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Medizin

Genvarianten erhöhen Risiko auf schweren Verlauf von COVID-19

Freitag, 5. Juni 2020

/Evgeniy Kalinovskiy, stock.adobe.com

Kiel und Oslo – Genvarianten auf den Chromosomen 3 und 9 erhöhen bei einer Infektion mit dem Coronavirus SARS-CoV-2 offenbar das Risiko auf einen schweren Verlauf einer COVID-19-Erkrankung. Dies kam in einer genomweiten Assoziationsstudie in medRxiv (2020; DOI: 10.1101/2020.05.31.20114991) heraus. Eine Genvariante betrifft das Gen für die Blutgruppeneigenschaft AB0.

Norwegischen und deutschen Forschern ist es auf dem Höhepunkt der Epidemien in Spanien und Italien gelungen, an die Blutproben von 1.610 Patienten zu gelangen, die an 7 Kliniken wegen einer schweren COVID-19-Erkrankung behandelt wurden. Nach der Extraktion wurde die DNA an 8,5 Millionen Stellen untersucht, an denen es häufig zu Varianten kommt. Diese Einzelnukleotid-Polymorphismen (SNP) wurden dann mit denen von 2.205 gesunden Blutspendern aus den beiden Ländern verglichen.

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Derartige genomweite Assoziationsstudien (GWAS) sind ein bewährtes Instrument, um genetische Prädispositionen für Krankheiten zu ermitteln, die auch bei COVID-19 vermu­tet werden. So fällt auf, dass Männer häufiger erkranken als Frauen, und auch die kardio­metabolischen Erkrankungen, die das Risiko auf eine schwere Erkrankung erhöhen, könnten teilweise genetisch bedingt sein.

Chinesischen Forschern war zudem frühzeitig aufgefallen, dass überdurchschnittlich viele Patienten die Blutgruppe A haben, während die Blutgruppe 0 eine gewisse Schutz­wirkung zu haben scheint.

Diese Beobachtung wird jetzt von den Ergebnissen der GWAS gestützt. Das Team um Andre Franke von der Universität Kiel und Tom Karlsen von der Universität Oslo haben nämlich herausgefunden, dass die SNP „rs657152“ zu 32 % häufiger bei den COVID-19-Patienten auftrat als in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 1,32; 95-%-Konfidenzintervall 1,20 bis 1,47). Die Genvariante befindet sich auf dem Chromosom 9q34 im ABO-Gen, das die Blutgruppeneigenschaften bestimmt.

Die Studie könnte deshalb erklären, warum die Blutgruppen-Eigenschaften den Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion beeinflussen. Eine biologische Begründung fehlt jedoch. Franke und Karlsen weisen darauf hin, dass eine frühere GWAS das SNP „rs657152“ mit erhöhten Interleukin-6 (IL-6)-Konzentrationen bei adipösen Kindern in Verbindung gebracht haben.

IL-6 ist ein wichtiges Zytokin für Entzündungsreaktionen und ein Zytokinsturm eine häufige Begleiterscheinung von COVID-19. Es könnte deshalb sein, dass das SNP „rs657152“ die Immunreaktion auf eine Infektion mit SARS-CoV-2 auf eine für den Patienten ungünstige Weise beeinflusst.

Die zweite SNP „rs11385942“ wurde zu 77 % häufiger bei den COVID-19-Patienten gefunden als in der Kontrollgruppe (Odds Ratio 1,77; 1,48 bis 2,11). Das SNP befindet sich auf dem Chromosom 3p21.31 in der Nähe mehrerer Gene, die nach Ansicht von Franke und Karlsen ebenfalls den Verlauf einer SARS-CoV-2 ungünstig beeinflussen könnten.

Dazu gehört das Gen SLC6A20. Es kodiert einen Transporter für Natrium-Iminosäuren (SIT1), der funktionell mit dem Angiotensin-Converting-Enzym 2 (ACE) interagiert, über die die Viren in die Zellen gelangen. In der Nähe des SNP befinden sich noch weitere Gene, die Chemokinrezeptoren kodieren, die in das Entzündungsgeschehen eingreifen. Auch dies könnte den Verlauf einer SARS-CoV-2-Infektion beeinflussen. © rme/aerzteblatt.de

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