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Politik

SARS-CoV-2: Streeck plädiert für „ein bisschen mehr Mut“ im Sommer

Montag, 8. Juni 2020

/picture alliance, George Cracknell Wright

Bonn – Bei der Bekämpfung der Coronapandemie sieht der Virologe Hendrik Streeck eine Chance während der Sommermonate. Es könne möglicherweise eine Teilimmunität in der Bevölkerung aufgebaut werden, die dann den weiteren Verlauf der Pandemie abschwä­che, sagte er. „Wir sollten uns über den Sommer ein bisschen mehr Mut erlauben“, so Streeck.

Derzeit zeigten Studien, dass bis zu 81 Prozent der Infektionen asymptomatisch verliefen. Das heißt, die Infizierten haben keine oder kaum Symptome. „Die Zahl der COVID-19-Er­krankten auf den Intensivstationen ist derzeit rückläufig“, sagte Streeck.

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„Es besteht eine Chance, dass wir über den Sommer die Anzahl der Personen mit Teilim­mu­nität erhöhen können.“ Die Hoffnung auf einen Impfstoff könne sich als trügerisch er­weisen. Also solle man sich darauf einstellen, mit dem Virus zu leben.

„Was wir sehen ist, dass auch Menschen mit asymptomatischen Verläufen eine Immunität oder Teilimmunität aufbauen“, erläuterte Streeck. „Wir wissen noch nicht, ob es eine schüt­zende Immunität ist, aber sie bauen zumindest Antikörper gegen das Virus auf, und da kann man davon ausgehen, dass das zumindest einen Teilschutz ergibt.“

Wenn man jetzt während der Sommermonate solche Infektionen zulasse, dann baue man eine schleichende Immunität in der Gesellschaft auf, die am Ende diejenigen schützten, die auch einen schwereren Verlauf haben könnten, so Streeck weiter.

Für interessant halte er auch, dass die Kitas in den Niederlanden schon vor fünf Wochen geöffnet hätten und dies nicht zu größeren Ausbrüchen geführt habe. Man müsse also durch die Öffnung von Kitas und Schulen offenbar keine Verschärfung der Pandemie be­fürchten.

Streeck erläuterte auch weitere Ergebnisse aus seiner Heinsbergstudie, die zusammen mit Hygienikern der Uniklinik Bonn unter der Leitung von Ricarda Schmithausen erar­beitet wurden.

Demnach erbrachte die Auswertung von Proben aus Quarantänehaus­halten im Ort Gan­gelt, in dem sich das Coronavirus nach einer Karnevalssitzung im Frühjahr schnell ausge­breitet hatte, dass Oberflächen bei der Übertragung offenbar nur eine untergeordnete Rolle spielen.

Bei Abstrichen von Oberflächen aus den Haushalten fand sich der Erreger demnach nur in vier von 119 Proben. Streeck betonte allerdings, die Aussagekraft werde dadurch einge­schränkt, dass Menschen in Quarantäne häufig viel putzten. Deshalb seien die Ergebnisse möglicherweise nicht repräsentativ.

Leichter werde das Virus anscheinend über Schmutzwasserrückstände im Waschbecken, in der Dusche oder in der Toilette verbreitet. „Dort hinterlässt man ja eher Spucke, Ra­chen­wasser oder andere Ausscheidungen, in denen das Virus in größerer Konzentra­tion sein kann.“ Dies könnte gegebenenfalls genutzt werden, um das Infektionsgeschehen über Abwasseranalysen zu beobachten.

Zehn der 66 ausgewerteten Schmutzwasserproben aus Gangelt seien positiv gewesen, sagte Streeck. In der Luft fand sich der Erreger dagegen in keiner von 15 Proben. Für die Studie wurden 21 Quarantänehaushalte in Gangelt im Kreis Heinsberg unter­sucht. 26 der insgesamt 43 dort lebenden Erwachsenen waren positiv auf Corona getestet worden. © dpa/aerzteblatt.de

Kommentare

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Avatar #825187
ri36994
am Dienstag, 9. Juni 2020, 21:18

Aufruf zum Totschlag und wirtschaftlicher Vernichtung?

Herr Streeck sollte aufpassen wozu er aufruft. Ein "bisschen mehr Mut" kann den unbeabsichtigten(?) Tod von Menschen und wirtschaftliche Zerstörung von Arztpraxen und Betrieben bedeuten. Wer bezahlt einem Arzt den Verdienstausfall wenn ein Patient "mal ein bisschen mehr Mut" hat und die Praxis deswegen teilweise wochenlang geschlossen werden muß?

Und wozu das ganze?

Entweder ist das Virus ist tatsächlich so harmlos, wie uns Herr Streeck anhand seiner sehr kleinen Studie glauben machen will - dann können wir die zweite Welle in Ruhe abwarten und darauf hoffen, daß wir in einigen Monaten durch Fortschritte bei der Behandlung und Prävention damit noch leichter fertig werden als mit der ersten Welle.

Oder aber es ist doch eher so wie es die Daten der großen Prävalenzstudien aus Spanien, Österreich, der Tschechischen Republik oder Hochrechnungen aus Taiwan nahelegen und COVID-19 hat eine Mortalität (IFR) irgendwo zwischen 0.8-2% bezogen auf die Gesamtbevölkerung:

Dann hätten wir bei einer angenommenen IFR Mortalität von z.B. 1% zum heutigen Tag gerade mal eine Durchseuchung von gerade 1% der Bevölkerung! Wenn also "ein bisschen mehr Mut" dazu führt, daß diese Zahl auf 2% oder gar 3% steigen würde wird das ganz sicher viele Toten und wirtschaftliche Schäden kosten aber die weitere Ausbreitung des Virus kein wenig bremsen - im Gegenteil. Und selbst wenn es 10-mal mehr wären - reicht das immer noch lange nicht um die Ausbreitung zu verlangsamen, insbesondere auch weil die anzunehmende Dauer der Immunität irgendwo bei 6-12 Monaten liegen wird und viele der im Frühling infizierten im Herbst/Winter nochmal infiziert und infektiös werden könnten.

Um einen Lockdown zu Vermeiden darf man keine unkontrollierte Ausbreitung erlauben. Nur solange man zumindest einen Teil der Kontakte nachverfolgen kann und Superspreader-ereignisse so unwahrscheinlich wie möglich halten kann, wird es ohne Lockdown gehen.

Die Daten der o.g. Studien (und auch z.B. der Fall des Flugzeuträgers Charles de Gaule) sowie Erfahrungen aus Asien zeigen, daß die Zahl der wirklich asymptomatischen Fälle "nur" irgendwo zwischen 25%-50% liegen. Damit sollte die Eindämmung der Epidemie auch durch Kontaktverfolgung und relativ erträgliche Vorsichtsmaßnahmen machbar sein - solange man sich keine groben Schnitzer in der Form einer völlig unkontrollierten Ausbreitung erlaubt.

Weitere Argumente gegen ein bisschen mehr Mut. Je mehr man das Virus zirkulieren lässt um so öfter kann es mutieren, mit der absehbaren Folge, daß die ohnehin schwache Immunität noch weniger nützt. Und es gibt die plausible Hypothese, daß durch Maßnahmen die die Ausbreitung des Virus behindern der Selektionsdruck eher Mutationen gedeihen lässt die länger in einem Wirt überleben (und damit ihren Wirt nicht so schnell umbringen dürfen) während unkontrollierte Ausbreitung vorteilhaft für Mutationen ist die besonders schnell besonders viele Viruskopien erzeugen können, ohne Rücksicht auf das längerfristige überleben des Wirts.

Es liegt also zum Teil in unserer Hand ob wir uns jetzt besonders aggressive oder harmlosere Mutationen von diesem Virus heranzüchten.

Spanien:
https://www.mscbs.gob.es/ciudadanos/ene-covid/docs/ESTUDIO_ENE-COVID19_PRIMERA_RONDA_INFORME_PRELIMINAR.pdf
https://english.elpais.com/society/2020-05-14/antibody-study-shows-just-5-of-spaniards-have-contracted-the-coronavirus.html

Österreich:
https://www.sora.at/fileadmin/downloads/projekte/Austria_Spread_of_SARS-CoV-2_Study_Report.pdf
http://www.statistik.at/web_de/presse/123051.html

Tschechische Republik:
https://www.uzis.cz/index.php?pg=aktuality&aid=8398
https://www.radio.cz/en/section/curraffrs/czech-study-shows-extremely-low-level-of-collective-immunity-to-covid-19-virus
Avatar #760232
penangexpag
am Dienstag, 9. Juni 2020, 06:42

nicht repräsentativ

zit. ("Streeck betonte allerdings, die Aussagekraft werde dadurch einge­schränkt, dass Menschen in Quarantäne häufig viel putzten. Deshalb seien die Ergebnisse möglicherweise nicht repräsentativ.") Vielleicht sollte man sich auch mal ein Herz fassen und Schlußfolgerungen, die allzu zweifelhaft sind, gar nicht erst ziehen.
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