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Medizin

SSRI-Antidepressiva könnten Gewalttätigkeit einiger Patienten erhöhen

Donnerstag, 18. Juni 2020

/Geza Farkas, stock.adobe.com

Stockholm – Eine Minderheit von Patienten, die mit Antidepressiva aus der Gruppe der Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) behandelt wird, neigt möglicherweise zu kriminellen Handlungen. Dies kam in einer bevölkerungsbasierten Studie in European Neuropsychopharmacology (2020; DOI: 10.1016/j.euroneuro.2020.03.024) heraus.

Menschen mit psychischen (mentalen) Störungen sind häufiger als andere in Gewalttaten verwickelt. Viele Handlungen werden von Personen verübt, die unter dem Einfluss von Medikamenten stehen. Dies hat zu dem Verdacht geführt, dass die Medikamente zumin­dest mitverantwortlich sind für die erhöhte Kriminalität. Dies gilt vor allem für SSRI, den am häufigsten verordneten Wirkstoffen bei Depressionen, der häufigsten mentalen Erkrankung.

Ein Team um Tyra Lagerberg vom Karolinska Institut in Stockholm hat hierzu die Daten von 785.337 Schweden im Alter von 15 bis 60 Jahren analysiert, denen von 2006 bis 2013 ein SSRI verschrieben wurde. Diese Patienten wurden durchschnittlich etwa 7 Jahre lang nachbeobachtet. Darunter waren Zeiträume, in denen ihnen SSRI verordnet worden waren und solchen, in denen dies nicht der Fall war.

Der Vergleich verschiedener Zeitabschnitte bei denselben Patienten vermeidet eine Reihe von möglichen Verzerrungen, die sich beim Vergleich verschiedener Personen mit möglicherweise unerkannten Unterschieden in den Eigenschaften ergeben.

Ergebnis: Während der Behandlung mit SSRI wurden tatsächlich häufiger Straftaten begangen. Für die ersten 28 Tage der Behandlung ermittelt Lagerberg eine Hazard Ratio von 1,28 (95-%-Konfidenzintervall 1,13 bis 1,45). Sie stieg nach 29 bis 84 Behandlungs­tagen auf 1,35 (1,22 bis 1,49) und fiel danach auf 1,24 (1,14 bis 1,35).

Auch in den ersten 28 Tagen nach dem Absetzen der SSRI war die Wahrscheinlichkeit von Gewalttaten mit einer Hazard Ratio von 1,37 (1,21 bis 1,55) erhöht. Sie fiel 29 bis 84 Tage nach Absetzen der SSRI auf 1,20 (1,08 bis 1,33) und war danach nicht mehr erhöht.

Lagerberg betont, dass Straftaten bei Patienten, die SSRI einnehmen, insgesamt sehr selten waren. Die Studie kann auch nicht abschließend beweisen, dass die SSRI und nicht die Depression die Neigung zu kriminellen Handlungen erhöht haben.

Es könnte sein, dass die SSRI in Phasen verordnet wurden, in denen die Patienten unter besonders starken Depressionen oder anderen Störungen litten, die sie vielleicht anfälliger für Straftaten werden ließen.

Dennoch gibt es laut Lagerberg Anlass zur Sorge. Es sei bekannt, dass die Behandlung mit einem SSRI zu einer Antriebssteigerung führt, die bei anfälligen Menschen möglich­er­weise die Aktivitäten in eine Richtung lenken, die zu Gewalttaten führen. Dass das Risiko auch nach dem Absetzen der SSRI noch nachweisbar ist, ließe sich über eine verzögerte Wirkung der SSRI erklären.

Lagerberg rät den Psychiatern, Patienten mit einem erhöhten Risiko (etwa nach früheren Straftaten) auf die Gefahr hinzuweisen und bei möglichen Warnzeichen wie Feindselig­keit, Aggressivität und Reizbarkeit ärztlichen Rat einzuholen. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #759489
MITDENKER
am Mittwoch, 1. Juli 2020, 16:07

Ein alter Hut?

Schon vor Jahren wurde dieses Phänomen hinter vorgehaltener Hand diskutiert. Die Mehrzahl der US-amerikanischen Killerkids sollen entsprechende Medikamente erhalten haben. Insofern gut, dass das mal fundiert untersucht wird.

Beispiel: Eric Harns, 18 j., einer der beiden jugendlichen Mörder, die in der Columbine Highschool in Littleton, Colorado, elf Schüler und einen Lehrer erschossen, nahm das Antidepressivum Luvox, und KipKinkel, 15 j., aus Springfield, Oregon, der im Mai 1999 seine Eltern und zwei Mitschüler tötete, nahm auf Verordnung des Arztes regelmäßig Prozac.

Die parallele kurzfristige Benzo-Gabe von Practicus ist sicher keine schlechte Idee. Wenn schon denn schon...
Avatar #79783
Practicus
am Samstag, 20. Juni 2020, 01:12

Die Suizidgefahr

bei Beginn einer antidepressiven Medikation gab es schon vor der Einführung der SSRI - mein alter Lehrer Prof Engelmeier (Essen) gab deshalb in den ersten Wochen ein Benzodiazepin als Standardmedikation für die ersten 4 Wochen zusätzlich. Ich verorne immer eine kleine Lorzepamdosis as Bedarfsmedikation und habe in 30 Jahren Allgemeinmedizin noch keinen Suizidversuch bei der Einleitung einer SSRI-Therapie gesehen.
Avatar #830605
Christian Alexander Tietgen
am Freitag, 19. Juni 2020, 21:55

Suizidneigung

Es besteht ja auch eine erhöhte Suizidneigung, wenn die Antriebssteigerung vor der Verbesserung der Stimmung einsetzt.
LNS

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