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Ausland

Angehörige von Coronatoten in Italien reichen Klage ein

Mittwoch, 10. Juni 2020

Eine Vertreterin des Kollektivs „Noi denunceremo“, welches die Sammelklage gegen Unbekannt eingereicht hatte, stellt sich vor dem Gericht in Bergamo der Presse. /picture alliance, ZUMAPRESS.com, Claudio Furlan

Bergamo – 50 Angehörige von Opfern der Coronapandemie in Italien haben Strafanzeige wegen des Umgangs mit der Krise erstattet. Die Sammelklage gegen Unbekannt wurde heute bei der Staatsanwaltschaft der besonders schwer betroffenen Stadt Bergamo in der Lombardei eingereicht, weil diese zum Symbol der landesweiten Coronawelle wurde, wie Mitinitiator Stefano Fusco sagte. Weitere 150 Klagen seien in Vorbereitung.

Der 31-Jährige hatte nach dem Tod seines Großvaters im März in einem Pflegeheim die Facebook-Gruppe „Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer von COVID-19“ gegründet, um mit anderen Angehörigen Kontakt aufzunehmen, die ähnliche Dramen erlebt haben. Inzwischen hat die Gruppe 55.000 Mitglieder. „Wir wollen keine Rache, wir wollen Ge­rechtigkeit“, sagte Fusco.

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Bei der Staatsanwaltschaft in Bergamo laufen bereits weitere Verfahren wegen der vielen Coronatoten seit Ausbruch der Epidemie im Februar in Italien. Örtliche Familien werfen den Behörden der Region Lombardei unter anderem vor, Sperrzonen zu spät eingerichtet und durch jahrelange Kürzungen im Gesundheitswesen die Krise verschärft zu haben.

Bei den nun eingereichten Klagen geht es auch um einzelne Schicksale inmitten der Kri­se. Die Apothekerin Cristine Longhini etwa erzählt, wie der Rettungsdienst sich zunächst weigerte, ihren schwer kranken Vater Claudio ins Krankenhaus zu bringen, solange er kei­ne massiven Atemprobleme habe.

Als der 65-Jährige schließlich in eine Spezialklinik für COVID-19-Patienten nach Bergamo gebracht wurde, gab es auf der Intensivstation kein freies Bett mehr. Als er starb, „verga­ßen sie, uns zu informieren“, berichtet Longhini. Und als die 39-Jährige ins Krankenhaus musste, um ihren Vater zu identifizieren, „gaben sie mir seine persönlichen Gegenstände in einem Müllsack, darunter seine kontaminierte, blutige Kleidung“.

Wegen der überfüllten Friedhöfe wurde der Sarg mit der Leiche von Longhinis Vater per Armeelastwagen weggebracht. Wohin er gebracht wurde, erfuhr die Familie erst, als sie die Rechnung eines 200 Kilometer entfernten Krematoriums erhielt. Sie habe sich nun zu der Klage entschlossen, weil sie und ihre Mitstreiter denken, dass die Krise nicht „ange­messen gehandhabt wurde“, sagt Longhini. „Niemand übernimmt Verantwortung, nie­mand hat sich entschuldigt.“

Diego Federici, der beide Eltern verlor, betont, es gehe bei der Anzeige nicht um Geld: „Wir wollen keine Entschädigung. Keine Geldsumme kann mir meine Eltern zurückgeben“. Der 35-Jährige und seine Mitkläger wollten vielmehr, dass die Verantwortlichen zur Re­chenschaft gezogen werden und „dass so etwas nie mehr geschehen kann“.

Stefano Fuscos Vater Luca, der Vorsitzende des hinter der Sammelklage stehenden Komi­tees „Noi Denunceremo“ (Wir prangern an), forderte Aufklärung darüber, wie die Provin­zen Bergamo und Brescia mit dem Notstand umgegangen seien, „um zu verstehen, wer genau welche Fehler gemacht hat“.

Ähnlich äußerte sich auch Laura Capella. Die 57-Jährige fing an zu weinen, als sie vom Tod ihres Vaters erzählte, der auf völlig überforderte Ärzte traf. Er sei gestorben, „ohne dass ich mich von ihm verabschieden konnte“, sagt sie. „Wir wurden im Stich gelassen, und wir fühlen uns immer noch im Stich gelassen.“ © afp/aerzteblatt.de

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