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Ärzteschaft

Ärzte dringen auf weitere Vorkehrungen für Gesundheitskrisen

Montag, 15. Juni 2020

Klaus Reinhardt /Gebhardt

Berlin – Der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK), Klaus Reinhardt, dringt angesichts der Pandemie auf weitere Verbesserungen der Krisenmechanismen. „Wir müssen jetzt die Zeit nutzen, damit wir für ein mögliches Wiederaufflackern der Coronainfektionen und für künftige Epidemien gut gerüstet sind“, sagte er.

Die Krise habe gezeigt, dass engere europäische Vernetzung und Abstimmung nötig sei­en. Das gelte für Meldestrukturen, technische Plattformen von Corona-Apps, Vorräte an Schutzausrüstung und das Entwickeln von Medikamenten und Impfstoffen.

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„In Deutschland hat die Politik vieles richtig gemacht“, sagte Reinhardt. „Trotzdem müssen wir auch hier Strukturen reformieren.“ Die Zuständigkeiten von Bund und Ländern in Kri­senzeiten seien klar zu regeln.

„Wir brauchen ein vernetztes System von Krisenstäben, das dauerhaft auf Standby ge­schaltet ist.“ Nachzuhalten sei zudem, dass Bund, Länder, Kommunen und öffentliche Ein­richtungen Pandemiepläne regelmäßig aktualisierten und zu Übungszwecken scharf schal­teten.

Reinhardt befürwortete weitere Lockerungen von Coronabeschränkungen, deren Auswir­kungen aber sehr genau zu beobachten seien. Auch nach den bisherigen Öffnungs­­schritt­en spiele sich das Infektionsgeschehen glücklicherweise nach wie vor auf einem niedri­gen Niveau ab. „Es ist deshalb geboten und auch aus Sicht des Infektions­schutzes durch­aus verantwortbar, die Aufhebung weiterer Einschränkungen zu prüfen.“

Mit Blick auf weitergehende Lockerungen in Thüringen sagte Reinhardt, das Land setze damit auf mehr Eigenverantwortung der Bürger. „Das ist per se nicht falsch, allerdings gehen mir die neu geschaffenen Möglichkeiten für Großveranstaltungen wie Volksfeste und Festivals doch eher zu weit.“

In Thüringen sind Kontaktbeschränkungen seit vorgestern aufgehoben. Es wird nur noch empfohlen, sich nur mit einem weiteren Haushalt oder maximal zehn Menschen zu treffen. Volksfeste und Festivals sollen in Einzelfällen wieder erlaubt werden können.

„Wir müssen darauf achten, dass es keine unkontrollierte Dynamik gibt“, sagte Reinhardt. Wichtig sei, dass Länder und Kommunen schnell reagieren könnten. „Wir brauchen pass­genaue Eindämmungsmaßnahmen vor Ort, damit wir bei einem möglichen Wiederauf­flammen nicht ein ganzes Land oder ganze Regionen stilllegen müssen.“

Bei Großveranstaltungen müsse man weiter zurückhaltend sein, betonte der BÄK-Präsi­dent. Dies müsse jetzt definitiv nicht sein, auch wenn es für Veranstalter natürlich bitter sei. „Damit sollten wir warten, bis es einen Impfstoff oder zumindest eine gute Therapie bei schweren Verläufen gibt. Es sind ja genau solche Ereignisse, bei denen schnell einige wenige Infizierte sehr viele Menschen anstecken können.“

Mit Blick auf die Schulen sprach Reinhardt von einer schwierigen Frage. „Es ist nicht ganz einfach, im normalen Schulbetrieb Abstand und Hygieneregeln gerade bei klei­neren Kin­dern in irgendeiner Form aufrechtzuerhalten.“

Andererseits gingen Kinder schon seit Monaten nicht regelhaft zur Schule. Homeschoo­ling könne das nicht ersetzen, besonders auch das Miteinander mit Gleichaltrigen. „Es geht um Bildungschancen und Lebenszeit von Kindern, die nicht einfach wiedergutzu­machen oder nachzuholen sind.“

In der Abwägung sei er daher dafür, ein bisschen mehr Mut zu haben. „Wir sollten versu­chen, nach den Sommerferien so gut wie möglich zu regelhaftem Unterricht zurückzu­kommen.“ Dafür sollten pragmatische Lösungen gesucht werden. So könnten Lehrkräfte, die zu Risikogruppen zählen, den Präsenzunterricht durch digitale Angebote ergänzen.

Angesichts von Sorgen vor einer erneuten Zunahme von Infektionen sagte der BÄK-Chef: „Ich spreche ungern von einer zweiten Welle, weil es viele Menschen nur noch mehr ver­ängstigt. Das hört sich nach Tsunami an, nach einer Welle, in der man unter­gehen kann.“

Auch mit Blick auf den Herbst und Winter sei es wahrscheinlich, dass das Infektions­ge­schehen schwanke. „Wenn wir die Abstands- und Hygieneregeln weiter gut einhalten, kann es aber gelingen, ein großes Aufflackern zu verhindern. Sicher weiß das aber nie­mand, insofern bleibt Vorsicht angebracht.“

Zwar könne es passieren, dass manche im Alltag nachlässiger würden. „Es ist mensch­lich, dass die Disziplin ein bisschen nachlässt, wenn die Gefahr nicht mehr so offen­sichtlich ist.“ Es sei aber unverändert wichtig, sich zum Beispiel nicht die Hände zu geben, sondern etwa den Coronagruß mit dem Ellenbogen zu nutzen.

„Auch dabei kann man sich nett ins Gesicht gucken und einen freundlichen guten Tag wünschen.“ Diese Schutzmaßnahmen seien zum jetzigen Zeitpunkt unverändert richtig und wichtig, sagte Reinhardt. „Daran sollte man alle erinnern und vielleicht auch ein bisschen wohlwollend ermahnen.“ © dpa/aerzteblatt.de

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