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Medizin

Multiple Sklerose: Hakenwürmer erzielen in randomisierter Studie nur schwache Wirkung

Dienstag, 30. Juni 2020

/SciePro, stock.adobe.com

Nottingham – Die absichtliche Infektion mit Larven des Hakenwurms Necator americanus hat in einer placebokontrollierten Studie an Patienten mit schubförmig remittierender Multipler Sklerose (RRMS) zwar die Bildung von regulatorischen T-Zellen stimuliert.

Ein Einfluss auf die Gesamtzahl der Läsionen in der Magnetresonanztomo­grafie (MRT) wurde laut den jetzt in JAMA Neurology (2020; DOI: 10.1001/jamaneurol.2020.1118) publizierten Ergebnissen jedoch nicht erreicht, auch wenn es einen Rückgang bei den neuen Läsionen gab.

Der Einsatz von Parasiten bei der Multiplen Sklerose geht auf die sogenannte Hygienehypothese zurück. Diese postuliert, dass das Ausbleiben oder die Verzögerung bestimmter Infektionen, hauptsächlich im Kindesalter, für die Zunahme von allergischen und Autoimmunerkrankungen in modernen Gesellschaften verantwortlich ist.

Tatsächlich haben Medikamente und Hygienemaßnahmen eine ganze Abteilung der Immunabwehr „arbeitslos“ gemacht. IgE-Antikörper sind für die Abwehr von Parasiten zuständig, die bis in die letzten Jahrhunderte hinein ein ständiger Begleiter der Menschheit waren. Vor allem Darmparasiten waren in früheren Generationen weit verbreitet. Die Behandlung mit Darmparasiten soll diesen „natürlichen“ Zustand wieder herstellen.

Nachdem sich die Behandlung mit Helminthen („Würmern“) in Tiermodellen der Multiplen Sklerose als protektiv erwiesen hatten, wurde 2008 an der Universität von Wisconsin in Madison eine erste klinische Studie begonnen. 5 Patienten mit neu diagnostizierter RRMS nahmen in der HINT 1-Studie („Helminth-Induced Immunomodulatory Therapy“) über 3 Monate alle 2 Wochen 2.500 Eier von Trichuris suis ein, einem apathogenen Schweinepeitschenwurm.

Die Behandlung erwies sich als sicher. Außer leichten gastrointestinalen Nebenwir­kungen waren laut der Publikation im Multiple Sclerosis Journal (2011; 17: 743-754) keine Nebenwirkungen aufgetreten. In der MRT wurde ein Rückgang der mit Gadolinium verstärkten Läsionen beobachtet. Nach dem Ende der Therapie kam es zu einer erneuten Zunahme der Läsionen.

Die Anschlussstudie HINT 2 bestätigte die Ergebnisse. Dieses Mal sprachen 12 von 16 Patienten auf die Behandlung an und in der MRT kam es zu einem Rückgang der aktiven Läsionen um 35 % (Multiple Sclerosis Journal 2019; 25: 81-91).

Die beiden HINT-Studien hatten keine Vergleichsgruppe und andere Studien waren weniger erfolgreich. Bei den 10 Teilnehmern der dänischen TRIMS A-Studie wurde kein Rückgang der Läsionen beobachtet, 2 Patienten erlitten noch während der Behandlung mit Trichuris suis einen Rückfall (Multiple Sclerosis Journal 2015; 21: 1723-9). Die Ergebnisse der von der Berliner Charité durchgeführten TRIOMS-Studie wurden nicht veröffentlicht.

Jetzt stellt ein Team um David Pritchard von der Universität Nottingham erstmals Ergebnisse einer randomisierten Placebo-kontrollierten Studie vor. An der WIRMS-Studie („Worms for Immune Regulation of MS“) waren 71 Patienten auf eine Behandlung mit Necator americanus oder Placebo randomisiert worden.

N. americanus gehört zu den Hakenwürmern, die im Erdreich vorkommen. Die Larven verfügen über 2 Schneideplatten, mit deren Hilfe sie sich einen Weg in die Haut bahnen. Über Lymph- und Blutgefäße gelangen sie in die Lungen. Dort graben sie sich in die Lungenalveolen, wandern dann die Atemwege nach oben zum Rachen.

Mit dem Schluckakt gelangen sie über den Magen in den Dünndarm, wo sie zu erwachsenen Formen heranwachsen und sich dauerhaft niederlassen. Die Infektion kann bei Kindern zu Anämie, Unterernährung und zu einer Verzögerung der kognitiven Entwicklung führen.

In der WIRMS-Studie hatte die Infektion mit N. americanus keine schweren Neben­wirkungen. Die Teilnehmer waren jeweils mit 25 Larven infiziert worden. Diese befanden sich auf einem Gazeverband, den die Patienten über mehr als 30 Minuten am Unterarm getragen hatten. Bei der Hälfte war der Verband frei von Larven. Bei allen 35 Patienten, die mit N. americanus exponiert wurden, konnte später eine Infektion durch Gennach­weis in den Stuhlproben bestätigt werden.

Primärer Endpunkt war die Entwicklung der Läsionen in der MRT. Hier kam es, wie Pritchard jetzt mitteilen musste, zu keiner Verbesserung. Nach 9 Monaten betrug die kumulative Anzahl neuer T2-Läsionen, neu verstärkender Läsionen oder vergrößerter Läsionen bei den infizierten Patienten 154 und in der Placebo-Gruppe 164. Der Unterschied war statistisch nicht signifikant.

Eine Post-hoc-Analyse ergab allerdings, dass die Zahl der Patienten ohne aktive Läsionen in der Gruppe, die mit Hakenwürmern infiziert wurde, höher war als in der Placebo­gruppe (51 versus 28 %). Und die Zahl der Patienten mit Krankheitsschub war in der Haken­wurm­gruppe geringer (5 versus 11 Schübe; 14,3 versus 30,6 %).

Auch bei den Immunparametern war ein Vorteil erkennbar. Der Anteil der T-regula­torischen Zellen (die Autoimmunreaktionen verhindern) war in der Hakenwurmgruppe auf 4,4 % angestiegen, während er in der Placebo-Gruppe bei 3,9 % verharrte.

Dennoch können die Ergebnisse nicht als Erfolg gewertet werden, da im primären Endpunkt kein signifikanter Vorteil erzielt wurde. Pritchard hofft, dass die Ergebnisse den Weg für weitere Studien öffnen.

Daniel Ontaneda vom Mellen Center for Multiple Sclerosis an der Cleveland Clinic stuft die Ergebnisse weniger positiv ein. Seiner Ansicht nach habe die Studie bisher keine überzeugenden Ergebnisse geliefert und es sei besser, die „Würmer im Schlamm zu lassen“, so der Titel des Editorials. © rme/aerzteblatt.de

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Avatar #106067
dr.med.thomas.g.schaetzler
am Dienstag, 30. Juni 2020, 18:59

Die Hakenwurm-Therapie ist doch eher die Krankheit...

bei Multipler Sklerose, die man zu behandeln vorgibt!

Necator americanus, ein Nematode, lebt im Dünndarm von Menschen, Hunden, Katzen. Mit dem artverwandten Ancylostoma duodenale (AC-D) ist er humanpathogener Auslöser der Ancylostomatidose.

Er unterscheidet sich von AC-D durch geografische Verbreitung, unterschiedliche Mundapparate und Größe. 2 dorsale und zwei ventrale Schneideplatten finden sich im vorderen Rand seiner Mundkapsel. Er hat je ein paar subdorsale sowie subventrale Zähne nahe des Hinterleibes. Die männlichen Tiere werden 7-9 mm, die weiblichen 9-11 mm lang. Sie leben etwa 3 bis 5 Jahre. Fertilisierte Weibchen legt 5000 bis 10.000 Eier täglich. Die adulten Würmer ernähren sich an den Villi vom Blut des Wirtes, welches zu abdominalen Schmerzen, Diarrhoe, Krämpfen, Gewichtsverlust bis hin zu Anorexie führen kann. Eine hohe Parasitenlast führt zu Anämie und Eisenmangel, die in Kleinkindern zu physischen und psychischen Entwicklungsstörungen führen können.

Die infektiöse Filarienform ist in der Lage, die menschliche Haut zu durchdringen, die Lymph- und Blutgefäße zu durchwandern und sich in Richtung Lunge zu bewegen. In der Lunge durchdringt sie die Alveolen und steigt die Trachea hinauf, um mit dem Speichel beim Schlucken in den Dünndarm zu gelangen. Im Dünndarm wachsen die Larven zu adulten Würmern und ernähren sich vom Blut des Wirtes, indem sie sich an den Dünndarmzotten festbeißen. Nach der Paarung kann ein fertilisiertes Weibchen 5000 bis 10.000 Eier produzieren, die mit dem Fäzes ausgeschieden werden.

Die Necator americanus Infektion wird mit Benzimidazol, Albendazol und Mebendazol behandelt. Eine einzelne orale Gabe Tetrachloroethen auf nüchternen Magen eliminiert 90% der Wurmlast. Als Alternative wird Pyrantel Pamoate verabreicht. Kryotherapie wird zum Behandeln kutaner Wurminfestationen verwendet.
(modifiziert https://flexikon-mobile.doccheck.com/de/Necator_americanus)

Mein Fazit: Weitgehende Wirkungslosigkeit bei Multipler Sklerose, und Nebenwirkungs-Trächtigkeit.

Mf + kG, Dr. med. Th. G. Schätzler FAfAM Dortmund
LNS

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