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Politik

Hohes Risiko für SARS-CoV-2-Infek­tionen bei Geflüchteten in Sammel­unterkünften

Freitag, 29. Mai 2020

/picture alliance, Christoph Schmidt

Berlin – Flüchtlinge in Sammelunterkünften sind besonders gefährdet, sich mit SARS-CoV-2 zu infizieren und an COVID-19 zu erkranken. Das ist das Ergebnis einer Studie un­ter Leitung des Epidemiologen Kayvan Bozorgmehr von der Universität Bielefeld, die heute veröff­ent­licht wird.

„Basierend auf unserer Untersuchung ist das Ansteckungsrisiko für Bewohnerinnen und Bewohner einer Sammelunterkunft bei Auftreten einer Coronainfektion als hoch einzu­schätzen“, sagte Bozorgmehr dem Deutschen Ärzteblatt.

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„Tritt ein Fall auf, lag das mittlere Risiko ebenfalls positiv auf SARS-CoV-2 getestet zu werden für die Bewohner über alle 42 von uns untersuchten Einrichtungen hinweg bei 17 Prozent.“ Es bestünde aber eine große Varianz, erklärte der Epidemiologe. „In einigen Ein­richtungen lag das Risiko deutlich unter diesem Wert, bei anderen hingegen um ein Viel­faches darüber.“

Der Professor für Public Health und Leiter der Arbeitsgruppe Bevölkerungsmedizin und Versorgungsforschung der Fakultät für Gesundheitswissenschaften der Universität Biele­feld analysierte in den vergangenen Wochen gemeinsam mit Wissenschaftlern des Kom­pe­tenznetzes Public Health COVID-19 Infektionsdaten aus 42 Aufnahmeeinrich­tungen und Gemeinschaftsunterkünften für Geflüchtete in elf Bundesländern. Dabei zeigte sich: In den betroffenen Sammelunterkünften wurden von 9.785 Geflüchteten insgesamt 1.769 Personen positiv auf SARS-CoV-2 getestet.

Ansteckungsrisiko von 17 Prozent

Statistisch ergibt sich daraus ein Ansteckungsrisiko von 17 Prozent für alle anderen Be­wohner der berücksichtigten Unterkünfte. „Diese Ergebnisse lassen sich allerdings nicht auf alle Geflüchteten übertragen, da wir nur Sammelunterkünfte untersucht haben, in denen mindestens ein Fall auftrat“, erklärt Bozorgmehr, „unsere Erhebung zeigt jedoch deutlich: Wenn sich in einer Sammelunterkunft eine SARS-CoV-2-Infektion bestätigt, dann ist das Risiko einer Infektion für alle anderen Menschen in dem Heim ebenfalls hoch und liegt bei etwa 17 Prozent.“ Vergleichbar sei diese Zahl mit dem Ausbreitungs­risiko auf Kreuz­fahrtschiffen.

Die Ursache sei die große räumliche Nähe der Menschen in den Sammelunterkünften, so Oliver Razum, Co-Autor der Studie und Leiter der Arbeitsgruppe Epidemiologie & Inter­na­tional Public Health der Fakultät für Gesundheitswissenschaften. Die beengten Verhält­nisse begünstigten eine rasche Ausbreitung. Hinzu komme, dass sich viele Personen we­nige Küchen, Toiletten und Duschen teilen müssten.

Daher wäre Bozorgmehr zufolge eine Reduzierung der Belegungszahlen, eine dezentrale Unterbringung in Aufnahmeeinrichtungen, eine Unterbringung in Einzelzimmern und kleinen Wohneinheiten der beste Schutz vor gegenseitiger Ansteckung. „Keine Maßnah­me kann ein Auftreten der Infektion zu 100 Prozent verhindern“, sagte der Epidemiologe. Wichtig sei daher, dass die Unterbringung coronaschutzkonform erfolge. So ließe sich bei Auftreten einer Infektion die Ausbreitung und gegenseitige Ansteckung verhindern.

Kollektivquarantäne häufig

In ihrer Studie untersuchten die Wissenschaftler auch, welche Maßnahmen angeordnet wurden, um die Ausbreitung in den Heimen einzudämmen. Das Ergebnis: In den meisten betroffenen Einrichtungen (71 Prozent) wurde eine Kollektivquarantäne eingeleitet. Es wurden also auf alle Bewohner Kontakt- und Ausgangssperren verhängt, auch wenn sie nicht selbst positiv getestet oder in engem Kontakt zu Personen standen, die positiv ge­testet wurden.

„Im Vergleich zu einem Vorgehen, bei dem lediglich bestätigte Infizierte isoliert wurden und enge Kontaktpersonen in Quarantäne kamen, hatte die pauschale Quarantäne aller Bewohner jedoch keinen messbaren Vorteil – das Ausbreitungsrisiko blieb gleich“, erklär­te Bozorgmehr. Auch ein Nutzen für die umliegende Bevölkerung sei bisher nicht belegt. Eine Kollektivquarantäne hält er deshalb ethisch und rechtlich bedenklich, weil sie Be­troffene psychosozial stark belaste.

Politik und Behörden raten die Autoren der Studie, bundesweite Empfehlungen zu ent­wi­ckeln, um die Prävention und Eindämmung von SARS-CoV-2 in Aufnahme­einrichtungen und Gemeinschaftsunterkünften zu vereinheitlichen und zu verbessern.

„Es ist eine Debatte darüber notwendig, ob die starke Zentralisierung der Flüchtlings­auf­nahme, die in den letzten drei bis fünf Jahren verfolgt wurde, die beste Voraussetzung darstellt, um den Einzelnen, aber auch die Gesellschaft vor der Ausbreitung von Infekti­ons­erregern im Zuge dieser oder zukünftiger Pandemien zu schützen“, sagte Bozorgmehr dem Deutschen Ärzteblatt. © ER/aerzteblatt.de

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