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Medizin

Tucatinib verbessert Prognose des HER2-positiven Mammakarzinom auch bei Hirnmetastasen

Freitag, 5. Juni 2020

/sudok1, stock.adobe.com

Alexandria – Die zielgerichtete Therapie mit Tucatinib zusätzlich zu Trastuzumab und Capecitabin verlängert deutlich das Überleben von Frauen mit einem metastasierten HER2-positiven Brustkrebs, die nach vielen Behandlungen unter Hirnmetastasen leiden.

Das zeigen die anlässlich der virtuellen Jahrestagung der American Society of Clinical Oncology (ASCO) vorgestellten Ergebnisse einer Subgruppenanalyse der HER2CLIMB-Studie. Die Analyse wurde parallel im Journal of Clinical Oncology (2020; DOI: 10.1200/JCO.20.00775) publiziert wurden.

Fast die Hälfte aller Patienten mit metastasiertem HER2-positivem Brustkrebs entwickeln irgendwann Hirnmetastasen. Wirksame und gut verträgliche Behandlungsmöglichkeiten dafür fehlen weitgehend.

In vielen Studien zum HER2-positiven Mammakarzinom wurden Patienten mit bislang nicht behandelten oder vorbehandelten Hirnmetastasen gar nicht erst aufgenommen. Die HER2CLIMB-Studie ist die erste randomisiert-kontrollierte Studie, die diese Patienten nicht prinzipiell ausgeschlossen hat, betonte Nancy U. Lin vom Dana-Faber Cancer Institute in Boston bei der Vorstellung der aktuellen Subgruppenanalyse.

In der Studie wurden Tucatinib (300 mg oral 2 Mal täglich) und Placebo zusätzlich zu Trastuzumab und Capecitabin im Verhältnis 2:1 randomisiert verglichen. Tucatinib ist ein hoch selektiver HER2-Kinase-Inhibitor, der den epidermalen Wachstumsfaktorrezeptor EGFR nur wenig hemmt. Tucatinib wurde in diesem Jahr bereits unter dem Namen Tukysa™ in den USA und der Schweiz zur Behandlung des metastasierten, HER2-positiven Mammakarzinoms zugelassen.

An der HER2CLIMB-Studie nahmen Patienten mit einem metastasierten HER2-positiven Mammakarzinom teil, die bereits mit Trastuzumab, Pertuzumab und Trastuzumab emtansine (T-DM1) behandelt worden waren.

Sie mussten noch in einem guten Allgemeinzustand sein (ECOG-Performancestatus 0-1). Falls sie Hirnmetastasen aufwiesen, mussten diese so stabil sein, dass bei Studienein­schluss keine umgehende Lokaltherapie nötig war. Es konnte auch Männer mit HER2-positivem Mammakarzinom teilnehmen.

Die erste Interimsauswertung der Studie war im April im New England Journal of Medicine (2020; DOI: 10.1056/NEJMoa1914609) publiziert worden. Sie hatte auch auf einen signifikanten Überlebensvorteil für die Kombinationstherapie mit Tucatinib für Patienten mit Hirnmetastasen hingewiesen. Eine explorative Analyse untersuchte jetzt die Wirksamkeit und Sicherheit der Tucatinib-Kombination speziell bei diesen Patienten.

291 der 612 an der Studie teilnehmenden Patienten wiesen bei der Basisuntersuchung bereits Hirnmetastasen auf, 198 (48 %) in der Tucatinib- und 93 (46 %) in der Placebo­gruppe. Sie wurden bezüglich der Hirnmetastasen eingeteilt in aktiv und unbehandelt (n = 66), aktiv und behandelt (n = 108) oder behandelt und stabil (n = 117).

Während der Studie wurde in den ersten 24 Wochen alle 6 Wochen ein Kontroll-MRT des Schädels durchgeführt, danach alle 9 Wochen. Kam es zu einem isolierten Progress der intrakraniellen Erkrankung, konnten die Patienten nach einer Lokaltherapie die Studienmedikation weiter erhalten bis zu einem zweiten Progress.

Die Studienautoren interessierte in der aktuellen Analyse insbesondere das Fortschreiten der Erkrankung im Zentralnervensystem (ZNS) und das Gesamtüberleben sowie das intrakranielle Ansprechen bei aktiver Hirnmetastasierung.

In der mit Tucatinib behandelten Gruppe war das Risiko für einen ZNS-Progress um 68 % reduziert; die Hazard Ratio betrug 0,32 mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,22 bis 0,48 (p < 0,00001). Im Median überlebten Patienten mit Tucatinib 9,9 Monate ohne ZNS-Progress, mit der Kontrolltherapie nur 4,2 Monate.

Nach einem Jahr waren noch 40,2 % der Patienten bei Tucatinib-Kombinationstherapie ohne einen ZNS-Progress, im Kontrollarm war dies bei keinem Patienten der Fall. Sowohl Patienten mit aktiven als auch stabilen Hirnmetastasen profitierten signifikant von Tucatinib.

Auch das Sterberisiko war in der Tucatinibgruppe signifikant gegenüber der Placebo­gruppe reduziert. Die Hazard Ratio lag bei 0,58, das 95-%-Konfidenzintervall bei 0,40 bis 0,85 (p = 0,005). Im Median überlebten die schwer kranken, mehrfach vorbehandelten Patienten mit Hirnmetastasen mit der Tucatinib-Kombination 18,1 Monate, mit Placebo-Trastuzumab-Capecitabin 12,0 Monate. Der Anteil der überlebenden Patienten betrug in der Tucatinibgruppe nach einem Jahr 70,1 %, in der Placebogruppe 46,7 %.

Das intrakranielle Ansprechen war mit Tucatinib deutlich höher (47,3 % gegenüber 20 % im Kontrollarm), insbesondere der Anteil an partiellen Remissionen (41,8 gegenüber 15,0 %). Ein Ansprechen dauerte mit Tucatinib mehr als doppelt so lange an wie mit Placebo (6,8 gegenüber 3 Monaten).

Trat in der Studie ein intrakranieller Progress auf und wurde die Studienmedikation nach Lokalbehandlung fortgesetzt, war auch das Risiko für den zweiten Progress mit Tucatinib deutlich reduziert. Die Hazard Ratio betrug hier 0,33, das 95-%-Konfidenzintervall lag bei 0,11 bis 1,02 (p = 0,02). Die mediane Zeit vom ersten bis zum zweiten Progress betrug mit Tucatinib 7,6 Monate und mit Placebo 3,1 Monate.

Die Zahl der hier ausgewerteten Patienten ist klein, betonte Lin und erklärte, dass dieses Ergebnis bei aller Vorsicht aber doch darauf hinweise, dass Patienten nach einem isolier­ten intrakraniellen Progress und der entsprechenden Lokaltherapie von der Fortsetzung der Tucatinib-Therapie profitieren können.

Lin ist überzeugt, dass Tucatinib in Kombination mit Trastuzumab und Capecitabin ein neuer Standard zur Therapie von Patienten mit einem metastasierten HER2-positiven Mammakarzinom werden kann – egal ob die Patienten Hirnmetastasen aufweisen oder nicht. © FK/aerzteblatt.de

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