länder beschlossen. Dieser soll als Orientierung bei
COVID-19: KMK beschließt Hygienemaßnahmen für kommendes Schuljahr
15. Juli 2020
Berlin – Die von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) befürworteten Ausreisesperren für Regionen mit akutem SARS-CoV-2-Ausbruch stoßen auf Widerstand in den Ländern. Sachsen-Anhalts Ministerpräsident
Widerstand aus Bundesländern gegen Ausreisesperren
15. Juli 2020
Halle – Weltweit sind verschiedene Ansätze zur digitalen Kontaktnachverfolgung im Zusammenhang mit der Coronapandemie im Einsatz. Die bislang aus wissenschaftlicher Perspektive gesammelten Erfahrungen
COVID-19: Leopoldina diskutiert Rolle der Tracing-Apps
15. Juli 2020
Köln – Die Coronapandemie hat ein Schlaglicht auf die Kran­ken­haus­struk­tu­ren in Deutschland geworfen und die Diskussion darüber weiter entfacht, wie das System umgestaltet werden sollte. Das Deutsche
„Es fehlt der Anreiz, in die Ausbildung junger Ärzte zu investieren“
15. Juli 2020
Washington – Die US-Biotech-Firma Moderna plant noch in diesem Monat mit einer Phase-III-Studie ihres SARS-CoV-2-Impfstoffkandidaten mRNA-1273 zu starten. Die gestern im New England Journal of
SARS-CoV-2-Impfung: Weitere Phase-III-Studien sollen noch im Juli starten
15. Juli 2020
Regensburg – Viele SARS-CoV-2-Infizierte berichten von neurologischen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen oder einem Verlust des Geruchssinns. Bei leichten bis mittelschweren Verläufen konnte jedoch
LNS LNS

Fachgebiet

Stellenangebote

    Anzeige

    Aktuelle Kommentare

    Archiv

    NEWSLETTER