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Politik

Ernährungsreport stößt auf Kritik

Dienstag, 2. Juni 2020

Julia Klöckner (CDU), Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft, stellt den Ernährungsreport 2020 vor. /picture alliance, John Macdougall

Berlin – Nach der Vorstellung des Ernährungsreports 2020 des Bundeslandwirt­schafts­ministeriums haben Politiker und Organisationen Konsequenzen gefordert – und den Be­richt teils scharf kritisiert.

Der Ernährungsreport 2020 hatte ergeben, dass die Pandemie die Essgewohnheiten vie­ler Menschen in Deutschland verändert habe. „Lebensmittel aus der Region haben an Be­deutung gewonnen“, erklärte Bundeslandwirtschaftsministerin Julia Klöckner (CDU) bei der Vorstellung des Berichts. 39 Prozent der Befragten gaben demnach an, dass ihnen die Landwirtschaft nun wichtiger sei.

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Außerdem essen dem Report zufolge die Menschen in Deutschland weniger Fleisch als noch vor fünf Jahren. Während 2015 34 Prozent der Befragten angaben, täglich Fleisch- und Wurstprodukte zu sich zu nehmen, waren es im aktuellen Bericht 26 Prozent.

Für die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) befasst sich der Report mit den falschen Aspekten. „Deutschland hat ein massives Ernährungsproblem: Über die Hälfte der Bevöl­ke­rung ist übergewichtig. Doch der Ernährungsreport des zuständigen Ministeriums blendet das weitgehend aus und zeichnet stattdessen ein fast schon rosarotes Bild der Ernährung in Deutschland“, bemängelt DDG-Geschäftsführerin Barbara Bitzer.

Das liege vor allem daran, dass wichtige Fragen – bewusst oder unbewusst – ignoriert würden. So werde etwa der Konsum der besonders problematischen Softdrinks gar nicht thematisiert, so Bitzer. Auch frage die Ministerin nicht, welche staatlichen Maßnahmen für gesunde Ernährung sich die Menschen konkret wünschten – wo man also ansetzen müsste, um die hohen Raten von falscher Ernährung und Übergewicht zu senken.

„Es stellt sich die Frage, welchen Zweck ein solcher Report erfüllt, außer PR für das Mi­nis­terium“, so die DDG-Geschäftsführerin. Als medizinisch-wissenschaftliche Fachge­sell­schaft sei man täglich mit den dramatischen Folgen von falscher Ernährung konfrontiert.

„Wir bieten dem Ministerium daher gern an, im kommenden Jahr bei der Gestaltung der Umfrage fachlich zu beraten – damit der Ernährungsreport auch die wirklich relevanten Fragen zur Ernährung in Deutschland beantwortet“, so Bitzer.

Kritik kam auch vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Die Gruppe der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen – zumeist aus bildungsfernen Familien blende der Ernährungsreport des Ministeriums weitgehend aus, bemängelte BVKJ-Vizepräsiden­tin Sigrid Peter.

Das Bild, das der Report von der Ernährung der Deutschen zeichne, gleiche dem einer heilen Ernährungswelt, in der sich die Mehrheit der Menschen gesund und ökologisch achtsam von Selbstgekochtem ernährten. Der BVKJ wirft dem Ministerium vor, dass der Report nicht auf den problematischen Konsum fetter und süßer Lebensmittel, vor allem von Soft Drinks eingeht. Auch werde an keiner Stelle nachgefragt, mit welchen Maßnah­men Fettsucht und gesundheitsschädliche Ernährung verhindert werden könnten.

„Insgesamt gleicht der Report inhaltlich und optisch einer PR-Broschüre. Nutzwert hat er so gut wie keinen, Lösungen bietet er nicht. Mit dem Steuergeld, das er gekostet hat, hätte man zahlreiche sinnvolle Projekte zur gesunden Ernährung von Kindern und Jugendlichen auflegen können“, so Peter.

Die Umweltorganisation Greenpeace forderte das Landwirtschaftsministerium nach dem Bericht dazu auf, verstärkt für eine fleischarme Ernährung zu werben, um das Klima zu schützen. Auch die Tierhaltung müsse durch höhere Haltungsstandards verbessert wer­den, so der Green­peace-Landwirtschaftsexperte, Martin Hofstetter.

Die Verpfle­gung von Kitas, Schulen und Krankenhäusern solle beispielsweise von regio­na­len Anbie­tern bezogen werden, erklärte die ernährungspolitische Sprecherin der Grü­nen, Renate Künast, in Berlin. Regionale Lebensmittel seien krisensicher, nachhaltig und ökologisch.

Künast forderte die Unabhängigkeit von importierten Lebensmitteln. Die Coronakrise habe gezeigt, dass Lieferketten für Lebensmittel mitunter lang seien und zusammen­brechen könnten. Es brauche außerdem höhere Mindeststandards, eine klare Kenn­zeichnung aller tierischen Lebensmittel sowie ein Ende der Massentierhaltung, sagte die Grünen-Politi­kerin.

Die ernährungspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion, Ursula Schule, erklärte, es brauche „verlässliche, verpflichtende Standards und Kennzeichnungen“, die Klarheit beim Einkauf schafften, sowie ein „gesünderes Lebensmittelangebot“. Freiwillige Selbst­verpflichtung der Verbraucher reiche nicht aus, so Schulte. © kna/may/aerzteblatt.de

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