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Vermittlung digitaler Gesundheitskompetenz braucht mehr Akteure

Mittwoch, 17. Juni 2020

/everythingpossible, stock.adobe.com

Berlin – Die Mehrheit der Deutschen fühlt sich im Umgang mit digitalen Gesundheits­anwendungen unsicher. Darauf deutet eine noch nicht veröffentlichte repräsentative Umfrage im Auftrag der Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) hin, die dem Deutschen Ärzteblatt exklusiv vorliegt.

80 Prozent der Befragten wünschen sich demnach eine gemeinsame Auswertung von Daten aus digitalen oder telemedizinischen Anwendungen mit dem Arzt. Für 64 Prozent wäre es laut Umfrage wichtig, dass die Krankenkasse die Anwendung in einer persön­li­chen Beratung erklärt.

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Angesichts solcher Ergebnisse ist das Angebot für die Vermittlung digitaler Gesundheits­kompetenz bisher noch nicht ausreichend, kritisierte eine Expertenrunde im Rahmen der aktuell laufenden Messe für digitale Gesundheitsversorgung DEMA sparks.

Erst seit Dezember 2019 gibt es den Paragraphen 20k des Sozialgesetzbuches. Er legt fest, dass Krankenkassen ihren Versicherten dabei helfen sollen, selbstständig mit tele­medi­zinischen und digitalen Gesundheitsangeboten, wie zum Beispiel Apps, umzu­gehen.

Bisher beschränke sich diese Hilfe aber vor allem auf reine Informationsangebote oder Onlineschulungen, erklärte Marcel Weigand, Generalsekretär des Aktionsbündnis Patien­tensicherheit und Leiter Kooperationen und digitale Transformation bei der UPD Patien­tenberatung Deutschland.

So werde unter anderem die besonders relevante Zielgruppe der über 70-Jährigen nicht angesprochen. „Wenn man versucht, die Kompetenz nur über digitale Angebote zu ver­mitteln, dann erreicht man nur diejenigen, die sich ohnehin schon damit beschäf­tigen“, so Weigand. „Viele Senioren sind die Bedienung digitaler Geräte nicht gewöhnt und müssen erst an solche Gesundheitsangebote herangeführt werden.“ Das passiere bisher kaum.

Laut Umfrage kommen aber auch andere Altersgruppen bisher nur wenig in Kontakt mit digitalen Gesundheitsangeboten. 80 Prozent der Befragten wurde demnach noch nie eine digitale Anwendung empfohlen, ebenso viele gaben an, noch nie ein digitales Gesund­heits­angebot genutzt zu haben. Das liege auch daran, dass sich das Gesetz auf Kranken­kassen und Patienten beschränke, glaubt Weigand.

„Die Vermittlung von digitaler Gesundheitskompetenz sollte eine gemeinschaftliche Auf­gabe aller beteiligten Institutionen sein“, erklärte der UPD-Experte. Gerade im Hinblick auf Senioren würde es etwa helfen, wenn auch Apotheken und Pflegedienste einbezogen würden. Die Koordination müsse dabei über eine zentrale Stelle laufen, die etwa bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung angesiedelt sein könnte.

Laut Umfrage wenden sich 68 Prozent der Befragten auf der Suche nach gesundheits­re­levanten Informationen an ihren Arzt. Der sei aber nicht nur Vermittler, sondern müsse teilweise auch selbst noch im Umgang mit digitalen Anwendungen geschult werden. „Das ist im Gesetz nicht berücksichtigt“, kritisierte Weigand.

Mit dem Angebot einer Videosprechstunde hätten sich beispielsweise viele Ärzte erst un­ter dem Druck der Coronapandemie beschäftigt. Viele würden vor dem Aufwand zurück­schrecken, den sie beim Einsatz digitaler Gesundheitsangebote befürchten, ergänzte Christian Weymayr, stellvertretender Leiter des Sonderprojekts „Making SDM (Shared Decision Making) a Reality“ am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein, der ebenfalls an dem Expertengespräch teilnahm. Der Nutzen müsse also zunächst verdeutlicht werden.

Auch für die Patienten erschließen sich die Vorteile oft nicht. 59 Prozent der Deutschen suchen laut Umfrage zwar im Internet nach Gesundheitsinformationen. „Das beschränkt sich aber in der Regel darauf, Symptome oder Aussagen des Arztes zu googeln, die man nicht verstanden hat“, erklärte Diskussionsteilnehmerin Gabriele Gonschor, die bei der SBK als Fachsprecherin für Neue Versorgungsangebote verantwortlich ist.

Dass es für viele Bereiche bereits hilfreiche Apps oder andere Anwendungen gibt, wüss­ten viele Patienten gar nicht. Oftmals fühlten sie sich auch nicht angesprochen, weil die Angebote zu weit von ihrem Alltag entfernt seien. Diese Wahrnehmung spiegelt sich auch in der Umfrage wieder. 82 Prozent der Befragten wünschen sich demnach, dass digitale Gesundheitsangebote individuell auf sie zugeschnitten werden.

Perspektivisch könne die elektronische Patientenakte (ePA) hierfür ein guter Ansatz sein, erklärte Weigand. „Bekommt eine Patientin etwa die Diagnose Brustkrebs, sollte sie über die ePA Angebote für eine Zweitmeinung erhalten. Steht einem Patienten eine Rücken-OP bevor, sollte er hier eine Auswahl der Kliniken in seiner Nähe finden und den Hinweis, frühzeitig einen Reha-Antrag zu stellen“, so Weigand.

Die Aufgabe, diese Informationen zur Verfügung zu stellen, solle dabei nicht bei Ärzten oder Krankenkassen liegen, sondern zentral von einer Stelle koordiniert werden, die selbstständig arbeitende Algorithmen speziell für diese Anwendung schaffen könne.

„So würde die ePA zu einer Handlungsmanagementplattform statt zu einer reinen Papier­ablage.“ Für einen solchen Einsatz bräuchte es allerdings eine umfassende E-Health-Stra­tegie, ergänzte Weigand. Ob diese bis zur Einführung der ePA im kommen­den Jahr vorlie­ge, bleibe abzuwarten. © alir/aerzteblatt.de

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