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Ärzteschaft

Digitalisierungs­schub bei Psycho­therapeuten

Mittwoch, 3. Juni 2020

/agenturfotografin, stock.adobe.com

Mainz – In der Coronakrise haben sich Psychotherapien zeitweise nur mit Hilfe von Vi­deo­technik fortsetzen lassen. Angesichts dessen führte die Pandemie zu einem regel­rech­ten Digitalisierungsschub bei rheinland-pfälzischen Psychotherapeuten.

Vorher hätten vielleicht fünf Prozent der Kollegen auf Videosprechstunden gesetzt, mitt­lerweile böten sie ungefähr zwei Drittel an, sagte die Präsidentin der Landespsychothera­peutenkammer Rheinland-Pfalz, Sabine Maur, in Mainz.

Lange Zeit hätten sich Praxen nicht bewegen müssen, die Patienten seien so oder so ge­kommen. Nun seien sehr viele neue Erfahrungen mit neuen Formaten gemacht worden.

Maur kann sich vorstellen, dass dadurch neue Personenkreise für Therapien gewonnen werden können. Dass die Krise selbst auch Folgen für die Psyche mancher Menschen hat, zeigt derweil eine Onlinestudie der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität.

Kammerpräsidentin Maur lobte, dass in für das Gesundheitswesen ungewohnt schneller Art auf die Einschränkungen der Pandemie reagiert worden und die komplette Umstell­ung auf Videosprechstunden ermöglicht worden sei – wenn auch zunächst befristet. Ihr erstes Fazit: Videosprechstunden funktionierten bei vielen Patienten gut, bei manchen eingeschränkt und bei manchen gar nicht.

Vieles sei zuletzt „Learning-by-doing“ gewesen, sagte Maur. „Das war oft der Sprung ins kalte Wasser.“ Noch basierten die Erfahrungen fast nur auf Sprechstunden mit schon be­kannten Patienten. Wie das bei neuen Kontakten funktioniere, bleibe abzuwarten, hier sei künftig auch ein Mix aus Terminen in der Praxis und Onlineterminen denkbar.

Videosprechstunden könnten unter anderem Menschen mit körperlichen Einschränkun­gen helfen, die sonst nur schwer in Praxen kommen könnten, sagte die Kammerpräsiden­tin.

Erleichterungen könnten sie zudem für Patienten bringen, die sonst beispielsweise mit dem öffentlichen Nahverkehr aus dem Hunsrück lange Zeit in eine Praxis in Mainz fahren müssten. Bei jungen Menschen könnte das Angebot mit Videosprechstunden die Schwelle senken, sich überhaupt in eine Therapie zu begeben.

Andererseits hätten Videosprechstunden auch Schwächen. Die Therapeuten empfänden sie als anstrengender, es sei schwieriger, Pausen oder Bewegungselemente einzubauen, es fehle an Elementen von nonverbaler Kommunikation.

Teils könnten Videosprechstunden auch daran scheitern, dass es Patienten an technischer Ausstattung mangele oder die Internetverbindung zu schlecht sei. Und zu guter Letzt blicke man mit einer Videosprechstunde in das Wohnumfeld von Patienten. „Das ist ambi­va­lent.“ Einerseits könne das wichtige Informationen bringen, andererseits gebe es eben Privatsphäre.

Einen Einblick in das individuelle Empfinden vieler Menschen in der Krise bietet eine Onlinestudie des Psychologischen Instituts der Mainzer Johannes Gutenberg-Universität (JGU). Sie beschäftigte sich schon in der frühen Phase der Pandemie mit der Frage, wie sich Kontaktbeschränkungen auf die Psyche auswirken.

Zwischen dem 25. März und dem 13. April beteiligten sich knapp 4.300 Menschen, mit so einer Resonanz sei nicht zu rechnen gewesen, sagte Studienleiter Michael Witthöft. Nor­malerweise meldeten sich bei Studien etwa 300 Menschen.

Diese Studie sei zwar nicht repräsentativ gewesen, habe aber einen ersten Eindruck ge­ge­ben und wegen des frühen Zeitpunkts viel Beachtung gefunden. Die Studienteilnehmer beantworteten Fragen zu ihrer Mediennutzung, zu Emotionen und möglichen Konflikten.

Mehr als 40 Prozent zeigten Anzeichen emotionaler Beeinträchtigungen, empfanden Ge­fühle wie Einsamkeit, Traurigkeit oder Ärger. 17 Prozent sprachen in dieser recht frühen Pandemiephase von vermehrten häuslichen Konflikten. „Das enge Beisammensein und die intensive Kinderbetreuung nach Kita- oder Schulschließungen spielen hier wohl wichtige Rollen“, sagte Witthöft.

Das dürfte sich im weiteren Verlauf noch weiter gesteigert haben, vermutet er. Es sei aber eine falsche Lesart der Studie, zu sagen, dass die Krise sämtliche Bevölkerungsteile hart getroffen habe. Das Gros sei im Rahmen der Möglichkeiten zurechtgekommen.

„Die, die unter psychischen Störungen wie Angstzuständen leiden, waren stärker beein­trächtigt vom Social Distancing“, erklärte Witthöft. Es brauche daher auch nicht weitere allgemeine Hilfsangebote, sondern Angebote für spezifische Gruppen. Es sei sehr wichtig, spezifisch hinzuschauen, welche Person welche Unterstützung brauche. „Hier müssen wir mehr tun.“

Witthöft und seine Kollegen haben schon eine weitere Studie gestartet mit Kollegen der Uni Konstanz und des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit in Mannheim – sie dreht sich um Krankheitsängste in Pandemiezeiten. © dpa/aerzteblatt.de

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