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Medizin

Typ-1-Diabetes: Kontinuierliche Blutzuckermessung erzielt Vorteile in 2 Risikogruppen

Donnerstag, 18. Juni 2020

/marketlan, stock.adobe.com

Tampa und Orlando/Florida – Eine kontinuierliche Blutzuckermessung, die Hypo- und Hyperglykämien „in Echtzeit“ erkennt, hat in 2 randomisierten Studien in 2 Risiko­gruppen die Blutzuckereinstellung verbessert.

Nach den im Amerikanischen Ärzteblatt (JAMA) veröffentlichten Ergebnissen wurde bei Jugendlichen und jüngeren Menschen der HbA1c-Wert verbessert (JAMA, 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.6940), bei Senioren konnten Hypoglykämien verhindert werden (JAMA, 2020; DOI: 10.1001/jama.2020.6928).

Geräte, die über einen in die Haut gestochenen Sensor den Blutzucker in kurzen Abstän­den bestimmen, werden seit mehr als 15 Jahren angeboten. Die Systeme erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, ihr Nutzen konnte jedoch in 2 Gruppen, die besonders stark von einer kontinuierlichen Blutzuckermessung profitieren könnten, nicht eindeutig bewiesen werden.

Die erste Risikogruppe sind Jugendliche und junge Erwachsene. Sie befinden sich in einer häufig turbulenten Lebensphase, in der die notwendige Bereitschaft zu regelmäßigen Blutzuckerkontrollen nachlassen kann. Eine kontinuierliche Blutzuckermessung könnte dieser Gruppe helfen, Stoffwechselentgleisungen zu vermeiden.

Doch in einer maßgeblichen Studie des US-amerikanischen Jaeb Center for Health Research an 322 Kindern und Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes konnte für die Alters­gruppe zwischen 15 und 24 Jahren kein Vorteil für die kontinuierliche Blutzucker­messung gezeigt werden. Die HbA1c-Werte entwickelten sich während der 26-wöchigen Behandlung nicht besser als in der Kontrollgruppe, die mehrmals täglich ihren Blutzucker prüfen sollte (NEJM, 2008; DOI: 10.1056/NEJMoa0805017).

Technische Fortschritte bei den Geräten, die inzwischen auch ohne regelmäßige Kalibrierungen (durch konventionelle Messungen mit Teststreifen) auskommen, haben das Forschungsinstitut motiviert, erneut eine randomisierte Studie durchzuführen, an der 153 Menschen mit Typ-1-Diabetes aus der Altersgruppe zwischen 15 und 24 Jahren teilnahmen.

Primärer Endpunkt waren erneut die Veränderungen des HbA1c-Wertes im Verlauf von 26 Wochen, in denen die Teilnehmer auf eine kontinuierliche oder auf konventionelle Blutzuckermessungen randomisiert wurden. Zum Einsatz kam ein Gerät, das noch 2 tägliche Kalibrierungen erforderlich machte.

Zu Beginn der Studie hatten die Teilnehmer einen mittleren HbA1c-Wert von 8,9 %, der damit deutlich über den von den Fachgesellschaften in diesem Alter empfohlenen 7,5 % lag. Bei den 74 Teilnehmern, die auf eine kontinuierliche Blutzuckermessung rando­misiert wurden, kam es nach 26 Wochen zu einem Rückgang des HbA1c-Werts auf 8,5 %.

Das ist zwar noch immer weit von dem empfohlenen Zielwert entfernt. Der Vorteil gegenüber der Gruppe mit mehrmals täglichen Blutzuckermessungen war jedoch eindeutig: In der Vergleichsgruppe hatte sich der HbA1c-Wert von 8,9 % erwartungs­gemäß nicht verändert.

Das Team um Kellee Miller vom Jaeb Center for Health Research in Tampa/Florida ermittelt eine Differenz von 0,37 %-punkten, die mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 0,08 bis 0,66 %-punkten signifikant war.

In der Gruppe mit kontinuierlicher Blutzuckermessung erreichten fast doppelt so viele Patienten eine Verringerung des HbA1c-Werts um 0,5 %-punkte oder mehr (44 gegenüber 21 %). Immerhin 25 % gegenüber 6 % gelang es sogar, den HbA1c-Wert um 1 %-punkt zu senken.

Die kontinuierliche Blutzuckermessung verhinderte auch starke Blutzuckerausschläge. Die Dauer, in der der aktuelle Blutzucker im Zielbereich von 70 bis 180 mg/dl lag, stieg von 9,0 auf 10,3 Stunden am Tag, während es in der Vergleichsgruppe keine wesent­lichen Veränderungen gab (8,7 auf 8,3 Stunden am Tag).

Komplikationen waren insgesamt selten. Zu schweren Hypoglykämien kam es bei 3 Teilnehmern mit kontinuierlicher Blutzuckermessung und bei 2 Teilnehmern mit konven­tionellen Blutzuckerkontrollen. Eine diabetische Ketoazidose trat bei 3 gegenüber 1 Teilnehmer auf.

Die zweite Risikogruppe sind ältere Patienten mit Typ-1-Diabetes. Mit dem Alter kommt es bei vielen Patienten zu einer Zunahme von Hypoglykämie-Episoden, die häufig nicht rechtzeitig erkannt werden. Auch hier gab es in der Vergangenheit Einwände gegen den Einsatz einer kontinuierlichen Blutzuckermessung, die jetzt durch die Ergebnisse einer US-Studie ausgeräumt werden könnten.

An der WISDM-Studie („Wireless Innovation for Seniors With Diabetes Mellitus“) nahmen an 22 Zentren 203 Patienten im Alter von über 60 Jahren (median 68 Jahre) teil, bei denen es trotz hoher HbA1c-Werte vor Beginn der Studie häufiger zu Hypoglykämien gekommen war. Die Hälfte der Teilnehmer wurde auf eine kontinuierliche Blutzucker­messung (mit dem gleichen Gerät wie in der ersten Studie) randomisiert. Die anderen sollten mehrmals täglich Blutzuckermessungen mit Teststreifen durchführen.

Primärer Endpunkt der Studie war die Verkürzung der Zeit, in denen der Blutzucker auf unter 70 mg/dl abgefallen war. Wie Richard Pratley vom AdventHealth Translational Research Institute in Orlando/Florida und Mitarbeiter berichten, konnte die Dauer der Unterzuckerung in der Gruppe mit kontinuierlicher Blutzuckermessung von 73 auf 39 Minuten am Tag verkürzt werden, während es in der Kontrollgruppe zu einer Verläng­erung von 68 auf 70 Minuten kam. Die Differenz von 27 Minuten war mit einem 95-%-Konfidenzintervall von 16 bis 40 Minuten statistisch signifikant.

In der Gruppe mit kontinuierlicher Blutzuckermessung kam es nur bei 1 Patienten zu einer schweren Hypoglykämie, allerdings ohne Bewusstlosigkeit. In der Kontrollgruppe erlitten 10 Patienten eine schwere Hypoglykämie, davon 5 mit Krampfanfällen oder Bewusstlosigkeit. Knochenbrüche (5 versus 1) und Stürze (4 versus 3) waren in der Gruppe mit kontinu­ierlicher Blutzuckermessung etwas häufiger, Notfallaufnahmen (6 versus 8 Fälle) etwas seltener.

Die Vermeidung von Hypoglykämien ging nicht zu Lasten einer Verschlechterung der Blutzuckerkontrolle. Der durchschnittliche HbA1c-Wert verbesserte sich in der Gruppe mit kontinuierlicher Blutzuckermessung von 7,6 auf 7,2 % nach 6 Monaten. In der Kontrollgruppe sankt der HbA1c-Wert nur von 7,5 auf 7,4 %.

Anders als in früheren Studien stieß die kontinuierliche Blutzuckermessung auf eine hohe Akzeptanz: 81 % der Studienteilnehmer benutzten die Geräte 6 Monate nach Beginn der Studie noch 7 Tage die Woche.

Die Studie zeigt damit, dass die kontinuierliche Blutzuckermessung auch bei älteren Erwachsenen mit Typ-1-Diabetes effektiv eingesetzt werden kann, um Hypoglykämien zu reduzieren und die allgemeine Blutzuckerkontrolle zu verbessern. © rme/aerzteblatt.de

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