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Politik

SARS-CoV-2: Drosten bleibt bei Aussagen zur Ansteckungsgefahr durch Kinder

Mittwoch, 3. Juni 2020

Christian Drosten /picture alliance, Michael Kappeler

Berlin – In einer überarbeiteten Fassung seiner Studie zur Infektiosität von Kindern in der Coronakrise hält das Forscherteam um den Berliner Virologen Christian Drosten an seiner grundlegenden Aussage fest. Es gebe keine Hinweise darauf, dass Kinder im Bezug auf SARS-CoV-2 nicht genauso ansteckend seien wie Erwachsene, heißt es in der aktuali­sierten Version der Studie. Sie ist noch nicht in einem begutachteten Fachjournal erschie­nen, sonder wurde als Preprint veröffentlicht.

Ein erster Entwurf der Untersuchung war Ende April veröffentlicht worden und hatte Kri­tik und teils heftige Auseinandersetzungen nach sich gezogen. Die Aussage bereits da­mals: Kinder tragen eine ebenso hohe Viruslast wie Erwachsene – und sind mithin ver­mutlich genauso ansteckend.

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Die Forscher hatten aufgrund dieser Ergebnisse vor einer uneingeschränkten Öffnung von Schulen und Kindergärten in Deutschland gewarnt. In der neuen Fassung heißt es dazu: „Die uneingeschränkte Öffnung dieser Einrichtungen sollte sorgfältig mit Hilfe von vor­beugenden diagnostischen Tests überwacht werden.“

Kritik hatte es vor allem an der statistischen Auswertung der Daten gegeben. Die ange­wandten Methoden seien nicht geeignet, hieß es von Wissenschaftlern unter anderem. Allerdings hatten die Kritiker später betont, dass solche Diskussionen in der Wissenschaft normal seien und Kritik an der Methode nicht zwangsläufig das Ergebnis infrage stelle. Drosten räumte ein, die statistischen Methoden seien eher grob gewesen, hielt aber an der Aussage der Studie fest.

„In der neuen Version der Studie werden die Kommentare, die es zur statistischen Analy­se der ersten Fassung gab, aus meiner Sicht überzeugend eingearbeitet“, urteilt Christoph Rothe, Statistiker von der Universität Mannheim nach einer ersten Durchsicht der überar­beiteten Ergebnisse. Er gehörte zu den Forschern, die die statistischen Methoden in der ursprünglichen Analyse kritisiert hatten.

Der Statistiker Dominik Liebl von der Uni Bonn, der sich ebenfalls mit der ersten Version der Drostenstudie auseinandergesetzt hatte, schreibt auf Anfrage: Der methodische Teil der statistischen Analyse in der neuen Version sei aus seiner Sicht deutlich verbessert worden. Und Liebl ergänzt: „Auch die neue Version des Preprints wird sicherlich weiterhin in der Wissenschaft diskutiert werden, und dies ist auch gut so.“

In der vorgestellten Überarbeitung hat das Team die Daten von 3.303 SARS-CoV-2-Infi­zier­ten analysiert. Sie fanden demnach bei 29 Prozent der Grundschulkinder (0 bis 6 Jah­ren), bei 37 Prozent der Kinder zwischen 0 und 19 Jahren sowie bei 51 Prozent der über 20-Jährigen eine Virusmenge, die für eine Ansteckung wahrscheinlich ausreichend ist.

Die Unterschiede zwischen den Gruppen könnten auch auf unterschiedliche Anwendung der Tests zurückzuführen sein. „Wir schlussfolgern, dass ein erheblicher Anteil infizierter Personen aller Altersgruppen - auch unter denen mit keinen oder milden Symptomen - eine Viruslast trägt, die wahrscheinlich Infektiosität bedeutet.“ © dpa/aerzteblatt.de

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Avatar #691359
Staphylococcus rex
am Freitag, 5. Juni 2020, 00:39

Notwendige und hinreichende Voraussetzungen

Soweit ich es bei einem flüchtigen Durchlesen der Arbeit verstanden habe, wurde die Viruslast in Screeningproben bestimmt (ich vermisse einen expliziten Material- und Methodenteil, wo auf die Art der Materialgewinnung, z.B. Nasopharynx- oder Oropharynxabstrich eingegangen wird). Diese Viruslast wurde an einem experimentell für Erwachsene ermittelten Grenzwert zur Infektiosität abgeglichen.

Dieses Herangehen ist angreifbar. Der Nachweis mittels RT-PCR in klinischen Proben ist eine notwendige, aber keine hinreichende Voraussetzung für die Frage der Infektiosität. Es gibt in der Infektiologie einen Präzedenzfall, dass hier Kinder und Erwachsene nicht vergleichbar sind. Bei der Tuberkulose sind Kinder sehr empfänglich für den Erreger, können ihn aber nur schlecht an Andere weitergeben. Dies hat z.B. Konsequenzen für die Diagnostik, bei TB-Verdacht wird z.B. bei Kindern eher Magensaft als Sputum untersucht.

Wenn es um eine hinreichende Voraussetzung für die Infektiosität von Kindern geht, wäre ein anderes Studiendesign notwendig. Zusätzlich zu den üblichen Abstrichen müsste z.B. eine Plexiglasscheibe in 20 cm Abstand vor dem Kind aufgestellt werden, das Kind müsste ein Lied singen oder ein Gedicht aufsagen und dann müssten die Proben von dieser Plexiglasscheibe genommen werden. Der Präzedenzfall Tuberkulose lässt mich an der Übertragbarkeit der Grenzwerte von Erwachsenen auf Kinder zweifeln, wahrscheinlich müssen altersabhängige Grenzwerte neu ermittelt werden. Die Arbeit von Prof. Drosten ist deshalb nicht schlecht, sie liefert nur keine belastbare Aussage auf die unterstellte Frage.
Avatar #565532
ChriZie
am Donnerstag, 4. Juni 2020, 11:46

Erare humanum est, Herr Professor...

Es mag ja sein, dass die Viruslast im Rachen von infizierten Kindern ähnlich hoch ist wie die von Erwachsenen, aber alles weist darauf hin, dass von Kindern trotzdem kaum eine Ansteckungsgefahr ausgeht (siehe Hospitalisierungen von Kindern und Jugendlichen mit COVID-19
Dtsch Arztebl Int 2020; 117: 373-4"). Das kann man doch auch als Virologe nicht ignorieren!? Herr Kollege Drosten sollte sich seiner Verantwortung bewusst sein, in die er (vielleicht zumindest teilweise von ihm ungewollt) als Berater der Regierung geraten ist. Er leistet mit seinem sturen Beharren an der Viruslast als Parameter für Infektiosität Schützenhilfe für alle, die an der Schließung von Kitas und Schulen festhalten wollen. Wie viel Prozent Kindergartenkinder haben B-Streptokokken im Rachenabstrich, ohne selbst klinisch krank zu sein oder ihre Umgebung anzustecken???
LNS

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